Louisa Dellert tritt für eine Bewusstseinsänderung ein.

Louisa Dellert tritt für eine Bewusstseinsänderung ein.

Das Interview mit Louisa Dellert führte Dominik Schütte. Es erscheint am 24. September als Cover-Story in The Red Bulletin Innovator (ab Seite 24). W&V veröffentlicht es in Kooperation vorab.

Louisa, wie ging das los mit Instagram und dir?

Es muss jetzt fünf Jahre her sein. Ich fühlte mich zu dick und wollte Inspirationen zum Abnehmen.

Hast du nach Influencern gesucht – auch wenn du den ­Begriff noch gar nicht kanntest?

Genau. Irgendwann habe ich dann selbst angefangen, Fortschritte zu posten, und offensichtlich war ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Es gab auch noch nicht viele Fitness-Accounts auf Deutsch. Die Aufmerksamkeit hat mich zwar überfordert, aber ich fand es cool. Es hat mich gepusht.

Warst du süchtig nach Likes und dem nächsten Kilo weniger?

Ja, das muss ich zugeben. Ich bin zwar auch heute abhängig davon, wie viele Leute meine Bilder auf Instagram liken, aber damals war es krasser. Jedes Like hat mich ­zusätzlich motiviert abzunehmen, damit die Bilder noch besser ­laufen. Ein Teufelskreis.

Hattest du eine Essstörung? 

Ich war nie beim Arzt deswegen, also wurde auch nie etwas dia­gnostiziert. Aber ich hatte ein ­gestörtes Verhältnis zum Essen, ja. Ich habe ausschließlich Salat gemümmelt und geheult, wenn nur Nudeln zu Hause waren.

Dann kam der Schicksalsschlag, eine Herz-OP.

Zu diesem Zeitpunkt wog ich nur noch 46 Kilo. Ich wurde beim Sport bewusstlos und bekam irre Kopfschmerzen. Ein Kardiologe stellte ein Loch in der Herzklappe fest. Das Loch war schon immer da ­gewesen, aber so wie ich meinen Körper gefordert habe, hat es sich dra­matisch vergrößert. Vier Wochen später wurde ich operiert.

Und nichts war wie vorher?

Die OP hat mich zu einem anderen Menschen gemacht. Ich bin in eine Depression gefallen, aber als dieses Tief überwunden war, wusste ich, dass die Herz-OP das Beste war, was mir hatte passieren können. Klingt banal, aber mir wurde klar, dass es Wichtigeres im Leben gibt als Aussehen und Sixpack. Ich guckte in den Spiegel und sagte: Scheiß drauf!

Nur wer sich selbst liebt, kann auch andere lieben.

Nur wer sich selbst liebt, kann auch andere lieben.

Ein Post nach deiner OP zeigt dich auf dem Höhepunkt deiner Körperbesessenheit, daneben hast du ein neueres Foto gestellt, das dich mit ein paar Kilo mehr zeigt. Du siehst toll darauf aus. Wie haben deine Follower reagiert, die dich bis dahin fürs Abnehmen feierten?

Zu 99 Prozent waren die Reaktionen positiv. Es gibt immer den ­einen Kommentar, der ätzend ­negativ ist, klar, aber die meisten Leute fanden gut, dass ich das Thema nach außen trage.

Von nun an war Body Posi­tivity dein Hauptthema – ein radikaler Wandel.

Mein Brustkorb war aufgeschnitten worden, deswegen durfte ich sechs Monate keinen Sport treiben. Mir fiel es leicht, endlich mal zu entspannen. Dieses Lebensgefühl versuchte ich auf Instagram zu übertragen. Irgendwann habe ich mein erstes Cellulite-Posting hochgeladen – mein Hintern mit Dellen. Ich bekam viele wunderbare Reaktionen. Da wurde mir klar, dass ich Menschen viel sinnvoller inspirieren kann, als jungen Girls zu zeigen, wie sie noch ein Kilo runterkriegen. Nur wer sich selbst liebt, kann auch andere ­lieben. Das versuche ich zu vermitteln. Ich merkte schnell, dass ich hier viel mehr bewegen kann, dass ich Teil einer großen Kettenreaktion sein könnte, die vielleicht die Welt verändert.

Awareness is a good start.

Awareness is a good start.

Angesichts deines Sinneswandels – haben sich da Marken von dir abgewandt?

Nein, ich habe mich von ihnen abgewandt – durch die klare Entscheidung, keine Firmen zu unterstützen, die für mich ethisch nicht vertretbar sind. Es schreiben mich immer noch solche Unternehmen an, aber da muss ich sagen: Passt nicht mehr in mein Weltbild – ich will euer Geld nicht. Meine Glaubwürdigkeit wäre dahin, würde ich ihnen auch nur den kleinen Finger reichen, und sie wollen ja sowieso die ganze Hand.

Ging dein Sinneswandel mit ­finanziellen Einbußen einher?

Ja. Ich hätte nicht gedacht, dass ich nur noch so wenig Geld verdienen würde. Das ist okay, ich will keine Millionärin werden, aber ich möchte auch nicht bei jedem Zugticket zu einer politischen Veranstaltung überlegen müssen, wie es Ende des Monats aussieht.

Du hast in deiner Heimatstadt Braunschweig den Zero-Waste-Laden „Naturalou“ aufgemacht. Ist das ein Schritt, dich zu diversifizieren?

Ja, ich wollte ein eigenes Business haben, um mich von Instagram unabhängiger zu machen – und dennoch etwas Gutes zu tun. Da erschien mir ein Unverpackt-­Laden sinnvoll. Die Produkte ­sollen Menschen helfen, weniger Müll zu produzieren, gerade auf dem Land. Deswegen auch der Online-Shop, der den Großteil des Geschäfts ausmacht. Es läuft so gut, dass ich zwei Freundinnen mit reinnehmen konnte.

Habt ihr Investoren?

Na ja, mich. Ich habe alles, was ich in meiner Fitness-Phase verdient habe, in den Laden gesteckt.

Was müsste ein Investor mitbringen, damit du dir eine Beteiligung vorstellen kannst?

Glaubwürdigkeit.

Tut es weh, ständig Schecks abzulehnen?

Ich hätte eine Menge Geld einsacken können. Das ist auch, was ich bei manchen Influencern kritisiere: einen auf nachhaltig machen, aber dann H&M pro­moten. Ich persönlich möchte da Flagge zeigen. Ich glaube fest daran, dass Gutes zurückkommt, wenn man Gutes tut.

Louisa Dellert will gerne etwas zurückgeben.

Louisa Dellert will gerne etwas zurückgeben.

Kannst du dir die Tatsache, dass Giganten wie Amazon und Zalando weiter wachsen, anders erklären als durch Gleichgültigkeit der Konsumenten?

Natürlich gibt es Leute, denen ­alles scheißegal ist. Ich glaube aber nicht, dass Gleichgültigkeit das Hauptproblem ist, sondern immer noch Unwissenheit. Hier sind Politik und Medien gefordert. Wenn jeder Mensch ein Bewusstsein entwickeln würde für den ­eigenen Konsum, wäre viel gewonnen. Da sehe ich auch mich in der Pflicht, gerade auf Social Media.

Hast du auf deinem Weg ­Instagram neu entdeckt?

Ja, ich habe zunächst mein Verhalten umgestellt. Sportabos oder Reise- und Beautykram bin ich entfolgt. Dafür habe ich mir Kanäle gesucht, die mir echten Mehrwert bieten. Die Tagesschau macht Instagram übrigens super. Ich informiere mich aber vor allem abseits von Social Media. Ich habe ein regelrechtes Ritual.

Wie sieht dieses Ritual aus?

Das Thema Klima liegt mir am Herzen, also besuche ich täglich die Seite klimareporter.de, die unabhängig berichtet. Dann gucke ich die Videos aus der Bundespressekonferenz von Tilo Jung. Und ich höre jeden Morgen den Podcast von Gabor Steingart.

Steingart redet einer Umwelt­aktivistin wahrlich nicht nach dem Mund. Setzt du dich bewusst konträren Meinungen aus?

Natürlich! Und ich kann auch jedem nur empfehlen, über den Tellerrand hinauszublicken.

Irgendwann bekamst du ja den Titel Sinnfluencerin verpasst. Dann stifte bitte etwas Sinn: Was kann jeder sofort tun?

Ich schreibe niemandem etwas vor, aber wer mich fragt: Weniger Fleisch zu essen ist der größte ­Hebel. Wie wäre es für den Anfang mit einem Meatless Monday?

Zweiter Tipp?

Plastik vermeiden. Und weggeworfenes Plastik auf­heben. Wenn man das macht, kriegen andere Menschen es mit – eine Ketten­reaktion. Wenn Greta Thunberg nicht vor einem Regierungs­gebäude demonstriert hätte, gäbe es heute keine Protestbewegung.

Sich vernetzen ist wichtig. Alleine erreicht man nichts.

Sich vernetzen ist wichtig. Alleine erreicht man nichts.

Du triffst immer häufiger Spitzenpolitiker wie SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil zum Interview. Wie kam es dazu?

Wer Politik und die Zusammenhänge auf der Welt nicht versteht, versteht gar nichts. Wenn am ­einen Ende der Welt etwas passiert – Überfischung ist ein gutes Beispiel –, dann kann es am anderen Ende katastrophale Auswirkungen haben. Deshalb wollte ich wissen, wie Politiker aktuelle Probleme sehen. Irgendwann kam ein Gespräch mit FDP-Chef Christian Lindner zustande. Das war für mich eine Herausforderung, aber auch eine spannende Erfahrung – und meine Follower hat es auch interessiert. Sie geben mir nun immer Fragen mit, die ich den ­Politikern stelle.

Musst du aufpassen, von ­Politikern nicht ausgenutzt zu werden?

Das habe ich immer im Hinterkopf, ja. Mir wird auch eine zu große Nähe zu den Grünen vor­geworfen, obwohl ich bei der ­Europawahl nicht mal grün gewählt habe. Aber sie geben mir nun mal Zugänge. Bei der CDU dauert es wochenlang, bis man mal einen Termin bekommt – mit Philipp Amthor! Dieses Game spielen die Grünen besser.

Louisa Dellert empfiehlt, über den eigenen Tellerrand hinweg zu schauen.

Louisa Dellert empfiehlt, über den eigenen Tellerrand hinweg zu schauen.

Überfordern die Parteien mit manchen ihrer Ansprüche andererseits viele Menschen?

Zunächst mal finde ich widersprüchlich, bei einem Vorschlag, wie Retouren nicht mehr zu schreddern, sofort von Verbots­politik zu sprechen. Was kann dar­an schlecht sein? Dieses Ge­keife sollten die demokratischen Parteien überwinden, denn kein junger Mensch kann das noch nachvollziehen. Ich glaube übrigens, ein gewisser Konsens unter den demokratischen Parteien würde den Zulauf zur AfD deutlich verringern.

Kannst du dir einen Bundeskanzler Harbeck vorstellen?

Robert Harbeck hat noch nie so viel Verantwortung getragen. Die Grünen sind damit auf vielen Ebenen überfordert. Aber frischen Wind würde es reinbringen.

Du wirst online teilweise beschimpft. Als „grüne Schlampe“ oder „Öko-Nutte“. Wie hältst du das aus?

Es gibt Abende, an denen ich einfach nur heule. Aber das ist okay. Ich will etwas zurückgeben und, wenn ich etwas begreife, den Menschen auch davon erzählen. Das ist es wert.

Immer?

Immer.

Die neuen Sinnfluencer:

Weitere Beispiele - und was sie antreibt!

Marie Nasemann @fairknallt
Lebt in Berlin

Das Ziel: Als Bloggerin und Fashion-Model möchte Nasemann Firmen helfen und sie ermutigen, für Menschen und Umwelt ­faire Mode herzustellen.

Die Story: Eine Brand­katastrophe in einer Näherei in Bangladesch ließ die frühere „GNTM“-Kandidatin die Modeindustrie hinterfragen.

Der Weg: Auf ihrem Blog fairknallt lässt sie die Nutzer an ihrer Suche nach einem umweltbewuss­teren Leben teilnehmen. Ohne erhobenen Zeigefinger.

Der Tipp: Basics bewusst kaufen! Nicht jedes Fashion-Piece ist nachhaltig zu haben. Aber bei Jeans oder T-Shirts kann jeder loslegen.

Lauren Singer @trashisfortossers
Lebt in New York

Das Ziel: Trash is for ­tossers – „Müll ist für ­Idioten“. Das ist nicht nur ihr Name auf Instagram und der ihres Blogs, sondern auch ihr Lebensmotto.

Die Story: Bekannt wurde die New Yorkerin mit einer Challenge: In zwei Jahren produzierte sie nur so viel Müll, wie in ein Einmachglas passte.

Der Weg: Auf Instagram zeigt Lauren, wie fast müllfreies Leben funktioniert. Mit ihrer Marke The Simply Co. stellt sie vegane Reinigungs­mittel her.

Der Tipp: Kompostieren! Lebensmittel so kaufen, dass alles – von der Verpackung bis zum Produkt – auf dem Kompost landen darf, wo daraus Erde wird.

Rob Greenfield @robjgreenfield
Lebt in Florida

Das Ziel: Lebe einfach! Robs Einkommen pro Jahr, der Wert seines Eigentums und sein Vermögen dürfen jeweils 5000 Dollar nicht übersteigen.

Die Story: In 13 Jahren wandelte sich Rob vom konsequenten Party-Guy zum kon­sequenten Öko. Sein Lebensstil geht auf 100 % nachhaltig zu.

Der Weg: Aktuelle Challenge: Ein Jahr lang will er alles, was er isst und trinkt, anbauen oder finden. Bisher ist er erfolgreich – und trotzdem gut gelaunt.

Der Tipp: Sich zurück­nehmen. Robs Lifestyle soll Menschen ­inspirieren, ­weniger zu verbrauchen und umweltfreund­licher zu leben.

Kathryn Kellog @going.zero.waste
Lebt in Kalifornien

Das Ziel: Sie will einen Systemwechsel: weg von der ­linearen Wegwerfgesellschaft hin zu ­einer zirkulierenden Wirtschaft, in der Müll Vergangenheit ist.

Die Story: Nach einem Brustkrebsverdacht, der sich als haltlos erwies, änderte Kathryn ihr ­Leben. Dar­über bloggt sie auf goingzero­waste.com.

Der Weg: In ihrem Buch „101 Ways to Go Zero Waste“ und auf Instagram präsentiert sie eine Menge Ideen für Menschen, die einfache und praktische Tipps wollen.

Der Tipp: Plastik weg, wo's geht: Strohhalme aus Papier, Zahnbürsten aus Bambus - und die Plastiktüte im Supermarkt braucht wirklich niemand mehr.

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W&V Redaktion
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