Amazon und "You Are Wanted" :
Schweighöfers Serie floppt im Free-TV

Unsere Nachbarn in Österreich können seit 18. September "You Are Wanted" im ORF schauen. Sie wollen aber nicht.

Text: Susanne Herrmann

Matthias Schweighöfer in "You Are Wanted" verlor in Österreich gegen die Politiker Matthias Strolz und Sebastian Kurz.
Matthias Schweighöfer in "You Are Wanted" verlor in Österreich gegen die Politiker Matthias Strolz und Sebastian Kurz.

Erstmals stimmte Amazon zu, eine Originals-Serie ans Free-TV abzugeben: Der ORF bekam den Zuschlag, die deutsche Eigenproduktion "You Are Wanted" im linearen, frei empfangbaren Programm ORF 1 zu zeigen. Die Senderverantwortlichen jubelten ob des Erfolgs: "ORF eins macht durch diese einzigartige Vereinbarung mit Amazon zum ersten Mal eine Amazon-Original-Serie im deutschsprachigen Raum einem Free-TV-Publikum zugänglich."

Doch mit der Euphorie ist es bereits nach einer Woche vorbei. Wie der österreichische "Standard" berichtet, floppt"You Are Wanted". Schon zum Start am 18. September waren die Einschaltquoten der beiden Auftaktfolgen eher mau (125.000 bzw. 129.000 Zuschauer; Marktanteil 5 und 6 Prozent). Folge drei am 25. September ab 21. 30 Uhr wollten dann nur noch 112.000 Menschen sehen (4 Prozent) - Folge vier zwar 5 Prozent, aber nur noch 95.000 Menschen.

Dabei war Amazon Video mit der Produktion von und mit Matthias Schweighöfer sehr zufrieden. Massiv war Anfang des Jahres für die Pantaleon-Produktion geworben worden, drei Tage nach Streaming-Start am 17. März führte "You Are Wanted" die VoD-Charts bei Amazon an - nicht laut Amazon, sondern laut Auswertung der Marktforscher von Goldmedia. Die sechsteilige Serie weist bereits nach dem ersten Wochenende bei Amazon Prime Video unter allen kostenpflichtigen Video-on-Demand-Titeln die höchsten Abrufzahlen auf. 35 Prozent der Amazon-Nutzer hatten die deutsche Serie geschaut. Amazon gab direkt die zweite Staffel in Auftrag. "Noch größer, noch besser", wie Christoph Schneider, Geschäftsführer Amazon Video Deutschland, sagte.

Dass die Österreicher nun mäßig begeistert scheinen, mag zum einen daran liegen, dass einige das Format vielleicht schon gestreamt hatten. Andere aber waren abgelenkt: Im Konkurrenzprogramm liefen Sendungen zur Nationalratswahl. Andrea Bogad-Radatz, Film- und Serienchefin im ORF, sagte dem "Standard": "'You Are Wanted' ist eine hervorragend produzierte Serie, die wir für den Sendeplatz nach dem ORF-1-Quiz 'Nationalraten' angekauft haben, da ein innovatives Quiz und eine intelligente Hochglanz-Serie im Flow gut zueinanderpassen. Während das Quiz in allen Zielgruppen sehr gut funktioniert, nutzte das Publikum das anschließende Serienangebot leider nicht in dem Maß, wie wir uns das vorgestellt haben, denn das überaus große Interesse der Österreicherinnen und Österreicher an der aktuellen Berichterstattung zur Nationalratswahl setzte der Serie – trotz Free-TV-Premiere – bisher leider sehr zu." Im August nach Abschluss des Deals hatte sie die Strategie hinter dem Einkauf noch so erklärt: "Der Serienmontag im Herbst wird mit dieser herausragenden und ungewöhnlichen Thrillerserie eröffnet."

Der Serienmontag muss also erst mal warten. Politik stand auf dem Programm der Zuseher: Auf Puls 4 schauten 293.000 Österreicher das TV-Duell der Spitzenkandidaten Matthias Strolz (Neos) und Sebastian Kurz (ÖVP). Der "Report" in ORF 2 um 21.05 Uhr erreichte 427.000 Leute und einen Marktanteil von 15 Prozent. "Nationalraten" mit Heinz-Christian Strache (FPÖ) unmittelbar vor "You Are Wanted" um 20.15 Uhr schalteten 362.000 Zuschauer ein (12 Prozent).


Autor:

Susanne Herrmann
Susanne Herrmann

schreibt als freie Autorin für W&V. Und setzt sich als ehemalige Textchefin und Gelegenheitslektorin für Sprachpräzision ein. Ihre Lieblingsthemen reichen von abenteuerlustigen Gründern über Super Bowl bis Video on Demand – dazwischen bleibt Raum für Medien- und Marketinggeschichten.