Umfrage von Adrian Rosenthal :
Was die Deutschen von der SXSW 2018 mitnehmen

Wie relevant ist die SXSW für den deutschen Markt? Adrian Rosenthal von der Publicis-Tochter MSL Germany hat Branchenköpfe auf der SXSW gefragt - von A wie AlexiBexi bis Z wie Felix Zeltner.

Text: W&V Redaktion

Adrian Rosenthal ist Digitalchef der Publicis-Tochter MSL Germany in Berlin.
Adrian Rosenthal ist Digitalchef der Publicis-Tochter MSL Germany in Berlin.

Der Interactive-Part der SXSW 2018 ist (leider) fast vorbei. Wie immer muss man (ich zumindest) die ganzen neuen Eindrücke Impulse und Technologien mental sortieren und sacken lassen, um sie danach im Anschluss noch einmal tiefer zu durchdringen.

Spontan – nach vier Tagen mit spannenden Panel-Runden, Keynotes und Gesprächen – würde ich folgende Top Trends aus dem Ärmel schütteln:

  1. Elon Musk (der hier eine gehypte Omnipräsenz hatte)
  2. Künstliche Intelligenz (Elon sagt, sie wäre gefährlicher als Nuklearwaffen)
  3. Blockchain (ich habe nicht mitbekommen, dass Elon was dazu gesagt hätte; hat er aber sicher; mein Fehler)

Aber meine Eindrücke sind natürlich rein subjektiv. Daher habe ich eine ganze Reihe Mitreisender befragt, warum sie jedes Jahr im März nach Austin kommen (oder dieses Jahr zum ersten Mal dabei sind) und was sie dieses Jahr von der SXSW mit nach Hause in Deutschland nehmen.

Felix Zeltner, Journalist und Co-Founder von Work Awesome

"Auch wenn die unzähligen Panels und Themen zum großen Teil crowdgesourced und von völlig unterschiedlicher Qualität sind - keine andere Konferenz bietet so viele digitale Vordenker, komprimiert in einen Zeitraum von nur ein paar Tagen. Man geht mit einer Tasche voller Eindrücke und Ideen nach Hause. Dazu kommt: die Chance, durch Downtown Austin zu streifen und zufällig jemanden Interessantes zu treffen, liegt bei 100%. 2018 war mein siebtes Mal SXSW, nirgendwo war ich häufiger und klar bin ich 2019 wieder am Start!

Mein größter Trend? Technologieskepsis löst Technikbegeisterung ab. Und keiner ist sich einig, ob AI noch albern oder schon gefährlich ist.“

Lina Timm, Geschäftsleitung Media Lab Bayern

"Die SXSW ist einzigartig in ihrer Themenkombi. Es geht nicht nur um Medien und Marketing, sondern genauso um Tech, Startups und Innovation. Für meine Arbeit im Media Lab ist das die perfekte Kombination und ein guter Seismograph, wo die Trends in diesem Jahr hingehen werden. Dieses Jahr war das größte Buzzword AI - und die besten drei Learnings zu dieser Black Box: 1. Richtige AI haben wir noch nicht, wir haben ANI (Artificial Narrow Intelligence). Algorithmen, die eine Sache besonders gut können. 2. Und die haben wir schon lang: an jeder Sicherheitskontrolle oder im selbst stoppenden Auto. 3. Der größte Fortschritt der letzten Jahre ist Synthese: Die A(n)I kann jetzt Zusammenhänge verstehen. Darin steckt das wirkliche Potenzial.

Was ich auch mitgenommen habe: Dass in den USA gerade viele, viele Firmen über Innovationsstrategie und -kultur nachdenken und final angekommen ist, dass wir alle, wenn wir mit der technologischen Entwicklung mitgehen wollen, unsere Prozesse anpassen müssen. Das zu unterstützen, daran arbeiten wir im Media Lab auch gerade. Die Impulse dazu von der SXSW waren super!“

Sachar Klein, Chief Attention Officer hypr

"Ich bin ein SXSW-Rookie und bin hierher gekommen, weil es für mein Geschäft als Geschäftsführer einer Agentur kritisch ist, Trends so früh wie möglich mitzubekommen. Die SXSW gilt als eine der führenden Adressen, um genau dieses Ziel zu erreichen.

Ich stelle fest, dass AI eine zunehmend große Rolle spielt - auch in der Kommunikation. Gleichzeitig dreht sich sehr viel um den Faktor Mensch. Sinnbildlich dafür sehe ich den Talk von Bozoma Saint John, Chief Brand Officer von Uber. Sie ist bei der SXSW aufgetreten und hat über die Transformation bei Uber berichtet. Da war kein Marketing-Bullshit dabei, da hat ein Mensch gesprochen - ohne Skript und Vorgaben. Auf diese Art und Weise hat Bozoma wahnsinnig viele Sympathien für sich und Uber gewinnen können. Das war schon gewaltig."

AlexiBexi, Webvideo-Künstler und –Produzent

"Dieses Jahr war für mich das erste Mal SXSW, leider nur einen vollen Tag Zeit bekommen (bzw. noch eine Stunde vom Sonntag kurz vor Abreise). Eine interessante Mischung aus so vielen einzelnen Messen bei uns in DE bzw. EUR: MWC + IFA + Internorga + Filmfestspiele usw. Dafür, dass die Veranstaltung eigentlich enorm groß ist, war alles viel kleiner (konzentrierter) als gedacht. Teilweise fühlte es sich sogar unorganisiert bis hilflos an (vor allem die Mitmenschen an den "Infoständen" waren eigentlich die uninformiertesten).

Alles Technische legt tatsächlich großes Augenmerk auf: "DU" bist die Technologie. Es geht nicht nur ums Abfrühstücken von neuen Geräten. Sondern ums Erleben. Das zusammen mit der Amerikanischen Mentalität war äußerst spaßig! Apropos spaßig: Man hat an jeder Ecke gemerkt, dass wir im Staat des Barbecues waren. Nicht nur durch exzentrische Hüte, sondern durch Fleisch. Halleluja. So selbstverständlich und null hinterfragt Fleisch zu konsumieren habe ich 2018 noch nicht gesehen. Immerhin: Die Drinks waren genau richtig."

Sanja Stankovic, Co-Founder bei Hamburg Startups und Digital Media Women

"Die SXSW ist seit vielen Jahren ein absoluter Pflichttermin für mich. Ich begleite die Hamburger Delegation seit 7 Jahren und bringe in erster Linie Startups und interessierte Unternehmen auf die SXSW und dort auf die wichtigen Events.

Unser Startups@Reeperbahn Pitch kooperiert mit der SXSW und ich darf jedes Startups für den Accelerator vorschlagen. Mit den Londoner Gründern von Sceenic (Finalisten des Startupos@Reeperbahn Pitches 2017) hatten wir im vierten Jahr in Folge ein Startup im Accelerator. Das ist jedes Jahr auf Neue ein absolutes Highlight. Insgesamt haben wir dieses Jahr vier Startups dabei und konnten sie mit VC und internationaler Presse vernetzen. Ein voller Erfolg." 

Michael Funk, Geschäftsführer Kreation, The Back Room McCann

"Ich bin hier, weil es inspirierend ist und einfach Spaß macht, neue Möglichkeiten für Kommunikation früh zu entdecken. Auffällig dieses Jahr finde ich das Erwachsenwerden der Technologien, sie werden immer mehr von Spielzeugen zu Werkzeugen. Und sie werden oft bescheidener und unauffälliger, Stichwort 'Calm Technologies'."

Patrick Benner, Geschäftsführer ARTUS interactive

"Wir fahren jedes Jahr zu SXSW um uns inspirieren zu lassen und um zu sehen, wie Andere über die Themen denken, mit denen wir uns täglich beschäftigen. Naja und das Wetter und das Barbecue...

Für uns besonders interessant sind die unterschiedlichen Interfaces, um mit AI zu interagieren: noch das Smartphone, aber immer mehr Voice, Smarte AR Brillen, Internet of Things und andere Technologien jenseits von Screens. Und mitten drin bittet die Paartherapeutin und Bestseller-Autorin Esther Perel in ihrer Keynote darum, das Smartphone auch mal weg zu legen – so einfach kann es manchmal sein und dafür gibt es Standing Ovations bei SXSW."

Tobias Soffner, Executive Producer Demodern Digital Agency

"Weil ich Bock hatte? Nein, im Ernst, es gibt zig Gründe hier zu sein. Input, der in Deutschland immer eher angespannt und angestrengt zu bekommen ist. Menschen, die man in relaxter Atmosphäre treffen kann. Das eigene Radar, das sich abseits des Alltages neu Kalibrieren lässt. Da wir auch in den USA arbeiten, macht es eh Sinn und last but not least: Spaß. Wenn man im Job keinen Spaß hat, wird man auch keine Produkte releasen, die Freude beim Nutzer erzeugen. Das versuche ich auch meinen Teams zu vermitteln – und dafür ist es wichtig, dass jeder mal unterwegs ist.

Ich fand zwei Dinge bislang frappierend: Es herrscht dieses Jahr ziemlich große Selbstkritik und Technologieskepsis, vor allen gegenüber Bots und AI. Das ist sicher angebracht und hängt viel mit der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung zusammen, aber es wirkt auch angemessen. Wenn daraus die richtigen Ideen, Konzepte und Schlüsse folgen. Dazu gehört auch, nicht immer erratisch alles zu hypen, sondern Design und Technologie mit hohem Qualitätsanspruch zu verfolgen. Die Ergebnisse darf man dann ruhig gern zeigen - und davon sehe ich hier ehrlich gesagt erstaunlich wenig."

Jutta Klauer, Senior Manager Digital Communications Pfizer

"Die SXSW ist für mich eine der wichtigsten Digitalkonferenzen der Welt. Die Themenvielfalt, hochkarätigen Speaker, Veranstaltungen und Ausstellungen sind sehr beeindruckend und liefern neue Impulse, Ideen und Kontakte.

Ich erlebe hier spannende und wichtige Diskussionen über die Auswirkungen der Digitalisierung auf unsere Gesellschaft und insbesondere in den Digitalhealth-Sessions was neue Technologien für Patienten bringen und wie sie die Gesundheitssysteme verändern."

Tabea Wilke, Founder & CEO botswatch

"Dieses Jahr ist eine ganz besondere SXSW für mich, da mein Unternehmen botswatch Finalist für für den SXSW Interactive Innovation Award 2018 ist. Wir freuen und sehr über diese Nominierung und der gewonnene Pitch 'New Technologies Startup' im German Haus gibt uns Rückenwind.

Was auf dieser SXSW ganz deutlich wird, ist dass das Thema Bots und Fake News nicht nur für den Journalismus immer noch ein großes Problem ist, sondern auch für Unternehmen. Botgesteuerte Kampagnen in sozialen Netzwerken sind zu einer realen Gefahr für Unternehmen geworden."

Oliver Nermerich, Head of Digital Media OSK

"Nirgendwo sonst kommt man an die großen Stars der Digitalszene so nahe heran wie hier in Austin. Ob Alex Chung (Giphy-CEO), Susan Wojcicki (YouTube-CEO) oder Jonathan Lubin (Ethereum-Cofounder) – sie alle beantworten nie bis selten eine Mail aus der Ferne, aber stehen im Anschluss an ihre Talks für weitere Gespräche und Interviews zur Verfügung und teilen wichtige Insidertipps. Zudem ist die Tech-Boomstadt Austin jedes Jahr eine riesige Inspirationsquelle. Hier trifft man viele Menschen, die sich einfach trauen, neue Technologien anzuwenden und ungewöhnliche Ideen umzusetzen.

Die Szene war noch nie so kritisch gegenüber neuen Technologien. In diesem Jahr haben viele Publisher in Austin ihren Ärger über Facebooks Newsfeedänderungen deutlich zum Ausdruck gebracht. Andere haben von den negativen Konsequenzen der rasanten Entwicklung der künstlichen Intelligenz gewarnt (Elon Musk). Und der London Bürgermeister Sadiq Khan mahnt die technologischen Plattformen zu mehr Verantwortung, vor allem bei der Verbreitung von Fake News."


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