Recruiting :
Weg mit Anschreiben, Duzen - wie sich die Bewerbung wandelt

Die Bahn will keine Anschreiben mehr von ihren Bewerbern, die DAX-Konzerne verfallen ins lockere Du - nur wer modernes Recruiting betreibt, bekommt gutes Personal.

Text: Anja Janotta

Die Unternehemn tun sich schwer mit der richtigen Ansprache.
Die Unternehemn tun sich schwer mit der richtigen Ansprache.

Wer in Zeiten des Arbeitskraftmangels nicht flexibel auf die Bewerber reagiert, bekommt bald kein Personal mehr. Die Deutsche Bahn hat jüngst verkündet, sie wolle beim Bewerbungsprozess für Azubi-Stellen künftig auf Anschreiben verzichten, denn für viele Kandidaten sind diese Anschreiben eine echte Hürde. "Wir wollen es den Bewerbern so einfach wie möglich machen", sagte dazu Bahn-Personalerin Carola Hennemann. Für Schüler sei so ein Schreiben "schon schwierig".

Auch jüngst hatte eine Studie von Meinestadt.de genau das gezeigt: Aus vielerlei Gründen findet die junge, digitale Generation das Anschreiben überflüssig. Die wesentlichen sind:

Das sind die Gründe, warum Bewerber Anschreiben ablehnen.

Das gilt auch umgekehrt: Nicht nur die Bewerber, auch die Personaler haben immer weniger Lust auf diese Bewerbungsprozedur. 48 Prozent halten das Anschreiben für ohnehin nicht aussagekräftig, 39 Prozent mögen sie nicht, weil Anschreiben sehr subjektiv sind und 32 Prozent sagen, dass darin ohnehin keine Zusatzinformationen zum Lebenslauf enthalten sind. Immerhin 15 Prozent geben nach einer Umfrage der Personalberatung Robert Half an, dass sie nicht einmal die Zeit hätten, die Anschreiben zu lesen. Aber die Not ist deutlich: 59 Prozent der Unternehmen berücksichtgen derzeit auch Bewerbungen, die gar kein Anschreiben aufzuweisen haben.

Trotzdem ist das Anschreiben manchmal dennoch nötig, denn gerade Quereinsteiger oder Bewerber mit Brüchen in ihrem Lebenslauf können ihre besondere Motivation für die Bewerbung bei diesem speziellen Unternehmen damit deutlicher unterstreichen.

Duzen oder Siezen im Bewerbungsprozess?

Nicht nur der Verzicht auf Anschreiben bringt die Unternehmen näher an den jungen Bewerber, auch die persönlichere Ansprache. Nachdem derzeit vermehrt in den sozialen Netzwerken rekrutiert wird, ist das Du im Bewerbungsprozess definitiv angekommen. Nur nicht überall. Selbst in den einzelnen Unternehmen ist der Umgang mit dem Sie und dem Du nicht konsistent. Die Allianz zum Beispiel duzt Schüler, berufserfahrene Bewerber allerdings werden gesiezt. Auch die weiteren 30 Dax-Konzerne wechseln hin und her, wie eine Erhebung der Agentur Wortwahl zeigt.

Es ist offenbar auch eine Frage der Firmenkultur und der Zielgruppe, wie die Ansprache gehandhabt wird. Besonders der Kanal ist wichtig für die Ansprache: Im Social-Media-Bereich dominiert beispielsweise das schnelle Du. Nur drei der 30 Konzerne variieren ihre Ansprache auf Social-Media-Kanälen und nutzen je nach Zielgruppe sowohl Du als auch Sie. Auf alle Fälle aber wird daran deutlich, wie sehr der Bewerber ins Blickfeld geraten ist: Denn die Bemühungen der Konzerne zeigen deutlich - sie wollen möglichst nah an die Kandidaten herankommen, sich aber auf keinen Fall anbiedern. Es bleibt ein sensibler Balance-Akt wie das Recruiting selbst.


Autor:

Anja Janotta, Redakteurin
Anja Janotta

seit 1998 bei der W&V - ist die wohl dienstälteste Onlinerin des Hauses. Am liebsten führt sie Interviews – quer durch die ganze Branche. Neben Kreativ- und Karrierethemen schreibt sie ab und zu was völlig anderes - Kinderbücher. Eines davon dreht sich um ein paar nerdige Möchtegern-Influencer.