Thomas Knüwer über Jeff Bezos :
"Da will ein Milliardär den Journalismus retten"

Nicht die Zeitung steht im Fokus von Amazon-Gründer und "Washington Post"-Käufer Jeff Bezos, sondern der Journalismus - meint der Publizist und Blogger Thomas Knüwer im Gespräch mit W&V Online.

Text: Petra Schwegler

- 4 Kommentare

Hat das Mäzenatentum mit den Medien eine neue Spielwiese entdeckt? Die Frage drängt sich auf, nachdem Online-Milliardär Jeff Bezos für 250 Millionen Dollar mal eben so das amerikanische Traditionsblatt "Washington Post" gekauft hat. Im Social Web herrscht eine Stimmung ungläubiger Ratlosigkeit. Doch vielleicht schafft der Amazon-Gründer, was Verlegern bisher kaum oder gar nicht gelingt – die Zeitung ins digitale Zeitalter zu hieven. Diese Einschätzung spricht Thomas Knüwer aus, Gründer und Geschäftsführer der digitalen Strategieberatung kpunktnull. Beim Publizisten und Blogger (Indiskretion Ehrensache) hat W&V Online ein Einschätzung zum jüngsten Zeitungs-Deal erfragt.

US-Traditionszeitungen unterm Hammer: Amazon-Chef Jeff Bezos kauft "Washington Post", der "Boston Globe" geht an den Baseball-Investor John W. Henry, US-Multimilliardär Warren Buffett sicherte sich vor einem Jahr auf einen Schlag rund 70 Tages- und Wochentitel im Süden der USA. Ist das der Ausverkauf der US-Presse?

Das? Der Niedergang der US-Zeitungen ist ja viel weiter fortgeschritten als der in Deutschland. Wir sehen hier einfach die nächste Stufe, die wir in Old Germany in wenigen Jahren erreichen werden: Da will ein Milliardär den Journalismus retten, der hinter der Zeitung steckt.

Vorteil oder Nachteil für die teils schwer angeschlagenen Zeitungen?

Das Geschäft zeigt klar, dass Tageszeitungen sterben werden. Bezos selbst hat ja im vergangenen Jahr in einem Interview gesagt, er lese keine Zeitungen und glaube nicht, dass diese in 20 Jahren noch existierten. Nun wird er versuchen, die Erkenntnisse aus seiner Arbeit mit Amazon auf den Journalismus zu übertragen. Das ist definitiv ein gewaltiger Gewinn für die Gesellschaft.

Werden Medien – wie beispielsweise Fußball-Vereine - ein Hobby der Superreichen?

Dies gilt zuvorderst sicherlich für den angelsächsischen Bereich, wo Bürgerengagement eine ganz andere Bedeutung besitzt als hier zu Lande. Aber ich bin mir sicher, dass auch Deutsche mit großem Privatvermögen in den kommenden Jahren in den Bereich Journalismus investieren werden.

Wird der US-Trend auf den deutschen Printmarkt schwappen?

Er ist längst da. Tageszeitungen sterben. Und es gibt kein einziges Indiz, das etwas anderes anzeigen würde.

Young & Rubicam hat vor Kurzem ermittelt, dass Printmarken in den vergangenen Monaten massiv an Strahlkraft und Wert verloren haben – darunter auch die renommierte "FAZ". Wie können die Häuser gegensteuern?

Sie müssen sich endlich der Digitalisierung öffnen. Derzeit gibt es unendlich viel Be- und Verharrung. Das elende Leistungsschutzrecht ist ein Beweis dafür, wie wenig bereit deutsche Verlage für das 21. Jahrhundert sind. Natürlich werden sie von sich etwas anderes behaupten. Tatsächlich aber machen sie sich rasend viel Gedanken darüber, wie sie Inhalte verkaufen können - statt über der Frage zu brüten, welche Inhalte sich über Werbung und Bezahlung refinanzieren lassen. Sie benehmen sich wie Gastronomen, die jedes Detail von Kassensystemen auswendig kennen, aber nicht mal einen Koch im Auge haben. Das wird nicht gutgehen.


Autor:

Petra Schwegler, Redakteurin
Petra Schwegler

Die @Schweglerin der W&V. Schreibt seit mehr als 20 Jahren in Print und Online über Medien - inzwischen auch jede Menge über Digitales. Lebt im Mangfalltal, arbeitet in München.



4 Kommentare

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Anonymous User 8. August 2013

Gebetsmühlenartig den Niedergang der Zeitungen zu beschreiben, halte ich für wenig zielführend. Natürlich gibt es genügend Indikatoren für diese Aussage. Sie permanent zu wiederholen, stellt keinen Lösungsansatz dar. Es wäre in der Tat interessant zu lesen, wenn die Untergangspropheten wenigstens einen davon anbieten würden. Bei gründlicher Analyse einiger Parameter, die zum Status quo führten, ließen sich bestimmt auch Lösungen finden. Natürlich bemühen sich Zeitungen seit Jahren, den Anschluss ans digitale Zeitalter zu finden. Wahrscheinlich wurde bisher nicht alles richtig gemacht. Dennoch sehe ich Chancen für guten und glaubhaften Journalismus- auch im digitalen Zeitalter - sogar gegen Bezahlung. Denn an seiner für die Gesellschaft essentiellen Bedeutung und Funktion hat sich nichts geändert. Ob der Besitzwechsel der "Post" zu Amazon ein "segen für die Gesellschaft" sei, wird sich herausstellen. Ich zweifle daran. Bisher war jedenfalls nicht erkennbar, welchen Wertschöpfungsbeitrag Amazon geleistet hat - außer dem verramschen von geistigem Eigentum. Auf jeden Fall steht mir der Journalismus, so wie wir ihn hierzulande kennen näher, als Digitalkonzerne, mit monopolistischen Tendenzen - und teilweise schlimmerem, wie zu hören war. Schlußendlich sollte nicht aus den Augen verloren werden, dass es sicherlich um eine wirtschaftliche Krise ( Krise des bestehenden Geschäftsmodelles ) der Zeitungen geht, nicht aber um eine Krise des Journalismus per se. Und um die Inhalte geht es auch im digitalen Zeitalter. Guter, investigativer, und Leser orientierter Jorunalismus wird immer nachgefragt werden. Dafür sehe ich Chancen. Bei me too, wie er massenweise im Internet herumgeistert, sehe ich da eher Probleme.

Anonymous User 7. August 2013

Mit Verlaub, aber was Sie unter einer Zeitung verstehen ist hier doch unerheblich, weil Sie an dieser Stelle die Meinung/Prognose von Bezos wiedergeben. Ich sehe hier deswegen nach wie vor eine unsaubere, wenn nicht sogar unzulässige Verkürzung.

Dass es Sie nach ihrem Ausscheiden beim Handelsblatt nicht mehr unbedingt in einen Verlag zurück zieht, nehme ich Ihnen sogar ab. Aber Sie können doch nicht abstreiten, dass der allergrößte Teil Ihrer Bekanntheit (von der sicherlich auch ihre Beratung profitiert) daher kommt, dass Sie gerne bei jeder sich bietenden Gelegenheit den Verlagen ihre Versäumnisse vorhalten. Auf diese Weise suggerieren Sie ja auch, dass Sie wüssten, wie es besser ginge. Für solch ein Wissen um eine wirklich mach- und brauchbare Lösung dürften Unternehmen, die um ihre Existenz bangen müssen, ja sicherlich einiges zu zahlen bereit sein. Da wundert es mich eben einfach nur, dass wir noch nicht bei Meedia lesen konnten "Nach Beratung durch Kpunktnull: "Hamburger Abendblatt" ist digital hochprofitabel".

Dass sich Verlage noch keine Gedanken darüber gemacht haben, wie sie im Internet mit Werbung besser Geld verdienen, empfinde ich, wohlwollend ausgedrückt, als wenig differenzierte Aussage. Ich will ja nicht sagen, dass sich hier noch einiges besser machen lässt, aber dass bisher hieran noch niemand einen Gedanken verschwendet hat, ist einfach eine ziemlich platte Aussage. Glauben Sie daran, dass Online-Werbung langfristig die Einbrüche der Verlage in der Printwerbung kompensieren können?

Anonymous User 7. August 2013

Süßer Kommentar. Aber Blödsinn.

Eine Zeitung ist für mich gedruckt. Grundsätzlich. Deshalb heißt sie in der angelsächsischen Welt NewsPAPER.

Verlage beraten wir bei kpunktnull nur in Ausnahmefällen, das war von Anfang an so geplant. Aber so mancher verbrämte Printjournalist kann sich überhaupt nicht vorstellen, dass jemand FREIWILLIG nicht für dies GLORIOSE Branche arbeiten will.

Warum aber gerade die zitierte Äußerung solch einen Unwillen auslöst, ist mir unverständlich. Denn dies ist doch offensichtlich. Nehmen wir nur Bild Plus: Fünf Millionen soll das Payment-System an Kosten verursacht haben - das ist legitim. Doch die Produktion neuer Inhalte, die erfolgt abgesehen von Bundesliga-Zusammenschnitten nicht.

Anonymous User 7. August 2013

Das übliche Knüwer-Gelabere, das nicht erst mittlerweile stark anfängt, zu nerven. Bezos hat nicht gesagt, er liest >gar keine< Zeitung mehr, sondern dass er Zeitungen nur noch digital liest. Auch die Aussage, es werde in 20 Jahren keine Zeitung mehr geben, bezog sich rein auf gedruckte Ausgaben. Auch wenn sich natürlich die Frage stellt, ob solch eine mögliche Entwicklung den Verlagen Anlass zur Hoffnung ist – zwischen dem, was Knüwer als Bezos Aussage widergibt und dem, was Bezos wirklich gesagt, gibt es einen deutlichen Unterschied. Wenn Knüwer ein solches, wie von ihm geäußertes verfälschtes Zitat in einem Zeitungsartikel gefunden hätte (und ihm die Unterschiede zwischen beiden Aussagen überhaupt aufgefallen wären), hätte er mahnend den Zeigefinger gehoben und geschrieben "So stellen sich deutsche Zeitungsmacher also Qualitätsjournalismus vor".

Des weiteren wundere ich mich, dass sich nicht alle deutsche Verlagshäuser um die Beratung durch Herrn Knüwer reissen, sondern er stattdessen für Schwarzkopf über Haarstyling schreibt. Gut, das ist an der Grenze zur ad-hominem-Kritik und deswegen vielleicht nicht gerade sauber. Aber es fällt schwer, angesichts einer anmaßenden Aussage wie

"Tatsächlich aber machen sie sich rasend viel Gedanken darüber, wie sie Inhalte verkaufen können - statt über der Frage zu brüten, welche Inhalte sich über Werbung und Bezahlung refinanzieren lassen"

nicht ausfallend zu werden. Ich will gar nicht behaupten, dass irgendjemand in der Verlagsbranche der Lösung für die aktuelle Problematik der Branche auch nur nahe gekommen ist – die Behauptung alleine aber, dass niemand auch nur alle Möglichkeiten in Betracht gezogen hat, diskreditiert denjenigen, der versucht, mit ihr billige Aufmerksamkeit zu bekommen, schon alleine.

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