Heftkritik Turi2 Edition :
Content Marketing für Print: Das XXL-Magazin von Peter Turi

Jetzt macht er auch noch Print: Peter Turi bringt ein gedrucktes Magazin über Slow Media auf den Markt. Braucht man das? Eine Heftkritik von Frank Zimmer.

Text: W&V Redaktion

Sie ist teuer, und sie ist dick: Die katalogartige "Turi2 Edition", über 200 Seiten Gedrucktes von Peter Turi, liegt zum ersten Mal im Kiosk. Um "Print - ein Pladöyer für Slow Media" geht es in dem monothematischen XXL-Magazin. 2016 sollen vier weitere Ausgaben folgen.

Für die neue Print-Leidenschaft des Verlegers gibt es zwei mögliche Erklärungen. Die erste ist, dass sich Menschen ab 50 für Medien-Klassik begeistern - selbst dann, wenn sie den größten Teil ihres beruflichen Lebens im Internet zugebracht und dort ziemlich viel geleistet haben. So wie Peter Turi. Die zweite Erklärung ist, dass Turi früher als andere Leute erkannt hat, was kommt. Und das ist wahrscheinlich, denn es wäre nicht das erste Mal.

Als junger "Kress"-Verleger brachte er in 1996 den ersten Online-Branchendienst an den Start, und als Blogger elf Jahre später den ersten Morgen-Newsletter mit aggregierten Nachrichten aus aller Welt, ein Vorbild für viele Medienmacher und ein Anstoß für Weiterentwicklungen bis hin zum "Morning Briefing" von Gabor Steingart.

"Wo der Alltag digital wird, wächst die Sehnsucht nach analoger Qualität", heißt es im Editorial. Und Turi hat geliefert. Sein Interview mit Rolf-Dieter Lafrenz, dem in Medienkreisen respektierten wie gefürchteten Chef der Unternehmensberatung Schickler, ist eine Sternstunde. Und egal, ob es Turis Idee war oder einfach nur gut kopiert: Die Visitenkarten wichtiger Medienmacher zum Heraustrennen auf einen Bogen zu drucken und einzuheften, dürfte die selbsternannte "People-Branche" entzücken. Allein die dort abgedruckten Handy-Nummern sind für manche Leser schon die 20 Euro für die "Turi2 Edition" wert.

Braucht man Turis XXL-Magazin also? Jenseits des Kaffeetischs nicht unbedingt. Das "Plädoyer für Slow Media" ist hochwertiges Gattungsmarketing für Print und entsprechend mit Anzeigen ausgestattet worden. Hier und da hat Turi es mit dem Content Marketing übertrieben. Zumindest das floskelhafte Interview mit Peter Wippermann ("Verlage müssen sich verändern") hätte man sich sparen können. Falsch ist übrigens Wippermanns Vergleich zwischen Printmedien und Pferden: Gedrucktes werde als Luxusgut so gefragt sein wie der Reitsport in der Freizeit der Deutschen, so die These, und:

"Wir haben heute in Deutschland mehr Pferde als vor dem Ersten Weltkrieg".

Hier hat sich der Trendforscher vergallopiert: Auf 4,2 Millionen Gäule beziffert Statista.com das damalige Kaiserreich, heute sind es 1,1 Millionen.

Was im Turi-Buch fehlt, ist der Blick für das große Ganze. Man erfährt etwas über einzelne Medien und über ihre Macher, aber wenig über die Marketingmodelle und die Werbungtreibenden, die das alles finanzieren.

Trotzdem macht Turis gepflegter Print-Ausflug Spaß. Und was kann man besseres von einem 200-Seiten-Titel sagen, in dem es u.a. um Gurken-Produktion geht? Ein Extra-Punkt verdient sich Peter Turi übrigens für die Art und Weise, wie er auf seiner Website für das neue Print-Produkt wirbt, z.B. Auszüge daraus als Video-Interview veröffentlicht. Content Marketing kann er.


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