Gottschalk, Schmidt, Pocher: Wenn TV-Entertainer nicht mehr ziehen

Thomas Gottschalk labert im ARD-Vorabend, Harald Schmidt haut in der Sat.1-Nacht keinen mehr um, Oliver Pocher will keiner mehr lästern hören. W&V Online hat sich mit der Flaute bei der TV-Prominenz auseinandergesetzt - und mit neuen Talenten.

Text: Petra Schwegler

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ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber hat 2009 bei den Medientagen München nur vier große Moderatoren für Deutschland ausgemacht, die unabhängig vom Sender gut beim Publikum ankommen: Jörg Pilawa, Stefan Raab, Hape Kerkeling und Günther Jauch. Und damit dürfte er halbwegs richtig liegen (wollen sich doch die Öffentlich-Rechtlichen immer gern aus diesem Quartett bedienen).

Die Einkäufe der Sender der vergangenen Jahre und der jüngsten Zeit belegen dies einmal mehr: Ein Thomas Gottschalk allein reicht nicht, um die "Todeszone" der ARD auf Vordermann zu bringen. Harald Schmidt kann zwar von der ARD in sein bewährtes Sat.1-Klima zurückziehen – seine Witze wollen dennoch nicht mehr allzu viele hören. Oliver Pocher ist trotz seiner jungen Jahre schon jetzt beim Publikum abgemeldet. Und: Welcher Sender will nach Sat.1 noch Johannes B. Kerner? Schon als Sat.1 damals Kerner vom ZDF weggelotst hat, mehrte sich Kritik an der "Köpfe"-Politik des Privatsenders. Argument: ein Kopf macht noch keine Sendung und erst recht keine Quote. Gleiches gilt für den Versuch von Sat.1, Oliver Pocher im Programm zu verankern – er scheiterte mit seiner Late-Night-Show zu Recht, denn hingerotzte Comedy mit Pointen unter der Gürtellinie machen noch kein eigenes Format. Pocher mit Konzept - das geht schon eher. Zuletzt bewiesen am Wochenende, als er zusammen mit Günther Jauch und der RTL-Show "Fünf gegen Jauch" 5,41 Millionen Gesamtzuschauer vor dem Bildschirm versammelt hat. Na also - es geht doch.

Im Fall von Gottschalk urteilen jetzt die Mediaplaner sehr hart – die sich neuerdings mit dem Werbeumfeld des Entertainers auseinandersetzen müssen, seit er Ende Januar im beworbenen Vorabend auf Sendung gegangen ist. Jäschke Operational Media urteilt im letzten hauseigenen "JOM-Report": "Die profitable Marke Gottschalk setzt sich zusammen aus Thomas und ‚Wetten, dass…?‘ und der Ausstieg aus der Sendung brachte die Subtraktion der für ihn wichtigsten Faktoren mit sich. Weg von der großen Bühne zum einen, zum anderen der Verzicht auf die glamourösen Stars, spektakulären Wetten und vor allem das Samstagabend-20:15 Uhr-Publikum. Das Resultat: Kein Entertainment par Excellence mehr. Die Sendung war über Jahrzehnte Vermarktungsplattform, Kontext und Gütesiegel für den Vollblutentertainer, der seine Schlagfertigkeit aus dem direkten Publikumskontakt zieht und für dessen Kunstform des harmlosen aber unterhaltsamen Palavers die intime Atmosphäre des ‚Gottschalk Live‘-Studios den Tod bedeutet."

Gottschalks Rücktritt aus dem Primetime-ZDF-Format und der Wechsel zum ARD-Vorabendprogramm bezeichnet die Mediaagentur als "Markentotaloperation" und "Extraktion der für ihn wichtigsten Erfolgsmechanismen im Austausch gegen völlig neue Faktoren". Alles, was die Marke zuvor versprochen habe, falle weg. JOM resümiert: "Und da soll der Zuschauer nicht verwirrt sein?" Zumindest das Studiopublikum soll Gottschalk zurückbekommen – munkelt die Fachpresse. Eine "Gottschalk-Live"-Sprecherin betont, dass die Redaktion derzeit an einer Weiterentwicklung und Neujustierung des Konzepts arbeite. "Die Ergebnisse der neuen Ideen können die Zuschauer schon in naher Zukunft sehen", heißt es aus Berlin. Es gibt vielleicht noch Hoffnung für den 61-Jährigen, den die Werbepausen verwirren und dem ein Ziel fehlt, auf das er hinmoderieren kann. Denn wenn nicht nur der Kopf, sondern auch das Konzept zählt, dann können Altgediente in neuen Würden wirken. Beispiel: Kai Pflaume. Er hat bei Sat.1 nie an vorderster Front gekämpft, macht aber im ARD-Vorabend eine ordentliche Figur - und punktet mit seinem Schwiegermutter-Charme mit großen Shows im Ersten.

Die Sender reagieren. Die Augen der TV-Verantwortlichen sind in jüngster Zeit nach vorne gerichtet – auf der Suche nach vielversprechendem und unverbrauchtem Nachwuchs, der noch auf- und ausgebaut werden kann. Selbst für die schwere Erbfolge beim ZDF-Unterhaltungsdampfer "Wetten, dass...?" ist Jungvolk wie Joachim "Joko" Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf in Betracht gezogen worden. Die ARD wertet ihr bewährtes "Sportschau"-Team mit dem Privat-TV-Geschöpf Matthias Opdenhövel auf. Vox besetzt "X Factor" mit dem bis dato eher unbekannten Jochen Schropp. Der RTL-Klassiker "Stern TV" hat sich mit Steffen Hallaschka aus der zweiten TV-Reihe bedient und fährt mit ihm als Nachfolger von Günther Jauch bemerkenswert gut. Da fehlt dann nicht einmal mehr ein Jauch, der jetzt lieber den Sonntagstermin bei der ARD trotz Talk-Schwemme auf gutem Niveau hält.


Autor:

Petra Schwegler, Redakteurin
Petra Schwegler

Die @Schweglerin der W&V. Schreibt seit mehr als 20 Jahren in Print und Online über Medien - inzwischen auch jede Menge über Digitales. Lebt im Mangfalltal, arbeitet in München.



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