Mittelständische Verlage :
Mindener Tageblatt: Das Geschäft mit Oldies und Azubis

Mini-Auflage, aber quicklebendig: Mit diesen Geschäftsideen macht das Mindener Tageblatt bundesweit Furore.

Text: Judith Pfannenmüller

Serie: Mit welchen Ideen mittelständische Verlage den digitalen Umbruch stemmen
Serie: Mit welchen Ideen mittelständische Verlage den digitalen Umbruch stemmen

Wer einen oberflächlichen Blick auf das Mindener Tageblatt wirft, könnte meinen, hier spiele sich das ganz normale Desaster eines Traditionsverlags ab, der mit seinen Lesern altert und es verpasst hat, rechtzeitig die Kurve ins digitale Zeitalter zu kriegen: Die Mini-Auflage von 30.000 Zeitungen täglich schmilzt jedes Jahr weiter ab, zuletzt um 3,5 Prozent. 

Doch in dem ostwestfälischen Familienverlag J.C.C. Bruns, der laut Wahrheitsseite der taz in einer Gegend sitzt, wo angeblich „der Korn zum Bier gehört wie andernorts das Butterbrot zum Frühstück“, entstehen Geschäftsideen, die so gut sind, dass disruptionsgebeutelten Verlage in ganz Deutschland  sie gerne übernehmen wollen, selbst große Verlagskonzerne wie Madsack.

2002 ging den Verlegern auf, dass das alte, bis heute renditestarke Geschäftsmodell Print den Verlag nicht in die Zukunft tragen würde: "Es war klar, dass etwas passieren muss und wir neue Geschäftsfelder erschließen müssen", sagt Verlagsleiter Carsten Lohmann. 2017 ist aus dem Verlag ein Fullservice-Dienstleister für die Region geworden  - mit profitabler Druckerei, eigenem Reisebüro, dem Corporate Publishing-Arm Bruns Medien Service und eigener Werbeagentur (Com.On). 60 Millionen Euro setzt der Lokalverlag um, alle Geschäftsbereiche bis auf einen sind hochprofitabel.

30 Verlage als Lizenzpartner

Mit zwei Vorzeigeprojekten macht der Verlag sogar bundesweit Geschäft. Eines davon ist das Ausbildungsportal Azubify. Es hilft Jugendlichen spielerisch bei der Berufswahl und vernetzt sie direkt mit passenden Stellen von Unternehmen in der Region, die den Ausbildungsplatz anbieten. Azubify ist so gut konzipiert, dass der Großverlag Madsack vor wenigen Monaten als Seniorpartner bei Azubify einstieg, um das Ausbildungsportal per Franchise-System an andere Verlage zu verkaufen. Weil es im ganzen Land kein besseres Konzept gibt, greifen die Verlage zu: 18 Verlage in Nord- und Ostdeutschland haben Azubify lizensiert, Madsack will das Ausbildungsprojekt bis zum Herbst 2017 an allen 16 Verlagsstandorten ausrollen. Verlagsleiter Lohmann rechnet damit, dass bis zum Jahresende 30 Verlage als Lizenzpartner an Bord sind.

Auch das Geschäft mit den Reisen brummt: Die Mindener Verleger sind mit ihrer Reisetochter Media-Reisen zum größten europäischen Veranstalter für begleitete Motorradreisen in den USA geworden. 35 bis 40 solcher Motorradtouren führt der Verlag pro Jahr durch. Seit September 2016 entwickelt Jörg Laskwoski das Reiseprogramm weiter. Der passionierte Motorradfahrer war 18 Jahre lang Geschäftsführer beim Verlegerverband BDZV in Berlin gewesen. Das Reise-Programm der Mindener ist so gut auf die nicht mehr ganz jungen, aber unternehmungslustigen Zielgruppen der Verlage zugeschnitten, dass 30 Verlage zwischen Saarbrücken, Mainz, Regensburg und Gießen, darunter auch der Süddeutsche Verlag, die in Minden entwickelten Touren ihren Lesern anbieten.

Die Verleger aus Ostwestfalen sind auf einem guten Weg in die Zukunft, und das liegt an der besonderen Philosophier der Familienunternehmer. Das Porträt ist Teil der Serie "Verlage im Mittelstand", mit der W&V ausgewählte Verlage und deren Zukunftskonzepte vorstellt.


Autor:

Judith Pfannenmüller
Judith Pfannenmüller

ist Korrespondentin für W&V in Berlin. Sie schaut gern hinter die Kulissen und stellt Zusammenhänge her. Sie liebt den ständigen Wandel, den rauhen Sound und die thematische Vielfalt in der Hauptstadt.