Kein glückliches Händchen hatte RTL im ESC-Vorfeld um 20.15 Uhr mit seiner Musikdoku "Song Contest - Das Phänomen", die lediglich 1,33 Millionen Zuschauer (4,9 Prozent) einschalteten. Auf das Vox-Drama "Deep Impact" entfielen 1,30 Millionen Zuschauer (4,5 Prozent), auf den ZDF Neo-Krimi "Lewis: Offene Wunden" 0,92 Millionen (3,3 Prozent), auf die ProSieben-Komödie "Zu scharf, um wahr zu sein" 0,83 Millionen (2,9 Prozent) und auf die RTL II-Serie "Prison Break" 0,55 Millionen (2,0 Prozent).

Gründe für die ESC-Schwäche

Schlechte Platzierungen und schlechte Quoten in Reihe - doch keiner kann die Ursachen dafür genau fassen. Auf die Frage nach den Gründen für die magere Punktausbeute wusste die 26-jährige Levina nach der Show in der Nacht zum Sonntag in Kiew keine Antwort. Es sei trotzdem eine "wundervolle Erfahrung" gewesen, sagte sie in der ARD. Der erfahrene ESC-Kommentator Peter Urban vom Norddeutschen Rundfunk (NDR) sagte: "Ich weiß auch nicht, woran es liegt."

Der ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber vom NDR sagte, das Ergebnis sei "für Levina und unser Team eine herbe Enttäuschung." Der Song "Perfect Life" habe beim Deutschen Vorentscheid zwei Drittel der Fernsehzuschauer überzeugt, in Europa habe das Lied die Herzen der Menschen jedoch nicht erreicht. "Das hatten wir nicht erwartet. Wir stellen uns dem Ergebnis und werden es analysieren." Aussteigen aber werde man aus dem ESC nicht.

Auf die Frage der Deutschen Presse-Agentur, ob es beim deutschen Vorentscheid für den ESC 2017, "Unser Lied für Lissabon", vielleicht zu einem neuen Modus kommen werde, sagte Schreiber: "Darauf kann man jetzt keine seriöse Antwort geben." Er plädiert für Reformen. Die nationalen Teilnehmer einfach festzulegen, statt über sie abstimmen zu lassen, ist aus seiner Sicht keine Option. Auch beim Auswahlverfahren erneut mit einer Casting-Show wie "The Voice of Germany" zusammenzuarbeiten, hält Schreiber nicht für erfolgversprechend. Gute Erfahrungen hat die ARD damit ohnehin nicht: "The Voice of Germany"-Gewinner Andreas Kümmert machte 2015 einen Rückzieher, Jamie-Lee hatte ein Jahr später beim ESC keinen Erfolg.

Dabei war erst in diesem Jahr nach Rückschlägen und Debatten der ARD-Vorentscheid überarbeitet worden; man hatte sich Stefan Raab als Erfolgsgaranten geholt (er hatte mit seiner Castingshow einst Lena entdeckt), hatte die 2010er-Siegerin, den jungen Erfolgssänger Tim Bendzko und den populären Florian Silbereisen die Kandidatenauftritte kommentieren und einordnen lassen. Alles umsonst, wieder am Geschmack des Europapublikums und der Fernsehgucker vorbei, so scheint es. Auch wenn die unseren Song für Kiew ausgesucht haben.

Social Web: Kein guter Indikator

Die Auswertung von Erwähnungen und Likes im Web, die zum Beispiel Adobe vorgenommen hatte, führten auf ESC-Teilnehmer auf die falsche Fährte. Siegerland Portugal kam hier in den Top Ten gar nicht vor, dafür wurden die Beiträge aus Belgien, Italien, Frankreich, ebenso England und Deutschland, weitaus höher gehandelt als die Platzierung, die am Ende heraussprang. Wie Musikfans, die wirklich abstimmen, sind eben nicht zwingend die, die vorher im Internet tönen.

Oder Herunterladen: In einer Auswertung der Musik-Downloads und -Streamings von GfK Entertainment führte klar Francesco Gabbani aus Italien - er wurde dann immerhin Sechster -, beliebt bei den Onlinern waren außerdem die Songs aus Belgien, Frankreich und Schweden - die Plätze vier, zwölf und fünf am vorigen Samstag. (W&V/mit dpa)


Autor:

Susanne Herrmann
Susanne Herrmann

schreibt als freie Autorin für W&V. Die Lieblingsthemen von @DieRedakteurin reichen von abenteuerlustigen Gründern über Medien und Super Bowl bis Streaming. Marketinggeschichten und außergewöhnliche Werbekampagnen dürfen aber nicht zu kurz kommen.