Reed Hastings beim DLD :
Das ist das Netflix-Rezept

"Wir müssen keine Werbekunden zufriedenstellen, weil wir keine haben": Cool wirkt Netflix-Gründer Reed Hastings im Interview mit der "SZ". Ein Lesetipp!

Text: Petra Schwegler

Lieber keine Zuschauerzahlen nennen und lieber keine Werbung ausstrahlen: So hält es Netflix. Reed Hastings, Chef des Online-Videodienstes, schweigt und genießt. Am Rande der Internet-Konferenz DLD in München gab der Netflix-Macher dem Team der "Süddeutschen Zeitung" ein interessantes Interview. Zumindest offenbart er dabei, wie das expansionsfreudige US-Unternehmen so tickt.

So sei es sehr okay, wenn sein Unternehmen Zuschauerzahlen verschweige – dann rätsle und spreche jeder darüber. Hastings in der "SZ" wörtlich:

"Das ist fantastisch für uns. Was wir jedes Quartal veröffentlichen, sind die Mitgliederzahlen und die sind das Wichtigste für uns. Im vergangenen Jahr haben die Leute auf Netflix 42,5 Milliarden Stunden ferngesehen, im Jahr davor waren es noch 29 Milliarden. Darauf kommt es an. Wir müssen keine Werbekunden zufriedenstellen, weil wir keine haben."

Auch gab Hastings im Interview preis, dass Netflix nach rund eineinhalb Jahren mehr als zwei Millionen Mitglieder in Deutschland und Frankreich zähle. Doch groß will sich der Manager, der zum Jahresstart mit 130 neuen Länderdependancen Netflix fast weltweit ausgebreitet hat, nicht fühlen. Der "SZ" sagte Hastings:

"Netflix-Videos machen ungefähr ein Prozent aller Videos aus, die weltweit gesehen werden. Wir sind so klein und haben deshalb auch keine Angst, dass uns jemand angreift. Das klassische, lineare Fernsehen, etwa RTL und Pro Sieben und ZDF in Deutschland, ist so viel größer als wir. Youtube wächst, Amazon wächst, und bald kommt mit Virtual Reality eine weitere Option dazu."

Zu Wochenstart wurde bekannt, dass der Online-Videodienst noch in diesem Jahr eine erste eigene TV-Serie aus Deutschland ins Programm nehmen will. Netflix setzt im Wettbewerb der Video-Dienste verstärkt auf exklusive eigene Inhalte, statt wie anfangs Rechte für fremde Sendungen zu kaufen.

Aber lesen Sie selbst, mit welchen Produzenten Reed Hastings über neue eigene Inhalte spricht oder welche technischen Tricks der User Netflix abwenden muss, um die Studios als Lizenzgeber glücklich zu machen.

Update: Unmittelbar nach diesen Aussagen hat Netflix zumindest Quartalszahlen vorgelegt, die belegen, dass sich die internationale Expansion auszahlt: Der Dienst gewann im vergangenen Quartal mehr neue Kunden denn je - rund 5,6 Millionen. Der Umsatz schnellte um 46 Prozent auf 566 Millionen Dollar hoch. Für das laufende Quartal rechnet der Streaming-Dienst mit 6,1 Millionen neuen Kunden. Das mag angesichts des Sprungs von 60 auf 190 Länder als zurückhaltende Prognose erscheinen - aber Netflix stellt sich auf ein langsames Wachstum in seinen neuen Märkten ein. Zugleich scheint der Heimatmarkt USA weitgehend abgegrast. Dort gab es noch 1,56 Millionen Neuzugänge. Allerdings hat der Dienst dort auch bereits knapp 45 Millionen Kunden - immer noch mehr als die Hälfte aller Nutzer.


Autor:

Petra Schwegler, Redakteurin
Petra Schwegler

Die @Schweglerin der W&V. Schreibt seit mehr als 20 Jahren in Print und Online über Medien - inzwischen auch jede Menge über Digitales. Lebt im Mangfalltal, arbeitet in München.