Medienforscher Reimer sieht hier ebenfalls ein Problem: In sozialen Netzwerken verbreiteten sich eben auch Gerüchte genauso schnell wie Fakten. Das gelte auch für falsche Videobilder.

Medien könnten in Fällen wie dem Putschversuch in der Türkei realistischerweise nicht sofort am Ort des Geschehens sein. Fernsehsender, auch ARD und ZDF, hätten nicht die Ressourcen, innerhalb von Minuten auf solche Ereignisse zu reagieren. Anders als die sozialen Medien müssten die Redaktionen Informationen und Videomaterial erst sichten, verifizieren und einordnen, sagte Reimer. "Mehr zu bringen als nur die Bilder, braucht etwas Zeit."

Bei Handy-Videos etwa nach Terroranschlägen überprüfe eine Verifikationseinheit, ob das Material authentisch ist, sagte ARD-aktuell-Chef Gniffke der Zeitung. "Bleiben Zweifel an der Echtheit, machen wir das im Nachrichtentext deutlich oder verzichten auf das Material." Bei live gestreamten Videos gebe es aber nur die Entscheidung, senden oder nicht. "Streng genommen können wir gar nichts live übernehmen."

Und noch ein Aspekt fiel in der Berichterstattung über den Putschversuch auf: Einen öffentlich-rechtlichen 24-Stunden-Nachrichtenkanal mit lückenlosem Programm gibt es in Deutschland nicht. So twitterte der Ereigniskanal Phoenix am Abend des Putschversuchs:

Aber das hieß eben auch: Bis dahin ruhte dort die Berichterstattung - immerhin in einer Nacht, von der nicht zu erwarten war, dass nun nichts mehr passieren würde.

Und das gefiel nicht jedem. So forderte der frühere Leiter des ARD-Hauptstadtstudios Ulrich Deppendorf (unter Zuhilfenahme mehrerer Ausrufezeichen) ebenfalls auf Twitter:

Ein solcher Nachrichtenkanal mit Rund-um-die-Uhr-Berichterstattung könnte helfen, zu den sozialen Medien aufzuschließen. "ARD und ZDF haben aber nicht den Auftrag für ein 24-Stunden-Newsangebot", sagte Kommunikationswissenschaftler Reimer. "Das ist eine Frage, um die sich die Politik Gedanken machen muss."

Doch der Markt ist ja nicht auf öffentlich-rechtliche Sender und ihren klassischen Verbreitungsweg über den großen Bildschirm beschränkt. Manche kommerzielle Sender überraschten mit News in den letzten Tagen, andere waren twitternd "live" dabei.

W&V Online/dpa


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