Tim Leberecht :
Zehn Tipps für Business-Romantiker

Die Ideen der Romantik überträgt Tim Leberecht in die Geschäftswelt. In Zeiten der Data- und Quantifizierung machen "Business-Romantiker" Arbeit menschlicher, Unternehmen innovativer.

Text: Conrad Breyer

Tim Leberecht kommt aus dem Marketing. Erst hat er es mit Jura versucht, dann Musik. Zwei Platten immerhin hat er mit seiner Band "Migraine" aufgenommen. Er studierte Kulturwissenschaften in Lüneburg, ging in die USA, arbeitete als CMO für Frog Design in San Francisco, später für das Architekturbüro NBBJ, das die Firmenzentralen von Samsung, Amazon und Starbucks gebaut hat. Zuletzt war er als Unternehmensberater selbstständig.

Irgendwann wollte Leberecht der "brutalen Investorenlogik" des Marktes nicht mehr folgen und fing an zu schreiben. Sein Buch "Business-Romantiker" bewegt Deutschlands Unternehmer, sie suchen Leberechts Rat, Otto etwa, Vitra und Airbus. "Ich glaube daran, dass die Welt ein besserer Ort wäre, wenn es mehr Romantik in unserem Leben gäbe", sagt er. Deshalb hat er nun auch die Business Romantic Society gegründet, mit der er Unternehmen hilft, sich auf eine Zukunft vorzubereiten, in der der Mensch wieder im Mittelpunkt steht. Hier Tim Leberechts Handlungsanleitungen.

Finde das Große im Kleinen

Der wichtigste Faktor für die Zufriedenheit mit dem Job ist die Beziehung zu den Kollegen, sagen Studien. Dabei gilt, was Beziehungsforscher schon lange wissen: Nicht die großen Gesten oder das vollmundige Versprechen sind der Schlüssel zu nachhaltig glücklichen Beziehungen, sondern Mikro-Momente der Nähe. Mit anderen Worten: Intimität. Eine gesunde Unternehmenskultur ist eine Kultur, in der viel Wert auf kleine Rituale und Gesten gelegt wird.

Tu so, als ob

Fake hat durch Fake News zu Recht einen schlechten Ruf bekommen, aber Fake bedeutet auch, andere Rollen ausprobieren zu können. Gerade am Arbeitsplatz können Masken den Spielraum für die eigene Identität erweitern. Authentisch sein heißt nicht immer, derselbe sein zu müssen. Und Innovation bedeutet ja immer erst ein "Tun, als ob": Experimente, Mutmaßungen, Anmassungen.

Sei ein Fremder

Die Experten der Zukunft werden die sein, die wie Amateure immer wieder Dinge zum ersten Mal machen. Dabei helfen Ausgründungen und Kooperationen mit Fachfremden, Fremde ins eigene Haus einzuladen als Entrepreneur- oder Artist-in-Residence, Schatten-Kabinette wie das parallele Millenial Managementt Team, das die Hotelkette Accor einberufen hat, oder Plattformen wie House of Genius, eine Event-Reihe, die Manager dazu einlädt, brennende Business-Themen mit Fremden zu debattieren – anonym.

Gib mehr als Du nimmst

Studien zeigen, dass wir uns produktiver fühlen, wenn wir unsere Arbeit unterbrechen, um zum Beispiel an eine gemeinnützige Organisation zu spenden oder als Freiwilliger bei einem Online-Projekt mitzumachen – und sei es nur für 30 Minuten. Und auch Firmenchefs können durch Großzügigkeit starke Bindung schaffen: Hamdi Ulukaya, Chef des Joghurtherstellers Chobani, bespielsweise schenkte den 2.000 Mitarbeitern seines Joghurt-Unternehmens von einem Tag auf den anderen Aktien als unerwarteten Lohn für ihre jahrelange Loyalität.

Leide (ein bisschen)

Ohne Leiden keine Leidenschaft. Wie ließe sich auch sonst der Erfolg von Ikea erklären, wo beim Zusammenbauen der Möbel Verzweiflung Teil der Produkterfahrung ist? Oder auch Studien, die offen legen, dass Kunden, denen der Kundenservice helfen musste, von einer anschließend höheren Markenbindung berichten. Wenn Fehler Marken menschlich machen, sollten Fehler nicht nur in Kauf genommen werden, sondern als bewusste Brüche in der Customer Experience inszeniert werden.

Hüte das Geheimnis

In einer Zeit, in der Transparenz und Offenheit zum Allheilmittel erklärt werden, gewinnen Mehrdeutigkeit und Geheimnis wieder an Wert. Marken und Unternehmenskulturen verlieren ihre Kraft, wenn sie zu durchsichtig, zu berechenbar werden. Wissen ist Macht, aber die leise Ahnung (und sogar Zweifel) halten die Illusion am Leben – und die ist für Romantiker mindestens genauso wichtig wie die Wahrheit.

Trenne Dich

Die beste Dinge im Leben sind die, die sich nicht wiederholen, nicht skalieren lassen. Unternehmen sollten daraus lernen und sich schneller von bestehenden Produkten und Prozessen lösen anstatt jeden Erfolg sogleich institutionalisieren zu wollen. "Move fast and break things"– so übersetzt Mark Zuckerberg das Schumpetersche Credo von der kreativen Zerstörung auf die Startup-Kultur von heute. Das umfasst auch Projekte und Teams: In der informellen, super-flexiblen Netzwerkökonomie von morgen werden wir alle öfter und schneller neue Beziehungen eingehen – und auch wieder lösen. Und wir brauchen eine neue emotionale Intelligenz, um damit umzugehen.

Überquere den Ozean

Romantisch zu sein ist schwierig, romantisch zu bleiben ist noch schwieriger. Je größer der Ozean, desto größer jedoch das Commitment. Bedeutet: Wenn der Traum, die Vision eines Unternehmen zu klein ist, wird auch die Leidenschaft schrumpfen. Hier sind die Tech-Firmen von der Westküste der USA uns Europäern einfach überlegen: Airbnb, Uber oder Tesla – man kann diesen Firmen kritisch gegenüber stehen, aber Mangel an großen Träumen kann man innen nicht vorwerfen.

Nimm den langen Weg nach Hause

Romantiker wissen um die Kraft der Nostalgie. Die wird oft missverstanden als ein Der-Vergangenheit-Nachtrauern, aber der aus dem Griechischen stammende Begriff beschreibt eigentlich die Sehnsucht nach tiefer Verbindung. Wenn wir mehr als 70 Prozent unserer wachen Stunden mit Arbeit verbringen, sollten uns Unternehmen ein Stück Heimat bieten und uns mit dem zusammenbringen, was wirklich zählt. "The business of business is no longer just business", so formuliert die Boston Consulting Group. Werte werden wichtiger, auch klare gesellchaftliche und politische Standpunkte.

Stehe alleine, am Rande, ganz still

In unserer westlichen Geschäftskultur geben wir generell der Entscheidungsfreude und Geschwindigkeit den Vorzug vor der Nachdenklichkeit, dem Abwarten, dem Gespräch. Aktionismus macht aber oft blind. Romantiker handeln deshalb auch einfach mal nicht. Und schweigen. "Um zu führen, muss man einsam sein," sagt der US-Autor William Deresiewicz. Am besten gemeinsam, zum Beispiel bei Silent Dinners, bei denen Manager 90 Minuten lang schweigsam miteinander essen.

Tim Leberecht findet, dass es Zeit ist für eine romantische Revolution. Warum? Das hat er W&V-Redakteur Conrad Breyer im Interview erzählt. Lesen Sie den ersten Teil des Gesprächs in der aktuellen W&V, Teil zwei gibt es am ersten November auf wuv.de.


Autor:

Conrad Breyer, W&V
Conrad Breyer

kam über Umwege ins Agenturressort der W&V, das er heute leitet. Als Allrounder sollte er einst einfach nur aushelfen, blieb dann aber. Er liebt alles, was Struktur hat in der Agenturwelt und Werbern unter den Nägeln brennt. Angefangen hat das alles mit einem Praktikum bei Media & Marketing, lange her. Privat engagiert er sich für LSBTI-Rechte, insbesondere in der Ukraine.