Eine Chance für die Wasserwerke?

Auch in Berlin und Brandenburg nicht, ergänzt Stephan Natz, Sprecher der Berliner Wasserbetriebe. "Wir haben mit Spree und Havel zwei Gewässer, die die Bezeichnung "Fluss" nicht wirklich verdienen, weil sie zu wenig Wasser führen". Und das trockene Jahr 2018 habe gezeigt, dass die Wiederverwendung von gereinigtem Abwasser durchaus eine Entlastung für die Grundwasservorräte sein könnte.

Die Berliner Wasserbetriebe beteiligen sich als Partner an dem Projekt, denn auch das Unternehmen erforscht seit Jahren die Aufbereitung von Abwasser. Dazu gehören neben Schmutzwasser aus Haushalten wie Toilettenwasser, Küchenwasser mit Gemüse- und Speiseresten sowie Putz-, Wasch- und Badewasser, auch Wasser aus Industrie und Gewerbe und Niederschlagswasser. Letzteres enthält den Schmutz von Dächern, Gärten oder auch Straßen.

Noch wird das gereinigte Wasser aus den sechs Berliner Klärwerken nur in Fließgewässer geleitet und geht wieder ins Grundwasser über, von wo das Trinkwasser gewonnen wird. Doch Bier aus Abwasser - ist das die Zukunft? Für den Sprecher der Wasserbetriebe ist es "eher ein Gag". "Wir wollen zeigen, dass es zumindest technisch möglich ist." Er glaube auch, dass Bier aus herkömmlichem Wasser besser schmecke. Denn im Gegensatz zum hochgereinigten Wasser enthalte es noch viele Mineralien als Geschmacksträger.

Die Bier-Idee ist nicht ganz neu. Auch in den USA habe es schon Brauprojekte gegeben, um Bewohnern verschiedener Regionen die Nutzung von aufbereitetem Abwasser im wahrsten Sinne des Wortes schmackhaft zu machen, erzählt Scheideler. Und selbst im Bierland Tschechien gibt es Hopfensaft aus Recyclingwasser. Erst vor wenigen Tagen berichtete "Radio Praha" über eine Kleinbrauerei in Südböhmen, die 15 Hektoliter Bier mit Recycling-Wasser aus einer Prager Kläranlage gebraut hat.

"Auch die Technologie zur Reinigung des Wassers ist nicht neu", sagt Natz. An vielen Orten der Welt werde sie eingesetzt, vor allem in Wassermangel-Gebieten in Afrika. Und auch im Weltall: "Die Astronauten der ISS zum Beispiel können nur 50 Liter pro Kopf mit ins All nehmen und müssen damit monatelang auskommen."

Laut Xylem kann das Wasser in einem mehrstufigen Verfahren so sauber werden, dass es die Qualität vieler Tafelwässer sogar noch übertrifft. Neben Ozon und Aktivkohle können demnach auch Wasserstoffperoxid und UV-Licht eingesetzt werden, um Viren, Keime, Industriechemikalien und andere Schadstoffe zu entfernen.

"Wenn die Energie keine Rolle spielt, kriegen wir Wasser sonstwie sauber", sagt Natz. Doch die Reinigung bis zur höchstmöglichen Stufe sei momentan noch sehr teuer und aufwändig. In Berlin werde derzeit deshalb auch getestet, ob mit der Reinigung in natürlichen Anlagen die Kosten gesenkt werden können. In Zukunft werde Abwasser auf jeden Fall eine größere Rolle spielen als bislang, ist Natz überzeugt.

Aber auch als Bierzutat? Biertrinken ist in Deutschland längst nicht mehr so beliebt, wie es einmal war - und der Trend zu einem geringeren Verbrauch hält laut Statistischem Bundesamt an. Gleichzeitig steigt der Export ins Ausland. Experten erklären sich die hohe Nachfrage aus dem Ausland mit dem Reinheitsgebot für Bier von 1516: Es gilt als älteste Lebensmittelgesetz der Welt und schreibt vor, dass nur Wasser, Hopfen und Malz ins Bier dürfen.

Der Deutsche Brauer-Bund kann das Abwasser-Bier-Projekt nach eigenen Worten nicht beurteilen. Es sei dem Verband nicht bekannt, so Sprecher Holger Eichele. Der Verband setze sich für den Schutz bestehender Ressourcen ein: "Das beste Wasser ist das, bei dem sich die Frage der Reinigung und Aufbereitung überhaupt nicht stellt, weil es ausreichend und in bester, naturreiner Qualität vorhanden ist."

Anja Sokolow, dpa


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W&V Redaktion
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