Hassvideos auf Youtube :
Wie die Werberlobby Google zum Handeln zwingt

Auf Druck der Werber will Youtube endlich massiv gegen Hassvideos vorgehen - und nimmt dafür sogar Umsatzeinbußen in Kauf.

Text: Verena Gründel

18. Apr. 2017

Die Werberlobby schafft, woran die Politik scheiterte: Sie zwingt Youtube, gegen Hassvideos vorzugehen.
Die Werberlobby schafft, woran die Politik scheiterte: Sie zwingt Youtube, gegen Hassvideos vorzugehen.

In der Diskussion um Hassvideos gibt Youtube nach und sagt ihnen auf Druck der Werberlobby endlich den Kampf an: Schon lange beißen sich Politiker und Datenschützer an der Regulierung der großen Social-Media-Netzwerke die Zähne aus. Seien es Verstöße gegen das Datenschutzgesetz, verfassungswidrige Accounts, Hasskommentare, Fake News, Steuerflucht, Verstoß gegen das Leistungsschutzrecht – die Liste der Kritikpunkte an Google, Facebook oder Whatsapp ist lang.

Geändert haben die Digitalkonzerne aber kaum etwas, zumindest nicht aus ethischen oder politischen Gründen. Europäische Regulierungs­versuche haben sie weitgehend ignoriert.

Anders sieht es nun aus, wenn sie ihren Umsatz in Gefahr sehen: Hunderte von Werbekunden stornierten im März ihre Werbung auf Youtube und anderen Google-Webseiten, nachdem die britische Tageszeitung "The Times" Beispiele veröffentlicht hatte, in denen Werbung großer Marken vor Videos von Hasspredigern oder Islamisten gezeigt wurde.

Nun will Youtube plötzlich radikal gegen aggressive, beleidigende und rechtswidrige Inhalte vorgehen – und beschneidet damit sogar das eigene Erlösmodell. Denn auf Kanälen der Plattform wird künftig erst nach mindestens 10.000 Videoabrufen Werbung angezeigt.

Youtube muss mit Umsatzeinbußen rechnen

Hat ein Publisher auf der Plattform 10.000 Abrufe gesammelt, will Youtube die Inhalte auf ihre Brand-Safety hin überprüfen. "Wenn alles gut aussieht, darf er am Youtube-Partnerprogramm (YPP) teilnehmen und vor seinen Clips kann Werbung ausgespielt werden", verspricht das Unternehmen in einem Blogbeitrag.

Bisher konnte jeder Youtube-Neuling ab dem ersten Clip am YPP teilnehmen. Das senkte die Hürden für den Einstieg und steigerte Youtubes Werbeeinnahmen, schließlich generiert der Youtuber-Longtail Unmengen an Videoviews. Youtube wird also jetzt erst einmal mit Umsatzeinbußen rechnen müssen.

Im Fall Youtube reguliert sich der Markt ein Stück weit selbst. Das Videoportal sagt aggressiven und rechtsverletzenden Inhalten den Kampf an, auch ohne Gesetze und Strafzölle. Die Zahlungen von Geldstrafen an Länder wie Deutschland kann ein aus den USA regierter Mega­konzern schließlich theoretisch verweigern – was sollen die Staaten schon gegen Googles Übermacht unternehmen?

Aber von den großen Werbekunden ist der Konzern direkt abhängig. Die spielen ihre Macht nur bisher viel zu selten aus. 


Autor:

Verena Gründel

ist seit April 2017 für das Marketingressort der W&V tätig. Davor schrieb sie für iBusiness über Digitalthemen. Nach Feierabend kocht und textet sie für ihren Foodblog – und gleicht das viele Essen mit ebenso viel Sport aus. Wenn sie länger frei hat, reist sie am liebsten mit dem Auto durch Lateinamerika, von Mexiko bis an die Südspitze Argentiniens.



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