Doch halten diese Zertifikate, was sie versprechen? "Wenn nachhaltig bedeuten soll, dass die Existenz gesichert ist, findet man unter den derzeitigen Zertifizierungen nur wenig wirklich nachhaltigen Kakao", sagt Friedel Hütz-Adams vom Südwind-Institut in Bonn. "Der weitaus größte Teil des weltweit gehandelten Kakaos stammt dann aus nicht nachhaltigen Quellen." Hinzu kommen andere Probleme: Allein auf den Plantagen in den westafrikanischen Ländern Ghana und Elfenbeinküste arbeiten laut Südwind-Institut immer noch 2,1 Millionen Kinder. Und wenn nicht einmal genug zum Leben übrig bleibt, rücken ökologische Aspekte in weite Ferne.

Selbst beim Fair-Trade-Siegel räumt man selbstkritisch ein: "Grundsätzlich ist aber die Situation von Kakaobauernfamilien, vor allem in Westafrika, sehr prekär." Im weltweit wichtigsten Kakao-Anbauland, der Elfenbeinküste, lag das Einkommen von 58 Prozent der Haushalte im Fairtrade-zertifizierten Kakaoanbau zuletzt unterhalb der absoluten Armutsgrenze.

Absicherung gegen Armut

"Die Falle, in der alle stecken, ist, dass der Kakaopreis vom Weltmarkt diktiert wird", sagt Hütz-Adams. Und der ist seit 2016 von 3000 US-Dollar je Tonne auf zuletzt knapp 2200 US-Dollar je Tonne gesunken. Geld, das den Bauern zum Leben fehlt. Fair Trade zahlt deshalb einen Mindestpreis, der die Bauern nach unten absichern soll. Dieser wurde jüngst auf 2400 US-Dollar je Tonne angehoben. Zusätzlich gibt es eine Prämie für die Kooperative. Bei anderen Labeln wie UTZ erhalten die Bauern eine feste Prämie zusätzlich zum Weltmarktpreis.

"Es gibt Spekulation mit Kakao", erklärt Ritter-Sport-Chef Ronken. "Das ist ein echtes Problem, dass Leute, die Kakao nicht brauchen, damit spekulieren. Dann steigt oder fällt mal kurzfristig der Preis." Um ein Existenzminimum zu sichern, argumentiert Hütz-Adams, brauche es deshalb eine direkte Wertschöpfungskette. Denn meist leiden die Bauern unter fallenden Preisen, haben aber von Preissteigerungen am Weltmarkt wenig. Das Geld versickert bei Zwischenhändlern.

Die Hersteller starten deshalb auch eigene Initiativen: Ritter Sport etwa, mit einem Anteil von gut einem Viertel der in Deutschland verkauften Schokoladentafeln, bemüht sich, mehr und mehr Schokolade direkt zu beziehen. Von der eigenen Plantage in Nicaragua sollen langfristig 30 Prozent des Kakaos stammen, schon heute kauft der Waldenbucher Hersteller etwa 60 Prozent nicht über Zwischenhändler ein, sondern direkt. "Wir können nicht die Strukturprobleme von ganz Afrika lösen", sagt Unternehmenschef Ronken. "Aber die Verantwortung für den Bereich Kakao können wir übernehmen." Er schickt deshalb seine Mitarbeiter in die Anbaugebiete. "Man muss sehen, wie es auf der Plantage aussieht, wie es auf den Dörfern rundum aussieht."

Perspektivisch will Ritter Sport ein eigenes Label entwerfen, auch wenn Ronken einräumt: "Ein Zertifikat oder Siegel ist ein guter Weg. Aber das ist mehr für die Leute, die die Schokolade kaufen." Die eigenen Kriterien sollen vielmehr für Ritter Sport selbst gelten. "Damit wir für unseren eigenen Rohstoff klarmachen, was uns wichtig ist", sagt Ronken.

Annika Grah, dpa


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