Tatsächlich scheint sich unser Blick auf die Finanzbranche derart verändert zu haben, dass viele Menschen diese Frage mit "Klar, warum nicht?" beantworten. Diejenigen Kollegen von mir, die tatsächlich ein Konto bei N26 haben, stören sich nicht daran, dass die "Mein Haus, mein Auto, mein Boot"-Ästhetik fehlt. Sie glauben auch nicht mehr an die Illusion der Bank als Fort Knox, die Werte in echtem Gold verwahrt.

N26-Werbung in Frankfurt

Die Bank der jungen Kunden

Stattdessen erfreuen sie sich am aufgeräumten, minimalistischen Interface-Design, der modernen und konsequent auf digitale Kanäle entwickelten Typografie, den Push-Nachrichten bei Kontobewegungen sowie der Möglichkeit, Ausgaben zu kategorisieren und zu vertaggen. So einfach kann Banking sein.

Interessant ist, dass es bei aller Fokussierung auf mobiles Banking doch noch einer physischen Eintrittskarte in die neue Welt der digitalen Generation bedarf: Es gibt ein Girokonto-Angebot mit einer "Metallkarte", deren Vorderseite aus Edelstahl ebenso minimalistisch gestaltet ist, wie die digitalen Oberflächen. Ganz ohne Karte geht es also nicht, auch wenn das Geldabheben bei N26 eher per Barcode-Scan in Partnershops passieren soll.

Ich finde: Es lohnt sich, genau zu verfolgen, wie sich N26 entwickelt. 60 Prozent der Kunden sind unter 35 Jahre alt. Viele kennen die "alte Welt" der Papierüberweisungen und Bankschalter nicht mehr, der Ballast, den ehrwürdige Geldhäuser mit sich herumschleppen, ist ihnen fremd. Sie haben sich nie mit dem Bild angefreundet, das für viele Marketingentscheider in Finanzunternehmen selbstverständlich ist. Wir lernen daher viel darüber, welche Codes für diese Zielgruppe im Bankgeschäft relevant sind.

Ein bisschen Kritik muss sein

Aber auch ein kritischer Blick darf nicht fehlen: In der "No Bullshit"-Kampagne steckt aus meiner Sicht ein großes Maß an Überheblichkeit. Wer den Verzicht auf "Bullshit" als Alleinstellungsmerkmal propagiert, unterstellt schließlich der Konkurrenz Phrasendrescherei und kultiviert ein sehr radikales Schwarz-Weiß-Denken. Dieses übertüncht, dass N26 in seiner überschaubaren Historie auch schon ein paar Fehler gemacht und Probleme gehabt hat. 2016 wurden Sicherheitslücken aufgedeckt, und bei dem Übergang zur Vollbank lief für die Kunden nicht alles reibungslos. Und nicht zuletzt: Gar so einfach ist die Preisstruktur beim zweiten Hinsehen dann doch nicht.

Ein wenig Demut in der Kommunikation wäre aus meiner sich also angebracht, dann könnte vielleicht auch ich mich alleine vom Design begeistern lassen.


Autor:

Norbert Möller

Unser Design-Kolumnist Norbert Möller ist seit 2003 Executive Creative Director der Peter Schmidt Group und leitet deren Corporate Design Team am Standort Hamburg. Er studierte Visuelle Kommunikation an der HfBK Braunschweig und arbeitet seit 1992 bei der Peter Schmidt Group, darunter von 1999 bis 2003 als Geschäftsführer.