Verpackung :
Weniger Plastik: Von dieser britischen Supermarktkette können alle lernen

Plastiktüten, Strohhalme, Kaffeebecher - alles unnötiger Müll aus Sicht der EU-Kommission. Sie zieht nun die Daumenschrauben an. Die Ladenkette Iceland prescht derweil freiwillig vor.

Text: W&V Redaktion

Vorreiter Iceland: Die Supermarktkette erklärt per Spot, wie sie Plastikmüll eindämmen will.
Vorreiter Iceland: Die Supermarktkette erklärt per Spot, wie sie Plastikmüll eindämmen will.

Sämtliche Plastikverpackungen in Europa sollen bis 2030 wiederverwertbar werden. Das ist einer der Bausteine aus der neuen Strategie der EU-Kommission, um Plastikabfälle zu verringern. "Wir müssen verhindern, dass Plastik in unser Wasser, unser Essen und sogar unsere Körper kommt", erklärte Kommissionsvizepräsident Frans Timmermans am Dienstag in Straßburg. "Wir werden im Plastik ersticken, wenn wir nichts dagegen tun."

Er selbst geht mit gutem Beispiel voran und hat auch schon seine Kinder überzeugt. Nur ein einziges Mal habe er ihnen erklärt, wie schädlich Plastikstrohhalme für die Umwelt sind. "Jetzt halten sie nach Papierstrohhalmen Ausschau oder nutzen gar keine."

Solchen Erfolg wünscht sich der Vizepräsident der Europäischen Kommission auch für seine am Dienstag vorgestellte Strategie gegen Plastikmüll. Europaweit fallen nach Angaben der EU-Kommission jährlich rund 26 Millionen Tonnen Plastikmüll an. Nur knapp 30 Prozent davon werden zur Wiederverwertung gesammelt, die übrigen 70 Prozent landen auf Müllkippen, in Verbrennungsanlagen oder in der Umwelt, vor allem in den Meeren.

Die EU-Kommission will mit einem Maßnahmenbündel gegensteuern. So sollen neue Regeln entwickelt werden, um Plastik leichter wiederverwertbar zu machen. Europaweit sollen Kunststoffabfälle möglichst sortenrein gesammelt werden.

Zudem will die Kommission noch 2018 neue Regeln zur Vermeidung von Einmalgegenständen aus Plastik vorschlagen, also zum Beispiel Strohhalme, Einwegbesteck oder Deckel für Kaffeebecher. Die Beimengung von Plastikpartikeln in Kosmetika und Waschmitteln soll unterbunden werden. In Häfen sollen Abfallannahmestellen für Schiffe vorgeschrieben werden. Denn 20 bis 40 Prozent der Abfälle in den Ozeanen stammten von Schiffen, erklärte die Kommission.

Ein weiteres Ziel der Plastikstrategie sei es, Recycling auch in Europa profitabel zu machen, sagte Timmermans Kollege Jyrki Katainen. Er nannte zwei Gründe, die bisher dagegen sprechen: Es gebe keine einheitlichen Standards für recyceltes Plastik und deshalb Zweifel an der Qualität. Und das Ausgangsmaterial sei zu unterschiedlich, weil zum Beispiel in Verpackungen Farbstoffe oder Chemikalien zugefügt werden.

Dieser britische Supermarkt ist vorbildlich

In Großbritannien hat Premierministerin Theresa May ähnlich ambitionierte Pläne und hat angekündigt, den Verbrauch von Plastik im Land bis 2042 drastisch zu senken - unter anderem durch die Erhebung von Abgaben auf nicht recycelbare Verpackungen. Einigen, wie der britischen Supermarktkette Iceland, geht das nicht schnell genug. Sie will bis 2023 alle Plastikverpackungen von Produkten ihrer Eigenmarke durch recycelbare Materialien wie Papier und Zellstoff ersetzen. "Es gibt keine Entschuldigung mehr für übermäßige Verpackungen, die unnötigen Müll produzieren und unserer Umwelt schaden", sagte Iceland-Chef Richard Walker.

Der Spot #TooCoolForPlastic der britischen Supermarktkette Iceland:

Das Unternehmen hatte sich bei dem Vorhaben von der Umweltschutzorganisation Greenpeace beraten lassen. Greenpeace forderte andere Supermarktketten auf, dem Beispiel von Iceland zu folgen. "Jetzt ist es an anderen Einzelhändlern, die Herausforderung anzunehmen. Die Flut der Plastikverschmutzung wird nur zurückgehen, wenn sie den Hahn abdrehen", sagte der Greenpeace-Chef in Großbritannien, John Sauven. Obwohl das Ausmaß des notwendigen systemischen Wandels bekannt sei, seien die Antworten der Händler bislang nur zurückhaltend und bruchstückhaft erfolgt.

Warum hat der Strohhalm so große Bedeutung?

Der Strohhalm ist für Anti-Plastik-Aktivisten weltweit ein Symbol für unnötigen Einmalkonsum mit drastischen ökologischen Folgen. Dazu gibt es verschiedene Aktions-Plattformen etwa in den USA und Schottland.  Nach Angaben des Bundesumweltministeriums gehören Strohhalme und Flaschendeckel neben Zigarettenstummeln, Lebensmittelverpackungen und Plastikflaschen zu dem am häufigsten gefundenen Meeresmüll, nicht nur an der Ostsee. "24 Stunden am Tag enden in jeder Sekunde rund 700 Kilogramm Plastik in der Meeresumwelt", warnt EU-Kommissar Timmermans. "Es dauert fünf Sekunden, das zu produzieren, fünf Minuten, es zu nutzen und etwa 500 Jahre, es wieder abzubauen." Insgesamt sollen bis zu 142 Millionen Tonnen Plastik in den Weltmeeren treiben. Als besonders riskant gelten Plastikpartikel, nicht nur für Meereslebewesen, sondern auch für menschliche Nahrungskette. Sie wurden inzwischen in Lungen und Blutbahn nachgewiesen.

Was bedeutet das für die Plastik-Produzenten?

Die Brüsseler Strategie zielt darauf, viel mehr Plastik zu recyceln und weniger in die Umwelt gelangen zu lassen. Bis 2020 sollen 100 Millionen in die Forschung fließen, um die Stoffe entsprechend weiter zu entwickeln. Das soll eine sortenreinere Sammlung von Kunststoffen unterstützen, denn damit wird die Verwertung einfacher und billiger.

Die Behörde schätzt, dass sich die Recyclingkosten um rund 100 Euro pro Tonne senken lassen. Das soll die Pläne auch der Plastikbranche schmackhaft machen, die europaweit 1,5 Millionen Menschen beschäftigt und 2015 rund 340 Milliarden Euro umsetzte.

Muss es der Verbraucher wieder ausbaden?

Ob auf die Konsumenten Mehrkosten zukommen, sei für Deutschland nicht genau abzuschätzen, sagt Patrick Hasenkamp vom Verband Kommunaler Unternehmen. Bliebe es bei denselben oder sogar steigenden Plastikmengen, müssten dafür viele neue Recyclinganlagen aufgebaut werden. Das verursache Kosten. Aber es drohe bei durchschnittlichen Jahreskosten von heute 220 bis 280 Euro pro Haushalt für Müllabfuhr und Duale Systeme auch künftig "kein Quantensprung, der die Bürger in die Knie zwingt", schätzt Hasenkamp.

Zudem hofft die EU-Kommission auf ein Umdenken der Verbraucher und eine Abkehr von Wegwerfplastik. Die Behörde unterstreicht, dass auch der jetzige Ressourcenverbrauch enorm teuer sei. Umwelt-, Gesundheits- und Klimaschäden tauchen als Kosten nicht auf, müssen aber letztlich auch von den Bürgern bezahlt werden.

Wer will eine europaweite Plastiksteuer?

EU-Haushaltskommissar Günther Oettinger will das prüfen lassen und hofft auf doppelten Nutzen: weniger Müll und Milliardeneinnahmen für den EU-Haushalt. Sein Kollege Timmermans gibt allerdings zu bedenken: "Wie bei (Abgaben auf) Plastiktüten ist die Absicht, dass die Leute das nicht mehr verwenden. In einer perfekten Welt würden die Einnahmen also sehr schnell sinken."

Die EU-Richtlinie gegen Einmalplastiktüten hat übrigens tatsächlich etwas gebracht. Seit die Tüten nicht mehr kostenlos abgegeben werden, sinkt der Verbrauch. 2016 wurden laut Handelsverband HDE in Deutschland ein Drittel weniger verwendet als ein Jahr zuvor. Es waren allerdings immer noch 3,7 Milliarden Stück.

am/dpa


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