"Ohren zu und durch": Wie die Vuvuzelas den Markensound der WM ruinieren

Für "Soundprofessor" Carl-Frank Westermann ist Vuvuzela-Dauerbeschallung im Stadion die schlimmste Markenakustik seit dem bizarren Knabenchor von Mercedes. Im W&V-Interview spricht der Designer über egozentrische Soundlogos und Blockflöten zur Fußball-Weltmeisterschaft.

Text: Uli Busch

- keine Kommentare

Für "Soundprofessor" Carl-Frank Westermann ist Vuvuzela-Dauerbeschallung im Stadion die schlimmste Markenakustik seit dem bizarren Knabenchor von Mercedes. Im W&V-Interview spricht der Designer über egozentrische Soundlogos und Blockflöten zur Fußball-Weltmeisterschaft.

Professor Westermann, ist das Dauer-Konzert der Vuvuzelas in Südafrika so etwas wie das Soundlogo der WM 2010?

In gewissem Sinne ja. Die WM hat ihr Thema! Nicht nur die deutschen Fans an den Bildschirmgeräten sind von den alles übertönenden Endlosschleifen der Hornissen-Sirenen genervt. Aus “You'll never walk alone” wird ein „You can't hear anyhing else” – aus „Ole, ole, ole, ole” wird „Oje, Oje, oje, oje”. Das Sound Branding der WM in Südafrika schockt vor allem unsere Ohren. Der Treiber für den Sound der „Marke Fußball-WM Südafrika” ist nicht die Identität des Landes sondern einzig die ohrenbetäubende profitable Vermarktungsidee. Dennoch wird uns dieses Sound Branding noch lange in den Ohren bleiben.

Wie authentisch ist der Vuvuzela-Sound überhaupt?

Natürlich haben die Vuvuzelas einen seit 1990 historischen Hintergrund, aber nicht reduziert auf den Effekt der Eintönigkeit. Es sind ursprünglich afrikanische Blechblasinstrumente, die in verschiedenen Tonfolgen (!) und dabei rhythmisch aufeinander abgestimmt eines von vielen Klangbildern aus Afrika hervorgebracht haben. Der Vermarktung zuliebe entfachen die Plastik-Vuvuzelas der Neuzeit eine zudem für die Ohren ungesunde Klangatmosphäre voller Lärm und Egozentrik. Lauter und damit stärker sein als der Gegner heißt die Devise. Mit dieser Dauerbedröhnung schaffen sie ein monotones und eben nicht kommunikatives Klima sowohl auf dem Platz als auch daheim an den Bildschirmgeräten. Ohren zu und durch das wäre eine Lösung, geht aber nicht!

Das zahlt nicht gerade auf die Marke WM 2010 ein. Würden Sie der FIFA raten, die Plastik-Tröten aus den Stadien zu verbannen?

Höflich wie ich nun einmal bin, würde ich dem Gastgeberland dieses Verbot zum jetzigen Zeitpunkt nicht abverlangen. Versäumt wurde im Vorfeld der WM, den Verantwortlichen bewusst zu machen, dass die Verwendung der Vuvuzelas eben nicht in die Hände vieler Fans zugleich gehört. Stellen wir uns vor, zigtausende von Menschen haben eine ungestimmte Blockflöte in den Händen. Auf Los dürfen sie diese neunzig Minuten lang malträtieren. Das hätte uns 2006 ebenfalls die WM versaut, genauer die Laune unserer Gäste (obwohl um einige Dezibel an Lautstärke geringer). Den Vuvuzela-Benutzern scheint dieses „Krachmachen ohne Ende” ja Spaß zu bereiten. Kann ich persönlich nur schwer nachvollziehen.

Kontraproduktive Markensounds sind ja eigentlich keine Seltenheit. Kennen Sie ein vergleichbar krasses Beispiel?

Wenn einem wie noch in den letzten zwei Jahren von oben eine hohe Knabenstimme in drei Tönen daherkommt, die einer der großen deutschenPremium-Marken der Automobilwelt Identität und Authentizität verleihen soll,dann fiel es mir schon schwer, mit diesem Soundlogo die geforderte Markenpassung für Mercedes nachzuempfinden. Es war ein akustisches Kampagnen-Aktionslogo, für mehr reichte es einfach nicht. Zu Recht hat sich Mercedes von diesem Soundlogo freiwillig verabschiedet. Der visuelle Stern hat sein akustisches Pendant noch nicht gefunden. Vielleicht ist Stille mehr Premium als alles andere? Krass oder?


0 Kommentare

Kommentieren

Diskutieren Sie mit