Sicherlich gibt es für VR-Storytelling eigene Regeln?  

360-Grad-Szenen, insbesondere beim 360-Grad-Film, bieten viele Möglichkeiten. Es steht viel mehr Raum für die Handlung zur Verfügung und es gibt einzigartige Stilmittel. Ein Nutzer kann die Rolle eines Handelnden in der Geschichte übernehmen. Er kann aber auch Perspektiven einnehmen, die in der Realität nicht möglich wären, sich aber für den Betrachter „echt“ anfühlen. Beispielsweise haben wir schon Aufnahmen in Bereichen gemacht, zu denen Menschen normalerweise keinen Zugang haben, weil es zu gefährlich wäre.

Wie führen Sie den Blick der VR-Nutzer?

Wichtige Informationen muss der Betrachter wahrnehmen können. Man muss sich das wie einen Krimi vorstellen, bei dem man die entscheidende "Kofferübergabe" verpasst. Ab diesem Moment kann es sein, dass man die ganze Geschichte nicht mehr versteht. Wenn man es jedoch schafft mittels grafischer Elemente, Bewegungen und Ton Blicke zu führen, dann sorgt ein 360-Grad-Video für ein viel emotionaleres Erlebnis als ein 2D-Medium. Die Grenzen zwischen den Realitäten können schnell verwischen – und das hinterlässt einen bleibenden Eindruck beim Betrachter: Der Kunde prägt sich die Marke besser ein.

Wo liegen die größten Herausforderungen bei der Umsetzung einer VR-Kampagne?

Es gibt viele Herausforderungen, sowohl technisch als auch konzeptionell. Zum Beispiel die Blickführung in einer 360-Grad-Welt. Sehen die Betrachter das, was ich ihnen zeigen will? Speziell bei 360-Grad-Videoproduktionen hat man viele Herausforderungen, denn die Kameras nehmen immer alles auf: Regie führen ohne in der Szene zu sein, keine Platzierung von Licht-Setup und Zusammenführung der Kamerabilder, um schon während des Drehs einen realistischen Eindruck der Szene zu bekommen. Alles muss perfekt choreographiert sein. In der Regel sind 360-Szenen sogenannte One-Shots, denn häufige Schnitte zerstören die Immersion, also das Gefühl, wirklich dort zu sein.

Wozu passt welche Technik?

Wer starken Realismus und Emotion erzeugen möchte, der sollte den 360-Grad-Realfilm wählen. Keine Animation kann einen echten Menschen ersetzen. Für 360 Grad-Video-Erlebnisse empfehlen wir eine mobile VR-Brille wie die Samsung Gear VR, die mit einem Smartphone funktioniert. Auch ein Cardboard vermittelt einen ersten Eindruck. Geht es hingegen darum, in der VR-Welt selbst Handlungen mit den Händen durchzuführen und sich darin durch Laufen zu bewegen, dann benötigt man eine in Echtzeit dargestellte 3D-Welt, eine passende VR-Brille mit Raumerkennung und den entsprechenden Platz in der realen Welt, sich darin zu bewegen.

Wie viel Budget sollte man in etwa einplanen?

Das ist extrem unterschiedlich. Wie bei einem Auto kann man entweder einen Polo oder einen 911er kaufen und diese auch noch beliebig ausstatten. Zwischen 15.000 und 150.000 Euro und mehr ist vieles möglich. Es kommt auf den Anwendungsfall an.

Geht es auch günstig?

Häufig ist es beispielsweise günstiger, auf 360-Grad-Videos zu setzen, als in Echtzeit gerenderte 3D-Modelle zu verwenden. Nicht jeder benötigt 3D-Modelle, daher ist dies eine Möglichkeit für Einsparungen. Wer lediglich einen Eindruck von statischen Objekten wie Gebäuden vermitteln möchte, braucht auch keine aufwendige Geschichte zu erzählen und kann sogar mit 360-Grad-Fotos arbeiten. Hier kann man dann mit inzwischen deutlich günstigerer Hardware gegebenenfalls sogar den Content selbst oder mit einem kleinen Anbieter erstellen, der neu in der Branche ist.

Virtual Reality ist auch ein Trendthema bei der diesjährigen Dmexco. Ausführliche Tipps für VR-Kampagnen und Beispiele lesen Sie im Artikel "In die Röhre geschaut" in der aktuellen W&V 37. Weitere Cases finden Sie unter www.wuv.de/virtualreality


Autor:

Gabriella Maria Bassu
Gabriella Maria Bassu

Gabriella Bassu ist Teil des Teams Digital Storytelling, der Entwicklungsredaktion des Verlags Werben und Verkaufen. Als Head of Video ist sie für die Konzeption und Umsetzung von Bewegtbildinhalten zuständig. Mit gleicher Leidenschaft schreibt sie für Online, Social Media und Print. Ihre Schwerpunktthemen sind digitales Business, digitale Transformation, Tech und Handel.