Ich mache mich schon lange für Themen wie Mobbing, LGBTQ-Rechte oder HIV stark. Schon vor meiner Karriere als Blogger vor sieben Jahren habe ich das getan, und mein Blog hat mir sicher dabei geholfen, diese Botschaft auch voranzutreiben. Trotzdem wollte ich mich nie nur auf das Medium Blog reduzieren lassen und auch in anderen Medien stattfinden, was nicht immer leicht war. Für klassische Medien sind Blogger ein "+Phänomen", die über das perfekte Selfie sprechen oder darüber, wie man im Internet Geld verdienen kann. Ich habe das Gefühl, dass meine eigentliche Message, die so viel mehr ausmacht als sich gut mit sozialen Netzwerken auszukennen, dadurch nicht mehr das Gehör bekommen hat, die sie verdient hatte.

Mit der Konsequenz, dass die Marke Riccardo Simonetti jetzt ganz neu aufgestellt werden soll. Wie wird sie sich von der des "alten" Riccardo unterscheiden?

Ich folge bei allen Entscheidungen, die ich treffe - sei es privat oder beruflich -  immer meinem Herzen. So kitschig sich das auch anhören mag (lacht). Ich versuche nur Dinge zu tun, die sich für mich richtig anfühlen. Beruflich bedeutet das für mich, dass ich es bewusst ablehne, nur auf Social-Media-Jobs reduziert zu werden. Selbst wenn dahinter oft relevante Budgets stecken, sind es nicht die Projekte, mit denen ich mich identifiziere. Natürlich arbeite ich weiter mit Marken zusammen, aber eher als Testimonial oder klassischer Markenbotschafter und eben nicht mehr als klassisches Social-Media-Vergrößerungsglas. Außerdem lege ich den Fokus auch vermehrt auf Projekte, die außerhalb des digitalen Raums liegen.

Zum Beispiel?

Mein zweites Buch erscheint beispielsweise Ende des Jahres. Ein Kinderbuch über das Brechen mit klassischen Gender-Rollen – man kann Toleranz meiner Meinung nach nicht früh genug vermitteln. Das alles bedeutet aber nicht, dass Social Media nicht auch weiter ein wichtiges Thema für mich bleibt. Das ist es aber übrigens für alle Personen in der Öffentlichkeit, egal ob klassischer Influencer, Schauspieler, Sportler oder Sänger.  

SimonettiBlog

Macht Schluss mit dem Blogger-Dasein: Riccardo Simonetti

Wenn Du künftig also nicht mehr "der Blogger" bist - in welcher Kategorie siehst Du Dich dann?

Ich selber verstehe mich als Entertainer, weil das immer das war, was ich am liebsten getan habe. Und egal, ob es Social Media ist, eine Fernsehkamera oder die Bühne - Menschen unterhalten und inspirieren zu dürfen, war immer mein Traum. 

Was bedeutet das für mögliche Werbekooperationen? Öffnet es den Weg zu neuen Zielgruppen - und damit auch anderen Werbepartnern?

Man wird oft als Teenie-Phänomen eingestuft, als ein Vorbild für junge Menschen. Aber wer einen Tag mit mir verbringt und mit mir zusammen auf die Straße geht, wird feststellen, dass meine Zielgruppe schon längst sehr breit gefächert ist und von alt bis jung so ziemlich alle Altersklassen miteinbezieht. Das liegt sicher auch an den vielen Fernsehformaten, die ich gemacht habe und die oft ein erwachseneres Publikum ansprechen. Ich glaube, dass das Ende meiner Blogger-Karriere der absolut richtige Schritt für mich ist, um gerade von einer erwachseneren Zielgruppe mehr Aufmerksamkeit für die Projekte zu bekommen, denen ich mich außerhalb der Social-Media-Welt widme. Meine jungen Fans sehen das bereits jetzt, weil sie mit dem Internet aufgewachsen sind und eindeutig sehen, dass ich mehr bin als jemand, der nur hübsche Bilder postet. Dafür bin ich sehr dankbar. 

Bloggen ist harte Arbeit, ständig wird von den Followern neuer Content eingefordert. Auch wenn man das eigentlich gern macht - wird es irgendwann zur Bürde, ständig Output liefern zu müssen?

Für viele bestimmt, für mich war das jedoch eher weniger ein Problem, da ich es gar nicht anders kenne. Ich lebe für die Kamera und mein ganzes Leben sah schon immer so aus. Was ich viel schwieriger finde, ist das ständige Urteil, dem man sich permanent aussetzt und das an einem zerrt. 

Du hast kürzlich erstmals seit langer Zeit eine Social-Media-Pause eingelegt. Wie haben die Fans darauf reagiert - und welche Schlüsse hast Du daraus gezogen?

Ehrlich gesagt war ich ziemlich überrascht, wie viele Leute besorgt waren und wie viele Geschichten es dazu in der Presse gab. Ich habe keine Auszeit von meinem Job gebraucht, den ich liebe, sondern wollte einfach mal etwas machen, ohne mich dem Urteil der Leute zu stellen. Ein konkreter Moment, in dem ich beschlossen habe, dass ich eine Weile für mich brauche, war, als mir vorgeworfen wurde in den Urlaub zu fahren, wo doch auf der Welt "so viel Schlimmes passiert". Die Verantwortung für alles, was auf der Welt passiert, übernehmen zu müssen, beziehungsweise dass die Menschen wirklich glauben, ich müsse das, ist eine enorme psychische Belastung. Ich habe gemerkt, dass ich einfach mal ein bisschen Zeit mit meiner Mama verbringen möchte, ohne mich dafür rechtfertigen zu müssen. Daher habe ich die Konsequenz gezogen und mich für ein paar Wochen rar gemacht.  

Wie wirst Du künftig mit den Followern interagieren? Auf welchen Kanälen? Werden sich die Inhalte ändern - vielleicht werden sie auch etwas weniger privat?

Ich werde sicher auch weiterhin Social Media benutzen, das ist nun mal das stärkste und persönlichste Sprachrohr, das man als öffentliche Person haben kann. Dennoch werde ich bestimmte Bereiche in Zukunft einfach ausklammern. Ich hoffe sehr, meine Fans können diesen Schritt nachvollziehen und schenken den Projekten, denen ich mich in der analogen Welt widme, genauso viel Liebe und Hingabe, wie sie das bei meinem Blog sieben Jahre lang gemacht haben. 

Hast Du das Gefühl, dass viele Deiner Follower über die Jahre hinweg quasi mit Dir zusammen "erwachsen" geworden sind - und sich die Kommunikation auch deswegen ändern muss?

Nicht wenige von ihnen verfolgen mein Leben seit sieben Jahren in der Öffentlichkeit, und das schweißt natürlich zusammen. Nicht nur sie an mich, sondern auch umgekehrt. Ich habe Verantwortung für meine Fans und weiß, dass viele von ihnen Fans von mir sind, weil sie sich erhoffen, selbstbewusster zu werden. Das kann man nicht einfach ignorieren, und das werde ich auch nicht. Dennoch habe ich das Gefühl, das ich dieser Mensch nur sein kann, wenn ich loslasse wer ich war, um zu werden, wer ich wirklich sein möchte. 

Wie siehst Du die Bloggerszene allgemein? Was hat sich in den vergangenen Jahren zum Nachteil verändert, was zum Vorteil?

Als Blogger musste man früher einen Mehrwert schaffen, um sich seinen Einfluss zu verdienen. Das ist heute nicht mehr zwingend nötig. Viele Zahlen werden durch Bots und Fake Follower frisiert, weil alle das Gefühl haben, sie sind nur noch etwas wert, wenn sie Likes und viele Kommentare haben. Das führt dazu, dass fast jeder mittlerweile das gleiche tut, dass alles ähnlich aussieht und origineller Content eine Seltenheit wird. Das finde ich schade.

Zudem leben wir in einer Zeit, in der die Leute nicht mehr nur Follower sind, sondern aktiv teilnehmen. Auch auf eine unschöne Art. Hass im Netz wird immer gesellschaftsfähiger. Immer gerechtfertigt mit einem "Das ist eben meine Meinung – du bist eine öffentliche Person, also musst du damit leben, dass ich sie dir sage".  Social Media ist ein Ort geworden, der in einem vielen Ängste auslösen kann. Ich vergleiche das gerne mit einem Minenfeld. Die Leute denken oft, dass etwas automatisch falsch ist - nur weil sie etwas nicht gut finden. Was aber nicht stimmt. Und so lange wir das nicht verstehen, wissen wir auch nicht, was Toleranz bedeutet. Daher ist es mir nun wichtig, mich vielen Projekten zu widmen, die außerhalb dieser Welt stattfinden. Und ich will einen gewissen Ausgleich finden – zwischen der angemessenen Portion Social Media und vielen neuen spannenden Bereichen.



Manuela Pauker
Autor: Manuela Pauker

leitet das Medienressort der gedruckten W&V. Blattmacherin wollte sie schon früh werden, doch leider gab es zum 14. Geburtstag statt des erhofften Kopierers (zum Produzieren einer Zeitschrift) einen Wandteppich zum Selbstknüpfen. Printmedien blieben dennoch ihre Leidenschaft – auch wenn sie parallel zum TV-Serienjunkie wurde