Neues "SZ"-Layout in der Kritik: Norbert Küpper, Büro für Zeitungsdesign

Seit Montag erscheint die "Süddeutsche Zeitung" in neuem Layout. Wie denken renommierte Zeitungsdesigner darüber? W&V Online hat darüber mit Norbert Küpper gesprochen. Der Gründer des European Newspaper Award leitet das Büro für Zeitungsdesign in Meerbusch.

Seit Montag erscheint die "Süddeutsche Zeitung" in neuem Layout. Wie denken renommierte Zeitungsdesigner darüber? W&V Online hat darüber mit Norbert Küpper gesprochen. Der Gründer des European Newspaper Award leitet das Büro für Zeitungsdesign in Meerbusch.

Herr Küpper, was halten Sie vom neuen Aufbau der "Süddeutschen Zeitung"?

Die Neugestaltung ist sehr zurückhaltend ausgefallen. Die Vorgehensweise ist richtig, weil ich die Abonnenten der "SZ" für sehr konservativ halte. Man nimmt viel Rücksicht auf die Abonnenten, um sie nicht zu verprellen. Der Aufbau der Zeitung, also die Abfolge der Seiten und die Platzierung besonderer Themen, ist unverändert. Die Redaktion ist wohl von der völligen Richtigkeit des Aufbaus überzeugt und weiß vermutlich, dass Änderungen Beschwerden der treuen Leser nach sich ziehen. Allein das Wort "Relaunch" lässt wahrscheinlich bei eingefleischten "SZ"-Lesern den Blutdruck steigen.

Besonders gut gelungen ist die Grundschrift. Sie ähnelt der bisher benutzten Bleisatz-Schrift Excelsior, die jedoch deutlich modernisiert wurde. Man hätte sich den Schriftwechsel zu einer Überschrift mit Serifen im Feuilleton und im Beilagen-Bereich sparen können, zumal diese beiden Ressorts nichts miteinander zu tun haben. Die serifenlose Überschrift ist ein wenig zu fett. Damit muss man als Leser jetzt vermutlich 20 Jahre leben, weil man bei der "SZ" wahrscheinlich nicht stufenweise Verbesserungen einführt, was sinnvoll gewesen wäre. Vor allem auch inhaltliche Verbesserungen wie neue Rubriken kann man einfach einführen, ohne den Lesern groß was zu sagen.

Ist das Design das entscheidende Kriterium für den Verkauf einer Zeitung oder nicht doch eher der Inhalt? Wie schätzen Sie diese Gewichtung ein?

Der erste Blick richtet sich nun mal auf das Äußere. Zeitungen müssen regelmäßig überarbeitet werden, damit sie nicht irgendwann völlig veraltet aussehen. Es kommt dann zu einem Image-Problem. "Die gute alte Tante Zeitung." Das ist kein guter Satz, denn die Inhalte sind ja immer neu. Daher muss die Zeitung nicht hypermodern, aber zumindest zeitgemäß aussehen. Natürlich kauft man die Zeitung nicht nur wegen des Designs. Man will sie konsumieren, also die Inhalte aufnehmen, sich informieren oder unterhalten. Selbst einen tollen Wagen kauft man nicht nur wegen des Designs, sondern letztendlich, um damit zu fahren. Gestaltung würde ich mit 30 Prozent ansetzen, Inhalt mit 70 Prozent. Allerdings sind Design und Inhalt extrem miteinander verzahnt. Das große Bild muss natürlich journalistisch gerechtfertigt sein, und eine Infografik soll in erster Linie Information übermitteln und nicht nur Dekor sein.

Bei den großen deutschen Wochenzeitungen "Die Zeit", "FAS" und "Welt am Sonntag" sieht man, was man mit Design erreichen kann. Absoluten Lesegenuss und Inhalte auf hohem Niveau. Die "Süddeutsche" will eben eher mit ihren Texten punkten und ansonsten lieber die graue Maus bleiben. Das kann ja auch ein Konzept sein.

Wirkt sich der Relaunch einer Zeitung zwangsläufig positiv auf die Verkaufszahlen aus? Können Sie uns konkrete Beispiele nennen, in welchen Fällen die Umgestaltung bemerkenswerte Ausmaße gezeigt hat - positiv als auch negativ?

Der Relaunch einer Zeitung wirkt sich nicht besonders positiv auf die Verkaufszahlen aus. Die Neugestaltung kann ausgesprochen schief laufen, wenn man zuviel macht. Es gibt da Beispiele aus den neunziger Jahren, bei denen deutsche Regional-Zeitungen einen völligen Relaunch ohne externen Berater gemacht haben. Man besuchte Seminare und hat dann eine neue Grundschrift, große Farbbilder und viele Infografiken eingeführt. Der Kontrast von Alt zu Neu war sehr groß, und die Leser standen Kopf.

Die deutschen Zeitungen verlieren seit 1993 ununterbrochen leicht an Auflage. Besonders geringe Auflagen-Rückgänge gibt es in Bayern und Baden-Württemberg. In den neuen Bundesländern und beispielsweise im Ruhrgebiet sinken die Auflagen stärker. In beiden Gegenden gibt es rückläufige Bevölkerungszahlen und wirtschaftliche Probleme. Daraus schließe ich, dass die Auflage sehr viel mit der gesamten wirtschaftlichen Situation einer Region zu tun hat.

Chefredakteur Kister sieht die Neugestaltungsversuche anderer Blätter in der Vergangenheit als weniger erfolgreich an und schrieb dazu am Montag in der SZ: "Der große Relaunch unter Assistenz eines österreichischen oder spanischen Design-Schamanen erfreut oft die Leser mäßig und hebt die Abozahlen wenig." Denken Sie, bei der "Süddeutschen Zeitung" wird das anders sein?

Niemand erwartet heute, dass dank einer Neugestaltung die Abozahlen steigen werden. Mit einer Neugestaltung versucht man, die alten Leser nicht zu verprellen und die neuen, die man erst gewinnen will, nicht abzuschrecken. Mit einem Relaunch die Auflage zu steigern, gelingt selten und ist auch nicht das Ziel. Das Ziel ist, schon äußerlich zu zeigen, dass man eine wertige, aktuelle und moderne Zeitung macht. Der Leser sieht es, ohne eine Zeile gelesen zu haben.

Die heute vorgelegte Überarbeitung der "Süddeutschen Zeitung" hätte man auch schon vor 20 Jahren genau so machen können. Eine unverwechselbare Überschriftentype, eine gut lesbare Grundschrift, etwas mehr Weißraum und statt vieler kleiner wenige große Bilder - das erzähle ich seit 1985 bei Seminaren zum Thema Zeitungsdesign, wie jeder bestätigen kann, der schon mal eins besucht hat. Die meisten deutschen Zeitungen haben das, was die "Süddeutsche" heute vorlegt, schon vor vielen Jahren umgesetzt. Im Vergleich zur "FAZ" und der "Welt" bleibt die "Süddeutsche" gestalterisch schwach. Sie ist und bleibt eben die gute alte Tante. Schaun' wir mal, ob die Auflage steigt.

Auch auf W&V Online: Was Zeitungsdesigner Lukas Kircher vom neuen "SZ"-Layout hält, warum er sich von Kister als "Design-Schamane" angesprochen fühlt und wieso kürzer nicht unbedingt moderner ist.


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