Dmexco-Aufschlag :
"Onlinewerbung muss erwachsen werden!": Was die OWM von Vermarktern fordert

Die OWM legt zur Dmexco wieder die Finger in offene Wunden: Bei der digitalen Werbung fehlen Transparenz und Qualität. Sechs Forderungen stellt der Verband der Werbungtreibenden.

Text: Anja Janotta

Tina Beuchler fordert: "Onlinewerbung muss erwachsen werden".
Tina Beuchler fordert: "Onlinewerbung muss erwachsen werden".

Wie jedes Jahr hat die Organisation Werbungtreibende (OWM) sich der Probleme angenommen, die aus ihrer Sicht den digitalen Werbemarkt behindern. Vor allem die Anbieterseite bekommt einen deutlichen Rüffel ab. Zwar sei die Onlinewerbung längst im Marketingalltag etabliert, sagt OWM-Vorsitzende Tina Beuchler, aber: "Das Bewusstsein dafür, wie wichtig Sicherheit, Qualität und Transparenz im Digitalmarketing für Werbungtreibende sind, ist auf Anbieterseite noch immer erschreckend gering." Beuchler konstatiert erhebliche Defizite. Das Engagement sei "ausbaufähig". Alle Marktakteure müssten Fraud aktiv bekämpfen. Die Werbungtreibenden bräuchten korrekte, unabhängige Messungen. "Onlinewerbung muss endlich erwachsen werden!", sagt Beuchler.

Auch OWM-Geschäftsführer Joachim Schütz findet deutliche Worte: "In der digitalen Wertschöpfungskette existieren immer noch Baustellen, die nicht kleingeredet werden dürfen." Er sieht vor allem auch ein Problem durch die E-Privacy-Richtlinie."Diese bedroht viele digitale Geschäftsmodelle in ihrer Existenz." Dementsprechend ist auch diese der erste Punkt im Forderungskatalog der OWM.

Folgende Forderungen stellt die OWM an den Markt:

1. E-Privacy & Datenallianzen: Keine Einschränkung der Werbefreiheit

"Der Vorschlag der EU Kommission zur E-Privacy-Verordnung birgt massive wirtschaftliche und wettbewerbspolitische Risiken. Im Interesse des deutschen Marktes ist die Bundesregierung daher aufgefordert, sich deutlich stärker für den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit digitaler Geschäftsmodelle einzusetzen und eine überzogenen Regulierung zu verhindern.

Ebenfalls vor dem Hintergrund der E-Privacy-Richtlinie haben diverse deutsche Unternehmen aus verschiedenen Branchen Zusammenschlüsse zu Datenallianzen verkündet. Es sollte derjenige Ansatz verfolgt werden, der eine breite und offene Allianz unter Einschluss möglichst aller Akteure zum Ziel hat. Die Bildung mehrerer Insellösungen ist inakzeptabel für Konsumenten und wenig praktikabel für Werbetreibende."

2. Markensichere Buchungen durch Brand Safety

"Inventare müssen im Rahmen der unternehmensspezifischen Definitionen markensicher buchbar sein. Dabei liegt die Gewährleistung der Markensicherheit bei klassischen wie bei programmatisch gebuchten Umfeldern in der Verantwortung der Anbieter. Diese müssen in der Lage sein, die unternehmensspezifischen Brand-Safety-Vorgaben vollständig und technisch einwandfrei umzusetzen. Der Einsatz von Blacklistings und Whitelistings sowie individualisierbare und optimierbare Brand-Safety-Kategorien sind Grundvoraussetzungen und müssen von allen Marktpartnern angeboten werden.

Werbeplatzierungen im direkten Umfeld von rechtsverletzenden Inhalten, Hassbotschaften oder Gewaltverherrlichungen sind grundsätzlich aus der Vermarktung auszuschließen. Auslieferungen in Umfeldern, die im Widerspruch zu den Brand Safety-Vorgaben der Unternehmen stehen, dürfen nicht abrechnungsrelevant sein."

3. Mehr Transparenz bei Programmatic

"Alle Anbieter und Vermittler von programmatischen Inventaren und Technologien sind aufgefordert, bestehende Intransparenzen zu beseitigen. Denn Programmatic kann sein Leistungsversprechen hinsichtlich Effizienz und Effektivität erst dann voll erfüllen, wenn Werbungtreibende den Einsatz ihrer Budgets vollständig verfolgen können. Die Programmatic-Wertschöpfungskette muss deshalb transparent sein und aufzeigen, wann und wo wofür welche Kosten entstehen.

Vermarkter, technische Dienstleister und Agenturen müssen die volle Verantwortung für die Qualitätssicherung von programmatischen Schaltungen übernehmen. Voraussetzung für Qualitätsprüfungen sowie -verbesserungen und damit für die Sicherheit von Kampagnen ist vollständige Transparenz.

Mediaagenturen müssen im Programmatic Buying ihre unabhängige Beraterrolle deutlich schärfen und programmatisch gekaufte Inventare stets zugunsten des Werbungtreibenden optimieren. Daher fordert die OWM eine schnelle Erweiterung des Code of Conduct Programmatic des Bundesverbands Digitale Wirtschaft (BVDW) auf Mediaagenturen. Diese Form der Selbstverpflichtung und das damit verbundene transparente Agieren sind eine wichtige Basis für Agenturen, um Qualität und Sicherheit zu gewährleisten.

4. Messbare Viewability

"Viewability muss als 'Human Viewability' definiert sein und vollumfassend über alle Devices hinweg sowie in-App messbar sein. Diese Sichtbarkeitsdefinition muss schnellstmöglich als verbindliche Abrechnungsgrundlage gelten und die Standards des Media Rating Councils (MRC) als Minimalanforderungen an die Sichtbarkeit von Werbung müssen ohne Aufpreis angewendet werden.

Auch für die Viewability-Messung von Videoinventaren sind standardisierte Messmethoden dringend erforderlich. Die Umstellung auf vollständig und plattformübergreifend verifizierbare Videoinventare muss umgehend erfolgen."

5. Maßnahmen gegen Ad Fraud

"Die OWM fordert von allen an der digitalen Wertschöpfungskette Beteiligten eine aktive Identifizierung und Bekämpfung betrügerischer Handlungen. Alle buchbaren Inventare müssen vorab durch zertifizierte Verification-Anbieter geprüft und zusätzlich müssen während der Ausspielung umfassende Fraud-Prüfungen durch neutrale Instanzen durchgeführt werden."

6. Verifzierbare Messungen des Inventars

"Inventare müssen stets durch unabhängige Dritte verifizierbar sein. Hierzu müssen Messdienstleister direkt integriert werden können. Außerdem muss die Erfassung von Kampagnendaten in Echtzeit möglich sein.

Seitens der Anbieter von Verification-Leistungen muss erkennbar sein, wann echte Messwerte und wann Hochrechnungen das Kampagnenergebnis beeinflussen. Die erforderliche Transparenz hinsichtlich der Messmethodik muss durch die Anbieter hergestellt werden.

Bislang fehlt ein einheitlicher und unabhängiger Marktstandard für die Evaluation für Online-Kampagnen. Die AGOF als Joint Industry Committee ist gefordert, diesen auf Basis der AGOF Next zügig zu erarbeiten."

Mehr zur Dmexco 2017 finden Sie in unserem Live-BlogAlles Wissenswerte zum Branchenevent in Köln bündelt W&V außerdem in einem Dossier.


Autor:

Anja Janotta, Redakteurin
Anja Janotta

seit 1998 bei der W&V - ist die wohl dienstälteste Onlinerin des Hauses. Am liebsten führt sie Interviews – quer durch die ganze Branche. Neben der W&V-Morgenpost, Kreativ- und Karrierethemen schreibt sie ab und zu was völlig anderes - Kinderbücher. Das jüngste dreht sich um  ein paar nerdige Möchtegern-Influencer.