Zudem werfen Sie die Schicksalsfrage auf: Wer hat die Hoheit und die Verfügungsgewalt über den Alltag?

Grünewald: Siegmund Freud hat den Menschen einmal als Prothesengott bezeichnet. Das scheint sich spätestens mit unseren digitalen Prothesen erfüllt zu haben. Aber mittlerweile scheint die Prothese selber zum Gott geworden zu sein und der Mensch droht zum Knecht einer Entwicklung zu werden, die ihn immer stärker selbst versklavt. Stichwort – digitales Hamsterrad. Schon bei der Nutzung einer Fitness- und Gesundheits-App spüren wir mitunter dass der Algorithmus den Biorhythmus bestimmt. Wenn wir keine Vision entwickeln, wie wir die Zukunft gestalten und wie wir die enormen Potentiale der Digitalisierung sinnvoll dabei einsetzen wollen, übernehmen die Prothesen und die mit ihnen verbunden Verheißungen die Regie über unseren Lebensalltag. Wir sind dann nicht mehr Gestalter, sondern Büttel einer unkontrollierbaren Entwicklung.

 

Welche Rolle spielt in Zukunft der Faktor Mensch?

Grünewald: Der Faktor Mensch wird häufig bei der Prognose der exponentiellen Entwicklungen vernachlässigt. Die Exponentialität wird häufig an der Schachbrett-Parabel verdeutlicht in der der indische Herrscher Shihram dem weisen Brahmanen Sissa einen Wunsch dafür erfüllen will, dass er das Schachspiel erfunden hat. Sissa wünscht sich eine Weizenkorn-Verdoppelung pro Spielfeld des Schachbrettes. Auf dem dritten Feld liegen dann vier Körner, aber mit der Kornmenge des 64ten Feldes könnte die ganze Bundesrepublik mit einem 1 Meter hohen Weizenteppich bedeckt werden. 

Häufig übersehen wird jedoch das Ende der Parabel. Der Herrscher willigt unter der Bedingung ein, dass Sissa persönlich nachzählt, ob die Kornmenge stimmt. Dadurch kommt ein regulierendes menschliches Maß in die exponentielle Entwicklung.

Die digitale Transformation muss immer mit diesem menschlichen Ermessens-Spielraum rechnen, sie muss letztlich immer durch das Nadelöhr des analogen Alltags und der menschlichen Konstitution. Der Faktor Mensch ist daher bei Rheingold immer der Bezugspunkt für Zukunftsprognosen und strategische Empfehlungen.

Bei unserem Darwinci-Kongress wollen wir das an vielen Praxis-Beispielen veranschaulichen. Vom Einkauf oder der Arbeit der Zukunft, über das autonome Fahren bis hin zur Verhütung der Zukunft. Also der Frage, wie genital und digital gemeinsam erfolgreich sein können.

Herr Land, Sie sagen, dass Entscheider umdenken müssen und sich auf ein „digitales Mindset“ besinnen. Was soll das heißen?

Karl-Heinz Land: Viele Manager stecken gedanklich noch im 20. Jahrhundert fest. Sie denken linear, von Quartal zu Quartal und von Jahr zu Jahr. Die Digitalisierung beschleunigt sich aber exponentiell, sie wird nie mehr so langsam sein wie heute. Und sie durchdringt alle Bereiche des Lebens, ermöglicht völlig neue Vernetzungen und Kombinationen. Diese Dynamik gilt es zu antizipieren. Ein Entscheider muss heute jederzeit damit rechnen, dass das ökonomische Umfeld seines Unternehmens morgens auf dem Kopf steht. Dazu müssen sie das komplette intellektuelle und kreative Kapital aktivieren. Das geht nur agil, ohne Silos, ohne Hierarchien, mit einer Lust zum Experiment und der Bereitschaft, auch mal grandios zu scheitern.

Es sei kurzsichtig, sich auf digitale Technologien zu begrenzen. Warum?

Land: In deutschen Unternehmen gibt es zwei Hindernisse auf dem Weg in die digitale Zukunft: Erstens fehlt vielen Top-Managern das einschlägige Know-how und die Übersicht zu dem Thema. Zweitens haben viele Mitarbeiter Angst, ihren Job an Roboter und Künstliche Intelligenzen zu verlieren. Übrigens völlig zurecht. Lippenbekenntnisse der Chefetage zu Modernität, Digitalisierung und New Work reichen deshalb nicht aus. Die Hauptaufgabe besteht darin, eine Kultur zu prägen, in der Digitalisierung nicht als Problem oder Herkulesaufgabe, sondern als das Selbstverständlichste und Notwendigste der Welt gesehen wird. Darin verbirgt sich auch eine gesellschaftliche Aufgabe, denn in der Digitalisierung steigt die Produktivität – und die Arbeit verschwindet.

Wie sieht das Update aus, das der Kapitalismus braucht, wie Sie es nennen?

Land: Die Wirtschaft muss sich ihrer ökologischen und sozialen Gesamtverantwortung stellen. Wir brauchen einen Umschwung vom Shareholder Value zur Sinnökonomie, in der gesellschaftlicher Nutzen ins Zentrum der Geschäftsmodelle gerückt wird. Ohne bedingungsloses Grundeinkommen werden die Jobverluste der nächsten zehn bis 30 Jahre nicht abzufedern sein. Und wir müssen unseren Konsum in Frage stellen, weg von einer Verbrauchs- und Wegwerfwirtschaft hin zu einer echten Zirkulärwirtschaft. Last but not least geht es um ein neues Maß für die Wirtschaftsleistung. Das Bruttoinlandsprodukt reicht dazu nicht aus. Wir brauchen eine Währung, die auch die ökologischen und sozialen Effekte einpreist. Zukunft passiert eben nicht einfach so. Für eine Erde 5.0 müssen wir sie provozieren.

Danke für das Gespräch.

Der Darwinci-Kongress wird von Rheingold gemeinsam mit Neuland am 10. Oktober in Köln veranstaltet. Stephan Gründewald und Karl-Heinz Land wollen dort weitere provokante Thesen wagen.


Autor:

Jochen Kalka, Chefredakteur
Jochen Kalka

ist jok. Und schon so lange Chefredakteur, dass er über fast jede Persönlichkeit der Branche eine Geschichte erzählen könnte. So drängt es ihn, stets selbst zu schreiben. Auf allen Kanälen.