Schwache Ökobilanz

Maike Gossen vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung hat mit Kollegen genau das untersucht und Folgendes herausgefunden: So wie die Sharing-Angebote heute genutzt werden, kann man allenfalls von einem geringen Nutzen für die Umwelt sprechen. "Das Versprechen, Sharing leiste einen Beitrag zur Entlastung der Umwelt, kann man zwar bejahen - aber die Effekte sind geringer als immer so suggeriert wird", sagt Gossen.

Die ernüchternde Ökobilanz hängt nach Ansicht der Forscher vor allem davon ab, wie die Angebote genutzt werden. "Man spart oder erhält sogar Geld - und das gibt man dann an anderer Stelle wieder aus", erklärt Gossen. In einigen Fällen entstehe durch ein Sharing-Angebot sogar zusätzlicher Konsum. Als Beispiel nennt Gossen die Unterkunftsplattform Airbnb, durch die möglicherweise erst der Anreiz für manche Reise geschaffen wird - die dann wiederum eine zusätzliche Belastung der Umwelt ist. Eine relativ positive ökologische Bilanz haben hingegen private Mitfahrgelegenheiten, durch die Extra-Fahrten eingespart werden.

"Es macht Sinn, wenn die angebotenen Produkte langlebig sind - und man möglichst mit bereits Bestehendem arbeitet", sagt Kleiderei-Betreiberin Schröder. Die Kleidung in ihrem Geschäft stammt aus Kleiderspenden oder von fair produzierenden Modelabels.

Neue Märkte entstehen

Für Unternehmen bietet der Zeitgeist des Teilens neue Möglichkeiten, um Geld zu verdienen. "Es ist sicherlich so, dass Unternehmen das als weitere Marktlücke definieren, um weitere Zielgruppen zu erreichen", sagt Verena Bax, die bei der Umweltorganisation Nabu für Umweltpolitik zuständig ist. "Das Ganze schwimmt natürlich auf einer Nachhaltigkeitswelle."

Die Nabu-Expertin bewertet Sharing-Modelle grundsätzlich als positiven Beitrag zur Umweltentlastung, fügt allerdings hinzu: "Das ist sicherlich nicht etwas für Jedermann und Jederfrau. Nur wenige Menschen sind bereit, sich mit anderen Menschen etwas zu teilen und ihre Komfortzone zu verlassen."

Die Erkenntnisse von Maike Gossen und ihren Kollegen bestätigen diese These: So zählen nur rund zehn Prozent der von den Forschern Befragten zu den aktiven Nutzern, die das Sharing als Teil ihres Lebensstils sehen und viel nutzen. Jeweils knapp 20 Prozent sind pragmatische Nutzer oder solche, die der Idee gegenüber zumindest grundsätzlich positiv eingestellt. Allerdings lehnt auch fast jeder Fünfte das Konzept ab oder kann sich nicht vorstellen, es zu nutzen.

Erwartungen nicht erfüllt

Auch beim Thema Carsharing kehrt inzwischen Ernüchterung ein. Wer davon ausgeht, dadurch lassen sich Staus und überfüllte Städte vermeiden, wird enttäuscht. Weltweit nutzen zwar 27 Millionen Personen Carsharing, allerdings werden dadurch keine Mega-Umsätze gemacht und auch nicht nennenswert weniger private PkW angeschafft. Das sagen neueste Erkenntnisse von A.T. Kearney. ""Selbst wenn jeder Mensch, der in den dicht besiedelten Hot Spots von München, Hamburg, Berlin, Frankfurt, Stuttgart lebt, auf sein Fahrzeug künftig verzichten und nur noch sharen würde, dann ließen sich in Deutschland gerade einmal fünf Prozent der Fahrzeuge reduzieren. Das ist für mich alles andere als eine Revolution", sagt Wulf Stolle, Partner der Unternehmensberatung in der Süddeutschen Zeitung.

Trotzdem bewegt die Sharing Economy den einen oder anderen dazu, stärker über sein Konsumverhalten nachzudenken. Victoria Blechman ist seit mehr als drei Jahren Mitglied in der Kölner Kleiderei - zwar nicht als "Heavy Userin", wie sie selbst erzählt, sondern eher, um sich je nach Saison eine Winterjacke oder ein Paar Sandalen zu leihen. Mit der fairen Kleidung fing es bei der 30-Jährigen an, doch heute kauft sie auch häufiger Bio-Produkte. "Man bekommt ein anderes Gefühl für die Wertigkeit von Dingen", erzählt Bechman. "Ich kann heute nicht mehr in einen H&M rein gehen und mir da einfach was kaufen."

Larissa Schwedes, dpa


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W&V Redaktion
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