Kommentar :
Wie viel Virtual Reality braucht der Mensch?

Virtual Reality ist gerade heiß - und zudem praktisch. Samsung und Bartle Bogle Hegarty haben nun gemeinsam die VR-App "Bedtime Stories" entwickelt - als wären Mama und Papa tatsächlich da, wenn's für Kinder Zeit ist, ins Bett zu gehen. Das jagt einem Schauer über den Rücken.

Text: Susanne Herrmann

Dank Samsung muss man abends von der Arbeit nicht mehr heim: Die Kinder kann man per VR-App ins Bett bringen.
Dank Samsung muss man abends von der Arbeit nicht mehr heim: Die Kinder kann man per VR-App ins Bett bringen.

Virtual Reality ist gerade heiß - und zudem praktisch. Samsung und Bartle Bogle Hegarty (BBH) in London haben nun gemeinsam die VR-App "Bedtime Stories" entwickelt, die wieder ein Stück Alltag erleichtern soll. Sie ist Teil der Kampagne "Launching People" und erlaubt es Eltern, die zum Beispiel dienstlich über Nacht unterwegs sind, gemeinsam mit ihrem Kind Gutenachtgeschichten zu lesen und magische Orte zu entdecken. Als wären Mama und Papa tatsächlich im Zimmer.

Ein vergleichbares, gleichnamiges Projekt hatten Lufthansa und Kolle Rebbe im November - das allerdings ging nicht ganz so weit und hatte aufgrund der Verknüpfung mit dem Flug klareren Ausnahmecharakter. Da konnten Viefliegereltern eine "Gutenacht"-Geschichte aussuchen, aufnehmen und digital ihren Kindern schicken. Bei Samsung simulieren sie, sie wären daheim, wo sie nicht sind.

Zukunft, Vereinigung: Aus Werbersicht sind Projekt und Spot durchaus gelungen. Samsung löst damit ein Problem: Ein Drittel der Eltern könne nicht da sein, wenn ihr Kind ins Bett geht, weiß der Konzern. Das Arbeitsleben fordert immer mehr von den Werktätigen. Also bringt Samsung beschäftigte Eltern und einsame Kinder zusammen, denn dazu, so das Unternehmen, sei Technik schließlich da.

Die globale Dachkampagne "Launching People", teilt Samsung Electronics mit, sei entwickelt worden, um den Konsumenten zu helfen, ihr Potenzial zu entfesseln und eine bedeutende Veränderung mithilfe der Technik zu schaffen. Mit "Bedtime Stories" erfinde man einen der kostbarsten Momente im elterlichen Alltag neu, verbinde neueste technische Errungenschaften in VR mit der Kraft des Geschichtenerzählens, um die Art des Umgangs der Menschen mit VR weiterzuentwickeln.

Als Mensch, der auf menschliche Beziehungen steht, jagt einem das Schauer über den Rücken. Müssen doch Eltern wie Nichteltern, um den Lebensstandard zu halten, ohnehin rund um die Uhr erreichbar sein - und da liefert Samsung nun noch ein Argument dafür, dass der unermüdliche Einsatz für die Arbeit auch Freizeit kosten darf.

Keiner muss jetzt mehr abends daheim sein, wenn die Kinder schlafen gehen. Man ist ja per VR zusammen, als wäre man im selben Raum. Als wäre. Dass aber eine VR-App samt Brille nicht Mama und Papa ersetzen kann, die ihr Kind abends in den Arm nehmen, sollte man nicht einmal einem Technikkonzern sagen müssen. Manches will man sich vielleicht von der Technik nicht abnehmen lassen.

Sieht man aber allein das Geschäftsfeld, in dem Samsung und BBH tätig sind, treffen hier Problem und Lösung wunderbar aufeinander: Die Menschen sind mobil, die Menschen sind always on - und das wollen sie am liebsten mit ihren Liebsten sein. Es wird gesmst, es wird geskypet - da packen Samsung und BBH noch eins drauf und stricken eine emotionale Geschichte, die Eltern rührt und Tekkies begeistert.

Bei durchdigitalisierten Erfolgsmenschen, und die sind hier wohl die Zielgruppe, mag das gut aufgehen. Ewiggestrige, die den persönlichen Kontakt hochhalten, wünschen sich andere Lösungen für die Vereinbarkeit von Kindern und Beruf, Arbeit und Freizeit.


Autor:

Susanne Herrmann
Susanne Herrmann

schreibt als freie Autorin für W&V. Die Lieblingsthemen von @DieRedakteurin reichen von abenteuerlustigen Gründern über Medien und Super Bowl bis Streaming. Marketinggeschichten und außergewöhnliche Werbekampagnen dürfen aber nicht zu kurz kommen.