Snapchat verlässt sich beim Vorhaben, den guten alten Fernseher zu verdrängen, jedoch nicht nur auf eigene Inhalte. Auch externe Partner stellen Bewegtbild-Content zur Verfügung, zum Beispiel im Discover-Bereich. Zu den Anbietern dort zählen Medien wie National Geographic, BuzzFeed, Cosmopolitan, VICE, MTV und CNN. Im August 2016 kündigte der App-Anbieter zudem eine Kooperation mit NBC an, um mit speziell für das Snapchat-Publikum produzierten Showinhalten des US-amerikanischen Hörfunk- und TV-Networks die User an die Smartphones zu locken. Dazu zählen einige der beliebtesten Formate des Senders, wie etwa die Casting-Show "The Voice" oder der Late-Night-Talk "The Tonight Show Starring Jimmy Fallon".

Das Angebot soll Nutzern zu einhundert Prozent exklusive Inhalte liefern. Für "The Voice" konnten User etwa ihre Gesangs-Clips einreichen, welche von der Show-Jury bewertet wurden. Der Gewinner dieses Wettbewerbs bekam die Chance, in der neuen Staffel aufzutreten. Damit gehört NBC zu den ersten TV-Anbietern, die ihre Inhalte auf Snapchat erweitern.

Deutsche Sender haben ebenfalls den Braten bereits gerochen. Sie veröffentlichen ihre Inhalte jedoch nicht im Discover-Bereich, sondern auf 'normalen' Snapchat-Kanälen. So hat der Bayerische Rundfunk über seine Jugendwelle Puls in der ersten Oktoberhälfte die Scripted-Reality-Soap "I am Serafina“ gestartet. Darin können Nutzer die 19 Jahre alte Protagonistin Serafina in zehnsekündigen Videoclips durch ihr Leben begleiten.

Bedeutung für Marken

Das Snapchat-TV verändert die Sehgewohnheiten der heranwachsenden Generation. Denn der Messenger bietet Videos nur in Hochformat an, User drehen ihre Smartphones also nicht mehr um 90 Grad für Querformate. Außerdem sind kurze Formate angesagt. Einzelne Videos laufen in Snapchats Discover-Bereich selten länger als ein paar Minuten, in herkömmlichen Profilen sind sie sogar auf zehn Sekunden beschränkt – kein User nimmt sich noch die Zeit, eine Show, Sendung oder einen Film über 60 Minuten oder länger zu verfolgen.

Stattdessen stellen sie sich ihre Unterhaltung aus vielen verschiedenen, kurzen Einzelteilen zusammen. "Snackable" Content ist das Stichwort. Das Ergebnis ist Personalisiertes Puzzle-TV auf dem Smartphone. Ein dritter neuer Aspekt ist die gesteigerte Interaktion. Wie das Beispiel von "The Voice" zeigt, rufen TV-Anbieter Snapchatter verstärkt dazu auf, sich zu beteiligen. User können eigene Inhalte erstellen und einsenden, die dann in die Sendungen eingebaut werden – die Interaktion geht demnach viel weiter als die Kommentarfunktion bei Youtube.   

Marken, die Snapchat nutzen wollen, müssen also in hochformatigen Kurz-Videos mit hohem Interaktionspotenzial denken. Und sie müssen Inhalte bieten, die Follower sonst nirgendwo bekommen – denn Exklusivität ist ein essenzieller Faktor bei Snapchat. Genauso wie die auf maximal 24 Stunden zeitlich begrenzte Verfügbarkeit der Inhalte. Wer etwas verpasst, hat Pech gehabt. Um das zu verhindern, checken Snapchatter die App regelmäßig nach neuen Inhalten. Diese hohe Engagement-Rate bietet Unternehmen viel Potenzial.

Nachrichtensendungen oder TV-Shows auf Smartphones zu schauen, war bis vor Kurzem fast undenkbar. Für die meisten Millennials ist dies völlig normal. Was mit Youtube begann, wird nun von Snapchat auf das nächste Level gehoben – das TV von morgen hat mit der Tagesschau von heute nicht mehr viel gemein. Marken und Medienmacher tun gut daran, diese Entwicklung genau zu beobachten.

  

Über den Autor:

Oliver Nermerich ist Kommunikationswissenschaftler und Leiter der Online- und Social-Media-Abteilung der PR-Agentur Oliver Schrott Kommunikation in Köln. Der 35-Jährige entwickelt Online- und Social-Media-Konzepte für Kunden aus dem Automotive Bereich sowie der Technologiebranche.



Autor: W&V Leserautor

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