Buy Local :
Haidhausen: Die Horror-Vision der Händler

Der Schaufensterbummel im Münchner Stadtviertel Haidhausen musste am Wochenende ausfallen. Viele Einzelhändler verhüllten ihre Schaufenster mit Packpapier. Eine ungewöhnliche Demonstration gegen den Online-Handel.

Text: Frauke Schobelt

14. Oct. 2015 - 5 Kommentare

Das Schaufenster ist für kleine Läden ein wichtiges Marketinginstrument. Gefällt die Auslage, animiert dies Passanten zum Eintreten und Einkaufen. Und im Idealfall auch zum Wiederkehren. Umso bemerkenswerter ist eine Aktion von kleinen Händlern im schönen Münchner Stadtviertel Haidhausen, die ihre liebevoll dekorierten Schaufenster am Wochenende mit Paketpapier zuklebten.

Wer beim Schaufensterbummel hineinschaute, wurde enttäuscht. Statt Produkte sahen Passanten als einzige Deko einen Aufkleber mit dem Hinweis auf eine gemeinsame Aktion der Händler-Initiative Buy local. Darauf der Spruch: "Erst wenn der letzte Laden verschwunden ist ... werdet ihr feststellen, dass online shoppen doch gar nicht so toll war."

40 Händler haben sich vor eineinhalb Jahren in der Initiative Buy local Haidhausen zusammengeschlossen, um mit gemeinsamen Aktionen mehr Kunden in die Läden zu locken. Nun wollten sie gemeinsam ein Zeichen setzen: 22 Händler machten mit und verhüllten nach Ladenschluss ihre Schaufenster, um auf die Übermacht der Online-Händler und Shopping-Malls hinzuweisen. Und auf die Folgen für die Stadtviertel, wenn Kunden lieber anonym im Internet einkaufen, als im Laden vor der eigenen Haustür.

Mitinitiatorin Sabine Doppler bekräftigt gegenüber der "Süddeutschen Zeitung", dass die Händler mit der Kampagne nicht jammern und Kunden anbetteln wollten, lieber bei ihnen zu kaufen. "Die Entscheidung, wer wo kauft, können wir nicht beeinflussen - aber wir können auf die Konsequenz hinweisen", sagt sie. Die Kampagne soll lokalen Kunden bewusst machen, dass sie durch ihr Einkaufsverhalten ihre direkte Umgebung beeinflussen. Die Reaktionen auf der Facebook-Seite der Initiative, die rund 700 Follower hat, sind durchweg positiv.

Die Sorgen der stationären Händler sind begründet. Denn die Deutschen shoppen besonders gerne online, wie eine internationale Studie von Deals.com in Zusammenarbeit mit dem Centre for Retail Research (CRR) zeigt. Demnach hat bereits jeder zweite Bundesbürger 2014 online eingekauft (50,5 Prozent). Mit Pro-Kopf-Ausgaben von 1.054 Euro gehören die deutschen Online-Käufer zu den eifrigsten Shoppern in Europa. 2014 wurden mit E-Commerce in Deutschland 42,9 Milliarden Euro umgesetzt, 8,6 Milliarden Euro mehr als 2013 (34,3 Milliarden). Damit stieg der Online-Anteil im vergangenen Jahr auf zehn Prozent des deutschen Gesamthandelsvolumens. Für 2015 erwarten die Experten einen Umsatz von 52,8 Milliarden Euro und gleichzeitig einen leichten Rückgang im stationären Handel. Die Einzelhändler werden 2015 voraussichtlich etwa 1,8 Prozent weniger erwirtschaften, so die Prognose. Allein der Internetriese Amazon hat laut Geschäftsbericht 2014 in Deutschland einen Umsatz von 11,9 Milliarden Dollar (10,4 Milliarden Euro) erwirtschaftet, fast 1,5 Milliarden Dollar (1,3 Milliarden Euro) mehr als im Vorjahr.

Mit Zusammenschlüssen, Online-Kaufhäusern und gemeinsamen Portalen versuchen die Einzelhändler, sich gegen diese Übermacht zu stemmen. Die Händler-Initiative in Haidhausen wirbt mit Aktionen wie "After-Work-Drinks" und einem Kinospot um mehr "Liebe" für das eigene Stadtviertel. 

mal kurz vom popcorn hochschauen / buy local goes kino / rio filmpalast

Posted by Buy Local Haidhausen on Donnerstag, 1. Oktober 2015

Autor:

Frauke Schobelt, Ressortleiterin
Frauke Schobelt

ist Ressortleiterin im Online-Ressort und schreibt über alles Mögliche in den Kanälen Marketing und Agenturen. Sie hat ein Faible für Kampagnen, die „Kreation des Tages“ und die Nordsee. Und für den Kaffeeautomaten. Seit 2000 im Verlag W&V.



5 Kommentare

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Anonymous User 19. Oktober 2015

die sache mit den öffnungszeiten hat zwei seiten:
a) der konsument hat natürlich gerne öffnungszeiten, die sich nach seinen bedürfnissen richten – also manchmal mitten in der nacht, auch gerne mal sonntags.
b) der verkäufer im einzelhandel hat aber genau so auch ein recht auf freie zeit – also manchmal mitten in der nacht, auch gerne mal sonntags.

ich habe auch keinen sogenannten 9-to-5-job, schaffe es aber trotzdem mal "in die stadt". und ja, ich kann bestätigen, dass das stressig sein kann – viele andere menschen (sonst sind doch immer alle solche socialiser, warum denn samstags in der innenstadt auf einmal nicht mehr!?), parkplatzsuche, schlange stehen, und und und. aber trotzdem ist es etwas anderes eine hose erst anzuprobieren, für gut zu befinden und dann zu kaufen als online für gut zu befinden, zu kaufen und dann zurückzugeben. oder sich mal in einem fachgeschäft von einem kompetenten mitarbeiter ausführlich beraten zu lassen als sich auf die aussagen anonymer online-bewerter zu verlassen. klar, ich kaufe auch online ein. aber nicht nur.

Anonymous User 19. Oktober 2015

Prinzipiell finde ich es traurig, wenn die Innenstädte aussterben. Großstädte wie München werden immer eine lebhafte Innenstadt haben. Aber die kleineren Städte? Allerdings sind Städte und Händler eigentlich auch selbst Schuld.

Wenn ich bei uns in der Innenstadt einkaufen möchte, muss ich erstmal Geld ausgeben um wo parken zu können. Das sehe ich schon mal nicht ein. Da schneiden sich die Städte langfristig ins eigene Fleisch. Lieber jetzt auf die Parkgebühren verzichten, aber langfristig noch Läden in der Innenstadt haben.

Dann haben die Läden Öffnungszeiten, die mit den Arbeitszeiten der meisten Menschen eigentlich nicht vereinbar sind.

Dazu ist das Angebot in den Läden einfach zu begrenzt. Wenn man bestimmte Vorstellungen hat, kommen selbst große Ketten teilweise an ihre Grenzen. Im Internet werde ich dagegen immer fündig - wenn nicht, dann gibt es das von mir gesuchte Produkt nicht.

Die Vergleichsmöglichkeiten sind online auch einfach besser. Dazu die Bewertungen und Tests. Wenn ich da ohnehin schon online bin, warum soll ich dann nicht auch gleich noch bestellen?

Es gäbe in meinen Augen also genug Punkte, die Städte und Läden angehen könnten um wieder Kunden zu gewinnen. Leider passiert rein gar nichts in diese Richtung. Also werden wir bald in allen Städten nur noch Handyläden, Wettcafes und 1-Euro-Läden vorfinden, so wie es in meiner mittelgroßen Heimatstadt mittlerweile ist.

Anonymous User 15. Oktober 2015

Eine tolle Aktion, die schön an mir vorbeigeht. Wieso? Weil die Leiderschaft für die Produkte bei den heutigen Verkäufern fehlt. Weil ich keine Lust mehr auf unfreundliche Verkäufer habe. Weil ich in 30 Minuten Online Recherche mehr über die Produkte weiss als 90% der Verkäufer im Einzelhandel. Weil ich nicht die Produkte kaufen möchte, mit denen schon die 100 Leute vor mir unzufrieden waren. Weil ich keine Lust habe 60 Minuten einen Parkplatz zu suchen und mit 1.000 Menschen in einer Schlange zu stehen um mir einen neuen Kugelschreiber zu kaufen. Weil ich nicht als Bittsteller mein mühsam erarbeitetes Geld ausgeben möchte, weil ich ja glücklich sein muss, dass ich in dem Geschäft einkaufen darf. Weil ich beim Umtauschen im Einzelhandel genau die gleichen Hürden habe wie im Online-Shopping. Weil ich einen Job habe und es mir nicht leisten kann zwischen 09 und 18 Uhr einkaufen zu gehen. Weil ich mein Wochenende stressfrei geniessen möchte und nicht in der Stadt mit 300.000 anderen Menschen. Niemand zerstört den Einzelhandel! Der Einzelhandel zerstört sich selbst, weil sie nicht in der Lage sind die Bedürfnisse der Kunden zu verstehen und sich zu überlegen, wie man es besser machen kann. Sie trauern lieber den alten glorreichen Zeiten nach und schimpfen über den bösen Online-Händler. Aufstehen und besser machen kann man da nur sagen und vielleicht kommt dann auch mal wieder jemand zu euch in den Laden.

Anonymous User 15. Oktober 2015

In Bayern haben die Läden bis 20h auf. Wer da keinen Beamtenjob hat, steht am Feierabend meist vor geschlossenen Türen. Da ist Online-Shopping ein Segen.

Anonymous User 14. Oktober 2015

Ich gehe nie in die Stadt zum Shoppen... ich gebe es zu. Ich wohne in München. Und ich geh deswegen nicht, weil es stets und ständig überall brechend voll ist und man dann zu Aggressionen neigt vor Unmengen an Menschen. Ich kann mir nicht vorstellen dass man für Einzelhändler in der Stadt sammeln muss.
Aufm Dorf sieht die Sache schon anders aus.

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