"Slow-TV" :
TV-Trend: Wann glotzen Sie Zug-TV und Kaminfeuer-Serien?

Beim norwegischen NRK ist "Slow TV" ein Quotenknüller - 134 Stunden Schiffsfahrt, eine Zugfahrt, eine Nacht vor dem Kaminfeuer. Das US-TV steigt ein.

Text: Petra Schwegler

Das norwegische Fernsehen produziert immer mehr Exportschlager. Dabei ist das alles andere als Mainstream. Rune Nilson und Per Olav Alvestad etwa sorgen mit Blödsinn für Furore . Ihre Sendung "Ikke gjør dette hjemme" heißt zu Deutsch "Mach das bloß nicht zu Hause" und ist einer der Exportschlager des norwegischen Rundfunks NRK. In sechs Länder ist die Serie inzwischen verkauft worden, darunter auch nach Deutschland, wo Wigald Boning mit "Nicht nachmachen!" bei ZDF und ZDFneo experimentiert. Ebenso skurril und nicht zum Nachmachen empfohlen ist die Serie "Fylla", zu Deutsch "Suff", ebenfalls im öffentlich-rechtlichen NRK ausgestrahlt. Hier wollte Moderator Ole André Sivertsen wissen, was eigentlich mit dem Körper geschieht, wenn wir uns so richtig betrinken. Bilder von jungen Menschen, die nicht mehr aufrecht gehen konnten, unverständlich lallten und sich schließlich übergaben, flackerten über den Bildschirm.

Jetzt macht ein anderes Extrem in Norwegen Quote: das "Sakte-TV", das langsame Fernsehen, das "Slow TV". Ohne Action, Drama oder Handlung. Die Devise ist: Let it flow. "Geboren" wurde dieses Format 2009, als der öffentlich-rechtliche Sender NRK die Fahrt der "Bergensbanen" zeigte. Siebeneinhalb Stunden tuckerte der Zug durch die Landschaft, von Bergen nach Oslo. Die Idee war eigentlich aus Deutschland abgeguckt, gesteht Programmleiter Rune Møklebust. Nur dass die Norweger sich trauten, die Bahnfahrt nicht nachts, sondern zur besten Sendezeit am Freitagabend zu zeigen. 1,2 Millionen Norweger schauten sich das an. Das macht dort mehr als ein Fünftel der Bevölkerung.

Zwei Jahre später folgte die Schiffsfahrt entlang der Hurtigruten - und der Sendungsname "Minutt for Minutt" festigte sich. Minute für Minute, Tag und Nacht sendete der NRK Bilder der Schiffspassage entlang der Küste, von Bergen im Süden bis Kirkenes im Norden. Am Ende waren es 134 Stunden Nonstop-Übertragung. Die Norweger waren begeistert. Sie standen am Ufer und winkten, begleiteten das Kreuzfahrtschiff mit ihrem Segelboot und sangen Lieder, wenn es in ihren Hafen einfuhr. Vor allem diese Möglichkeit der Interaktion sei es, die das Format so erfolgreich macht, meint Programmleiter Møklebust. "Jeder Norweger träumt von den Hurtigruten, unsere Sendung gab ihnen das Gefühl, selbst auf dem Schiff zu sein."

Das kann NRK noch toppen: Vor einem Jahr sendete der Norwegische Rundfunk eine zwölf Stunden lange Sendung über Holz. Die ganze Nacht hindurch konnte man am Bildschirm ein Kaminfeuer herunterbrennen sehen - was hierzulande am ehesten an die Anfänge des Privatfernsehens mit dem Nacht-Platzhalter erinnert. Dazu gab es Interviews und Reportagen, ab Mitternacht dann nur noch hin und wieder ein Gedicht oder ein Lied. Ansonsten passierte nicht viel. Trotzdem schaute fast jeder fünfte Norweger die "Nationale Holznacht" für länger als eine Minute. In diesem Winter schließlich folgte die "Nationale Stricknacht", bei der es zwölf Stunden lang unter anderem darum ging, wie aus einem Schaf ein Norwegerpullover wird. Einschaltquote: 25 Prozent.

Für Rune Møklebust ist dieses Slow-TV kein Phänomen, das nur in Norwegen funktioniert. "Wenn man an den Inhalt glaubt, dann kann man dem Fernsehzuschauer einiges zumuten", meint der Journalist. Es käme auf das Thema an. Für die Norweger spielt die Natur eine große Rolle, deshalb kann man ihnen ein zwölfstündiges Programm über Holz zumuten. Andere Länder müssten einfach nur Ihr Thema finden und es richtig präsentieren, meint Møklebust.

Die amerikanische Produktionsfirma LMNO Productions hat nun das Knowhow für die Produktion der Hurtigruten - "Minute für Minute" - gekauft. Wie sie es umsetzen wird, ist noch nicht klar. Auf die Frage, warum das Slow-TV-Format für sie interessant sei, sagte Lori Rothschild Ansaldi von LMNO der "New York Post", es sei das Gegenteil der sonst in den USA üblichen Doku-Soaps. "Es lässt dich atmen."

Aber fahren Sie einfach selbst ein Stück weit mit ...

 dpa/ps


Autor:

Petra Schwegler, Redakteurin
Petra Schwegler

Die @Schweglerin der W&V. Schreibt seit mehr als 20 Jahren in Print und Online über Medien - inzwischen auch jede Menge über Digitales. Lebt im Mangfalltal, arbeitet in München.