Neckermann stellt Insolvenzantrag

Es hatte sich schon abgezeichnet - am Mittwoch hat Neckermann.de beim Amtsgericht Frankfurt Insolvenzantrag gestellt. Vorausgegangen war ein Streit um den geplanten Abbau von 1380 Stellen. Einen ausgehandelten Kompromiss lehnte der Eigentümer jedoch ab.

Text: Frauke Schobelt

18. Jul. 2012

Es hatte sich schon abgezeichnet, am heutigen Mittwoch hat Neckermann.de beim Amtsgericht Frankfurt Insolvenzantrag gestellt. Vorausgegangen war ein Streit um den geplanten Abbau von 1380 Stellen - wegen schwacher Geschäfte sollte fast die Hälfte der beschäftigten Mitarbeiter gehen. Mit dem geplanten Umbau strebte Neckermann.de eine stärkere Ausrichtung auf E-Commerce an. Die Arbeitnehmervertreter forderten Abfindungen, wozu laut Neckermann.de jedoch die nötigen Mittel fehlen.

Noch am Mittwoch verhandelten das Unternehmen, Betriebsräte und die Gewerkschaft Verdi über eine Lösung. Laut Neckermann.de wurde dabei ein Kompromiss erreicht, man habe sich auf Abfindungen und Transfergesellschaften geeinigt und dafür auch die nötigen Mittel im Businessplan untergebracht. Eigentümer Sun Capital Partners, ein US-Investor, halte das Ergebnis dieser Verhandlungen jedoch "nicht für tragfähig" und werde "keine weiteren Mittel für die Finanzierung zur Verfügung stellen", heißt es in der Mitteilung des Unternehmens. Nach dem Scheitern der Verhandlungen reagierte Neckermann.de sofort und stellte Insolvenzantrag.

Neckermann.de gehört zu den größten Online-Versandhändlern in Deutschland und erwirtschaftet mit bundesweit rund 2500 Beschäftigten nach eigenen Angaben fast 80 Prozent seines Umsatzes über das Internet. Das Unternehmen wurde 1950 in Frankfurt am Main als Neckermann Versand KG gegründet. 1995 startete es mit einem eigenen Online-Shop. Die Kataloge mit preisgünstigen Textilien, Radios und großen Elektrogeräten waren bald wie die der Konkurrenten Otto oder Quelle in fast jedem Haushalt zu finden. 1961 wurde der bekannte Werbeslogan "Neckermann macht's möglich" eingeführt. Neckermann stieg zudem ins Reisegeschäft ein, verkaufte Fertighäuser und Versicherungen und betrieb auch eine Kaufhauskette.

In den 1970er Jahren geriet das Stammhaus in die Krise und wurde 1977 mehrheitlich von der Karstadt AG übernommen, die später mit dem Versandhändler Quelle fusionierte. Die Umbenennung in Neckermann.de 2006 stand für den neuen Fokus auf Online-Versandhandel. Das Unternehmen wurde 2007 mehrheitlich an den US-Investor Sun Capital verkauft, ein Stellenabbau folgte. Nach der Pleite des KarstadtQuelle-Nachfolgers Arcandor übernahm Sun 2010 auch die übrigen Anteile. Neckermann-Reisen hat mit dem Versandhandel nichts mehr zu tun und gehört zum Tourismuskonzern Thomas Cook.

Damit steht jetzt ein weiterer großer Versandhändler vor dem Aus, der erst spät auf das Internetgeschäft gesetzt hat. 2009 meldete Quelle Insolvenz an. Das "Handelsblatt" hat anlässlich des 100. Geburtstags des Unternehmensgründer "Das Beste aus 100 Jahren Neckermann" in einer Bildergalerie zusammengestellt. Eine Zeitreise. (fs/dpa)


Autor:

Frauke Schobelt, Ressortleiterin
Frauke Schobelt

ist Ressortleiterin im Online-Ressort und schreibt über alles Mögliche in den Kanälen Marketing und Agenturen. Sie hat ein Faible für Kampagnen, die „Kreation des Tages“ und die Nordsee. Und für den Kaffeeautomaten. Seit 2000 im Verlag W&V.



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