Buch von Lewitan und Böhler :
Stressfrei trotz Change und Wandel

W&V bringt exklusiv Auszüge aus dem neuen Buch von Stressles-Stratege Louis Lewitan und Headhunter Markus Böhler. Heute: Change und Wandel.

Text: W&V Redaktion

"Stressless" von Louis Lewitan und Markus Böhler ist bei Ariston erschienen.
"Stressless" von Louis Lewitan und Markus Böhler ist bei Ariston erschienen.

Alles und jedes verändert sich: der Planet, die Zivilisation, die Wirtschaft, die Technologie. Ob Klimawandel, Struktur- oder Wertewandel, ständig wird etwas verändert, umgestaltet, transformiert und revolutioniert. Der Mensch kann es einfach nicht lassen, agil und mobil treibt er sich voran, früher langsam, heute radikal. Alles kommt auf den Prüfstand: Geschäftsmodelle, Produktportfolios, Fertigungsprozesse, Vertriebskanäle. Nichts kann schnell genug In der Turbogesellschaft bedeutet Stillstand Rückschritt, Müßiggang heißt Faulheit. Reflexion hält nur auf, Kontemplation irritiert, es wird sich schon alles irgendwie zurechtfinden.

Nicht nur die Arbeitswelt befindet sich im Umbruch. Seien es Partnerschaftsformen, Freizeitmöglichkeiten oder Essgewohnheiten, unser Privatleben unterliegt ebenso einem radikalen Wandel. Mit wachsender Wahlmöglichkeit nehmen Fahrlässigkeit und Oberflächlichkeit zu, während Aufmerksamkeit, Verweildauer und Bindungsfähigkeit abnehmen. Nach dem Motto "Lieber Austauschen als Zusammenraufen" ersetzen flüchtige Drag & Drop-Affären ernsthafte Beziehungen, an denen gearbeitet wird.

Jede noch so winzige Neuerung muss eine Innovation sein

Der Bumerang kehrt zurück: Je schneller alles vergeht, desto stärker die Sehnsucht nach Beständigkeit. Je öfter reale Freundschaften in die Brüche gehen, desto intensiver die Suche nach der großen Liebe in der Cloud. Die Gegenwart, die keine Zukunft hat, gehört einer Vergangenheit an, die sich nach einer besseren Zukunft sehnt.

Waren früher Gott und Kaiser allmächtig, herrscht heute Technologiegläubigkeit. Change und Fortschritt werden in einem Atemzug genannt, jede noch so winzige Neuerung wird als Innovation "gebrandet". Millionen Apps warten auf Download, Tech-Nerds mit Missionarseifer malen die digitale Zukunft in Hellrosa, die dunkle Seite der Macht wird erst einmal wegretuschiert. "Fortschritt über alles" flimmert am digitalen Himmel. Intelligente Straßenbeleuchtungen werden in Smart Cities den Energieverbrauch reduzieren, smarte Autos werden als connected cars ebenso einen freien Parkplatz finden wie smarte Singles einen neuen Partner in den Partnerbörsen. Alles nur einen Klick weit entfernt, die richtige Lektüre, das passende Geschenk, die nächste Kontaktanfrage.

Gewiss, die digitale Transformation wird viele neue Arbeitsplätze schaffen, sie wird das Leben erleichtern, den Konsumenten Mehrwert bieten, das Reisen komfortabel machen, die Gesundheit verbessern. Während die Fortschrittsfrömmigkeit wie ein Ghospel mit Frohlocken in alle Welt posaunt wird, breitet sich Zweifel aus, ob der Fortschritt nicht allen zugutekommen wird. Die Internetszene feiert sich selbst, die gesellschaftspolitischen und ethischen Folgen der digitalen Ökonomie werden auf Flugmodus gesetzt: Arbeitslosigkeit, Machtkonzentration, Überwachung, Angst und Stress.

Der digitale Fortschritt ist kein Zuckerberg

Bei aller digitalen Euphorie kann man davon ausgehen, dass Werktätige ohne digitale Kenntnisse wie alte Software entsorgt werden. Zyniker sprechen von zerstörerischer Kreativität. Die Karawane der Digital Natives zieht weiter, die digitalen Tagelöhner träumen von unbefristeten Arbeitsverträgen, während die digitalen Analphabeten auf der Strecke bleiben und den naiven Heilsversprechen von Populisten erliegen.

Innovationsgeist zu lobpreisen ist gut, aber zu glauben, Technologien würden alles richten, ob Ökonomien, Epidemien oder Partnerschaften, ist ebenso trügerisch wie gefährlich. Der Mensch ähnelt einer personifizierten Wandelobligation: Er nimmt, während er am Abgrund wandelt, eine Anleihe auf die Zukunft, ohne Risiken und Nebenwirkungen tragen zu wollen.

Fakt ist, Stress nimmt heute schon im Schulalter exponentiell zu. Trotz schnellerer Datenbahnen kommen die Botschaften dennoch nicht an, die Kommunikationswege werden immer kürzer, die Dauer von Partnerschaften ebenso. Millionen Menschen fühlen sich im sozialen Netz einsam und wandern nachts in virtuellen Foren umher. Ihre Sorgen treiben sie nachts umher und rauben ihnen den Schlaf. Hoch qualifizierte Werktätige können sich vor Arbeit kaum retten, Minderqualifizierte gehen stempeln, die Verlierer werden "verhartzt" und vor Gameshows am TV-Bildschirm stillgestellt.

Große Teile der Gesellschaft können mit dem Fortschritt nicht Schritt halten, die Politik sucht nach Antworten. Der digitale Fortschritt ist kein Zuckerberg. Während sich alles schneller dreht, nehmen Geduld ab und Stress zu. Eine gesellschaftliche Malaise macht sich breit, nicht obwohl, sondern weil die Wahlfreiheit, die Konsummöglichkeit und Entscheidungsvielfalt zunehmen. Die neue Qual der Wahl.

Grund zur Sorge? Aber nein, woher? Wir werden sie schon richten, die schöne neue Welt. Und wenn wir es selbst nicht schaffen, macht es eben die künstliche Mit oder ohne Robotergewand wird sie zukünftig jeden Konflikt vorweg filtern, die Gefühlslage der Menschen erfassen, das Aggressionspotenzial ermitteln, das Stressniveau checken und entsprechende Einladungen zum therapeutischen Gespräch gendersensibel aussprechen. Mit umweltfreundlichen Duftsensoren ausgestattet, wird daheim oder am Arbeitsplatz je nach Stimmungslage eine auf Körper und Geist harmonisierende Wohlfühlatmosphäre aus Lavendel und Bergamotte-Düften versprüht, mal beruhigend, mal anregend.

Ist die technologische Umwälzung, die viele Menschen arbeitslos macht, sie daran hindert, sich in der Arbeit zu verwirklichen, und damit ihre Würde nimmt, überhaupt erstrebenswert? Nun, sich darüber Gedanken zu machen wird vielleicht bald überflüssig sein. Alsbald werden Big- Data-Rechner mithilfe smarter Algorithmen für uns denken. Und wenn nicht, wird man ihnen den Stecker ziehen. Vorausgesetzt, dass man das Selbstbestimmungsrecht der Maschinen berücksichtigt. Vielleicht werden die Schnellrechner nach erfolgter Aufklärung und Einwilligung einsichtig sein und ihrer Abschaltung zustimmen. Das wäre ein echter Fortschritt in der Menschheitsgeschichte. Bloß, warum sollten sie das tun?

Anregungen

  • Jeder Wandel beginnt bei Menschen zwar im Kopf, endet aber nicht dort. Jegliche Veränderung löst einen emotionalen Prozess aus und hat ihren Preis. Wer Angst und Unsicherheit kleinredet, handelt fahrlässig. Norbert Elias, der Philosoph, brachte es auf den Punkt: "Den Fortschritt, an den manche unserer Väter glaubten, den universellen und automatischen Fortschritt, gibt es nicht".
  • Viele Heranwachsende können keine Spiegeleier zubereiten, ohne vorher zu googeln. Smart Technologies ohne Smart People sind ein gesellschaftliches Technologie ohne Philosophie ist Blindflug. Fachkompetenz ohne sozial-emotionale Kompetenz ist bloß smarter Bullshit.
  • Vorbehalte und Widerstände sind nichts Negatives, zeigen sie doch, dass Veränderungen zur Kenntnis genommen werden. Statt sie zu bekämpfen, finden Sie durch sie die besten Argumente für Ihren Standpunkt, auch wenn es mühsam ist.
  • Bemühen Sie sich um Offenheit, hinterfragen Sie die eigenen Positionen, misstrauen Sie Ihren Vorurteilen. Veränderungen sind per se weder negativ noch positiv. Entscheidend hierbei ist ihre Interpretation: Ergeben sie einen Sinn? Bedeuten sie mehr Chancen, weniger Kosten, bessere Zukunft? Sich diesen Fragen zu verschließen wäre töricht.

Bisher erschienen: "Über Authentizität im Job"

"Stressless. Das ABC für mehr Gelassenheit in Job und Alltag" ist am 3. April im Ariston Verlag (Random House) erschienen. Autoren sind der Münchner Coach, Psychologe und "Zeit"-Kolumnist Louis Lewitan und Markus Böhler, Managing Partner der Personalberatung Hartliebpartner. Die Cartoons stammen von Dirk Meissner. Mehr Infos zum Buch gibt es hier.


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W&V Redaktion
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