Lukas Cottrell über das Apple-Design :
Warum Apples Vergangenheit kein Maßstab für die Zukunft sein kann

"Apple zerstört das Design", so lautet das harsche Urteil zweier Ex-Mitarbeiter. Lukas Cottrell von der Peter Schmidt Group analysiert für W&V, ob die beiden Designer recht haben.

Text: Lukas Cottrell

04. Dec. 2015 - 6 Kommentare

"Apple zerstört das Design", so lautet die provokative Einschätzung zweier Ex-Mitarbeiter. Lukas Cottrell analysiert für W&V, ob die beiden Designer recht haben.

Er war einer die meistbeachteten Artikel im vergangenen Monat: Die beiden Designer Don Norman und Bruce Tognazzini veröffentlichten auf Co.Design die These, dass ihr ehemaliger Arbeitgeber nicht mehr den Nutzer in den Mittelpunkt der Gestaltung stelle, sondern nur noch nach vordergründiger Schönheit strebe. So sei er letztlich Totengräber für gutes Design. Das Unternehmen, das die beiden kritisierten, war kein geringeres als Apple. Ein Konzern also, dessen Produkte der öffentliche Mainstream nahezu durchgängig als gut designt assoziiert. Zwischen Innensicht und Außenwahrnehmung klafft also eine gewaltige Lücke. Und wer hat nun Recht?

Durchaus relevant ist, von wem die Kritik kommt: Als ehemalige Mitarbeiter wissen Norman und Tognazzini, wovon sie sprechen. Zumindest kennen sie die wesentlichen strategischen und gestalterischen Entwicklungen bei Apple besser, als jeder Außenstehende sie beurteilen kann. Ihre Meinung hat also Gewicht. Für ihre These, Apple würde sich vom Grundsatz des "User Centered Designs" verabschieden und stattdessen eine Gestaltung zelebrieren, die gut aussieht, aber nicht immer gut funktioniert, findet man zudem viele treffliche Belege. So darf man gerne darüber streiten, wie ernst Apple seine eigenen Human Interface Guidelines nimmt – und genüsslich die Headline eines Forbes-Artikel zitieren, wonach in iOS neun 25 phantastische Features versteckt seien: Wer hilfreiche Funktionen so tief in seinem Betriebssystem vergräbt, dass man sie nicht intuitiv findet, nimmt es offensichtlich nicht allzu ernst mit der Nutzerfreundlichkeit.

Die Frage ist nur: Ist das alles wirklich so schlimm? Hierauf gibt es zwei Antworten: Ja – wenn man glaubt, dass die Nutzerperspektive das wichtigste Merkmal ist, an dem sich Apple messen lassen muss. Oder aber "Nein", wenn man sich ins Gedächtnis ruft, dass Markenerlebnisse nun einmal holistisch definiert werden. Apple – und seine Kunden! – sind über den ursprüngliche Kern der Marke hinaus gewachsen. Längst geht es dem Unternehmen nicht mehr um die "Human Interface"-Ideale der Anfangszeit, sondern darum, aus einer genialen Ursprungsidee ein umfassendes Marken-Ökosystem zu entwickeln. Zu diesem Erfolgsmodell gehört es, mit den eigenen Produkten emotionale Begehrlichkeiten zu wecken – und das funktioniert über die Ästhetik der Gestaltung in der Breite globaler Märkte nun einmal besser, als über das hochindividuelle Usability-Ideal: Wer heute ein iPhone sechs kauft, tut dies eher aus Statusgründen und nicht, weil die Benutzerführung so überzeugend wäre.

Die Kritik von Norman und Tognazzini läuft also ins Leere, denn sie macht die Vergangenheit der Marke zum Maßstab und nicht deren Zukunft. Die wichtigere Herausforderung für Apple in den kommenden Jahren ist es eben nicht, die User Experience zu verbessern, sondern einen Weg zu finden, um trotz schwindender Exklusivität begehrlich zu bleiben. Es sind nicht mehr die Fragen eines Computerherstellers, die den Konzern umtreiben – sondern die einer Lifestyle- und High-Fashion-Brand.

Der Autor:

Lukas Cottrell ist General Manager der Peter Schmidt Group und leitet deren Frankfurter Standort. Die Branding- und Designagentur gehört zu BBDO.


6 Kommentare

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Anonymous User 7. Dezember 2015

Wenn klassische Markenhüter versuchen, eine digitale Marke zu erläutern. Herrlich.

Alles in allem sagt dieser Artikel also: Usability ist nicht so wichtig. Das war 2000 ... Fragt doch mal bitte Experten, die sich mit Usability auskennen!

Anonymous User 6. Dezember 2015

Der Kern der Apple Produkte seit Ivy orientierte sich an gutem Produktdesign. Damit öffnete sich Apple erst für einen größeren Markt als seine bis dato kleine Fanboi Gemeinde. Diese Grundeinstellung zu vernachlässigen wird auf lange Sicht Apple nicht gut tun. Der Nutzer ist nicht dumm. Bekommt er ein Produkt in die Hand, was sein Designversprechen nicht einhält, wird er das aus Bequemlichkeit vllt 2 Zyklen mitmachen, wird dann aber seiner Wechselstimmung Taten folgen lassen. Das mag vor ein paar Jahren kein Problem gewesen sein, da es keine (wirklichen) Alternativen zu iProdukten gab. Mittlerweile ist die Auswahl aber beachtlich größer.
Designfehler können nicht bis auf alle Ewigkeit von gutem Marketing abgefangen werden.

Anonymous User 4. Dezember 2015

Ich teile Ihre Einstellung ebenfalls nicht.

Was ich aus ihrem Artikel herauslese ist (überspitzt formuliert), dass Sie es nicht schlimm finden, dass aus Apple Produkten immer mehr schöne, aber leere Hüllen werden. Und das dies doch völlig egal sei, solange man es bei Apple weiterhin schafft, den Kunden (zu)viel Geld dafür abzuknöpfen.

Aus Marketing-Sicht mag das genial sein. Ob es dem Produkt und der Marke auf Dauer gut tut diesen Kurs beizubehalten, wage ich zu bezweifeln.

Anonymous User 4. Dezember 2015

...und spätestens die Apple Watch zeigt, dass selbst die überzeugtesten Anhänger der Marke schon nach kurzer Zeit nicht Sinn, Zweck und Wert der "Uhr" erkennen und ihren klassischen Chronographen wieder tragen. Damit ist die Kritik in allen Belangen gerechtfertigt. Das Erlebnisgefühl wird vordergründigem Design und kurzanhaltendem "Wow" untergeordnet.. Oder wem ist das iPhone 6 ohne Hülle nicht auch schon entglitten?

Anonymous User 4. Dezember 2015

Auch Apple, Google & Co. haben den Erfolg nicht für alle Zukunft gepachtet. Immerhin lehrt uns die Vergangenheit, dass Erfolg und Größe auf Dauer träge machen und andere, neue, kleine überholen werden. Also wo ist das "neue" Apple?? Noch nicht in Sicht? Aber sicherlich schon da...

Anonymous User 4. Dezember 2015

Einspruch!

Die Kritik läuft absolut nicht ins Leere!

Weiten Sie Ihren Blickwinkel mal über iOS hinaus: OSX ist seit den letzten 3 Generationen nicht mehr zu gebrauchen. Für professionelle Anwender ist es eine Katastrophe, da nichts mehr richtig funktioniert, aber selbst die Consumer, die nur "rumspielen" wollen, jammern schon.

Eine erbärmliche und bedauerliche Entwicklung, die Apple hier vorlegt. Lesen Sie einfach mal die User-Rezensionen von OS X "El Capitan" - ein Hochgenuss - versprochen ;-)

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