Wahlkampf :
Frank Stauss: "Die SPD lockt mit dem eigenen Blut die Haie an"

Frank Stauss, Chef der Agentur Butter, Autor des Buches  "Höllenritt Wahlkampf" und kampagnenerprobter SPD-Mann über das Wahlkampfdesaster seiner Partei. 

Weniger als 100 Tage bleiben bis zur Bundestagswahl am 22. September. Doch die SPD spinnt weiter an ihrer Wahlkampf-Geschichte aus Pleiten, Pech und Pannen. Ob die Partei überhaupt noch eine Chance hat, in ihrer Wahlkampagne das Ruder herumzureißen, analysiert der Buchautor, Werber und Ex-SPD-Kampagnero Frank Stauss im Interview mit W&V.

Herr Stauss,  wenn Sie den derzeitigen Wahlkampf der SPD beobachten, kriegen Sie als alter SPD-Kampagnero dann Schweißausbrüche?

Stauss: Nein, die krieg ich nur, wenn ich selbst dabei bin. Niemand würde aber bestreiten, dass da viel schief gelaufen ist. Allerdings steht uns die heiße Phase des Wahlkampfs erst noch bevor. Von der Kampagne,  die wir zum Ende hin präsentiert bekommen, haben wir bis jetzt noch nichts gesehen. Da kann also noch einiges passieren.

Einfach wird es für die Agenturkollegen von Super J+K aber nicht. Können die angesichts andauernder Kommunikationspannen das Ruder überhaupt herumreißen?

Für die Agentur ist das eine schwierige Phase, weil sie auf einen Resonanzboden aufsetzen muss, der bereits vordefiniert ist. Die Kampagne befindet sich insofern in einem kritischen Stadium. Die Partei hat sich mit einer gewissen Fehler-Fülle und einem schwierigen Start die Beine am Riff aufgerissen und lockt jetzt mit dem eigenen Blut die Haie an. Wenn eine Kampagne einmal in Schwierigkeiten ist, fokussieren alle nur noch auf die Schwierigkeiten. Dann ist es schwer, aus so einem Strudel wieder herauszukommen.

Eigentlich sollte mit dem Merkel-Attacke-Plakat endlich zum Angriff geblasen werden. Stattdessen dominierte Steinbrücks Gabriel-Anpfiff die Berichterstattung. Hat die SPD schon verloren bevor sie überhaupt richtig zu kämpfen angefangen hat?

Die Menschen haben über mehrere Monate hinweg von den Schwierigkeiten der SPD-Kampagne erfahren, das spiegelt sich auch in den Umfragen wider. Allerdings ist die volle Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit noch nicht da. Die Leute gehen jetzt erst mal in Urlaub, und wenn sie wiederkommen schauen sie noch einmal genau hin. Wenn sich bis dahin nichts mehr tut, wird es sehr schwer für die SPD, zu einem anständigen Ergebnis zu kommen. Die große Aufgabe heißt jetzt, noch etwas zu bewegen. Die Kampagne hat noch nicht richtig Tritt gefasst, weil man merkt, dass die Akteure Gabriel, Nahles und Steinbrück noch nicht richtig Tritt gefasst haben.

Die Politikforscher sagen, Kandidat, Programm und Partei müssen zusammenpassen. Ist das Problem der SPD, dass Steinbrück seine Stärken woanders hat als beim wiederendeckten sozialen Markenkern der SPD?

Es ist vor allem auch ein Problem der Darstellung seiner Person. Nach 20 Jahren in Spitzenpositionen als Landesminister, Ministerpräsident und Bundesfinanzminister  hat Steinbrück mit seiner Politik zwar auch immer auch die soziale Flanke mit bedient. Er war dabei jedoch verengt auf die Rolle des Finanzexperten. Die Aufgabe der Kampagne ist es,  diese Expertise in Einklang zu bringen mit der sozialen Stärke der SPD. Das ist nicht unmöglich. Finanzexpertise und die Sicherung des sozialen Zusammenhalts in der Gesellschaft sind ja keine Gegensätze. Das ist noch nicht richtig rübergekommen.

Kann eine Merkel-Attacke unter den jetzigen Voraussetzungen überhaupt gelingen?

Man hätte ruhig etwas früher anfangen können, Frau Merkel aus dem Olymp, in dem sie sich momentan bewegt,  in die Niederungen des Alltags herunterzuholen. Als sie  sich mit dem Thema Mietdeckelung und anderen sozialen Themen die Finger verbrannt hat, gab es einen Moment der Öffnung für die SPD, um Merkel zu stellen. Doch dann lenkten zwei Faktoren die Aufmerksamkeit wieder von diesem Fehltritt ab -die Flut und die Tatsache, dass die SPD wieder einmal mit sich selbst beschäftigt war.

Laut Politikwissenschaftler Ralf Tils würden sich die Deutschen wie im Supermarkt  am liebsten Merkels Europapolitik einpacken,  die Mindestlöhne von der SPD und die Energiewende von den Grünen. Ob sie von den Linken oder der FDP was brauchen, wissen sie nicht. Kann ein polarisierender Wahlkampf denn angesichts  dieser Diagnose Wähler überhaupt noch an die Wahlurnen locken?

Die Wähler gehen  dann zur Wahl, wenn sie das Gefühl haben, es gibt etwas zu entscheiden. Wenn wir einen klaren, knallharten  Lagerwahlkampf haben und die Menschen das Gefühl haben, es geht tatsächlich um eine Richtungsentscheidung, dann rücken eigene Partikularinteressen wieder zurück. Dann bekennt man sich zu einer klaren Richtung, die entweder rechts oder links von der Mitte liegt. Diese Konfliktlinien müssen herausgearbeitet werden.

Schafft es die SPD noch oder hat sie sich schon aufgegeben?

Das letzte Lied ist noch nicht gesungen. Die Wahlkämpfe von Hannelore Kraft 2010 oder auch Schröder 2005 zeigen ja, dass sich in den letzten Wochen noch sehr viel bewegen kann. Man muss allerdings bald eine klare Linie finden. Und man muss sofort aufhören, jetzt schon den schwarzen Peter für eine mögliche Niederlage zu verteilen. Das ist das Schlimmste, was einer Wahlkampagne passieren kann, wenn sie von oben aufgegeben wird. 

Zuletzt hatte es so ausgesehen, als würde Merkel nervös. Sie adaptierte die Themen der SPD.  Kann sich die CDU jetzt wieder entspannt zurücklehnen?

Die CDU hat schon Grund, nervös zu werden. Nur durch eine schlecht laufende Kampagne kommt Schwarz-Gelb nicht automatisch auf eine eigene Mehrheit. Das haben die Wahlkämpfe 2005 und 2009 gezeigt, als in den letzten Wochen einige Prozentpunkte verloren gingen.  Die CDU wollte bereits aktiv werden, hat sich aber wieder entschlossen zuzuschauen, weil die anderen so ein schönes Schauspiel bieten. Und Merkel macht im Prinzip, was sie am besten kann, nämlich nichts.

Mehr zum Thema Bundestagswahlkampf gibt es in der aktuellen W&V: "Attacke auf die Wohlfühl-Kanzlerin" finden Sie auf Seite 20. Abo?


Autor:

Judith Pfannenmüller
Judith Pfannenmüller

ist Korrespondentin für W&V in Berlin. Sie schaut gern hinter die Kulissen und stellt Zusammenhänge her. Sie liebt den ständigen Wandel, den rauhen Sound und die thematische Vielfalt in der Hauptstadt.



1 Kommentar

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Anonymous User 19. Juni 2013

Mal ernsthaft: Glaubt die SPD tatsächlich, sie könne mit dem Kandidaten Steinbrück bei der kommenden Wahl mehr als nur Junior-Partner der CDU werden?
Steinbrück als Verfechter der Agenda 2010 steht doch nicht glaubhaft für den Slogan "Das wir entscheidet".

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