Interview mit Verlegerchef Lehari :
Umgang mit Fake News: "Wir sind einem Härtetest unterworfen"

Zeitungsverlage stehen vielen Herausforderungen gegenüber. Die Frage, wie mit gezielten Falschnachrichten umzugehen ist, ist nur eine davon. Ein anderes wichtiges Thema bleibt die Diskussion ums Urheberrecht.

Text: W&V Redaktion

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Zeitungsverleger Valdo Lehari jr.: "Journalismus überlebt nur, wenn wir die Kraft haben, die Dinge selbst zu reinigen."
Zeitungsverleger Valdo Lehari jr.: "Journalismus überlebt nur, wenn wir die Kraft haben, die Dinge selbst zu reinigen."

In Zeiten des digitalen Wandels kommen Zeitungsverleger in Ludwigsburg zusammen, um über die Zukunft des Massenmediums zu sprechen. In einer Welt von Fake News und Verschwörungstheorien sei die Branche einem Härtetest unterworfen, sagte der Präsident des Verbandes Südwestdeutscher Zeitungsverleger (VSZV), Valdo Lehari jr., im Interview der Deutschen Presse-Agentur. Auf der Jahresversammlung des Verbandes gehe es am Freitag zudem um Forderungen an die Politik, sagte Lehari, der auch Vizepräsident des Europäischen Zeitungsverlegerverbandes (ENPA) und des Bundesverbandes der Zeitungsverleger (BDZV) ist.

Welche Antworten haben Sie auf absichtliche Falschmeldungen - die Fake News?

"Die Antwort war und ist und bleibt guter Journalismus: Weiter recherchieren und sich nicht gemein zu machen mit dem, über den man berichtet. Fake News hat es immer schon gegeben. Was jetzt hinzu kommt, sind Versuche, die Meinung gezielt zu beeinflussen, die letztlich das System mit digitalen Hilfsmitteln verändern wollen. Wir sind einem Härtetest unterworfen."

Trotzdem trauen viele den etablierten Medien nicht, setzen auf Facebook und andere soziale Netzwerke. Was halten Sie da entgegen?

"Journalismus heißt, nicht auszublenden, was die Leute beschäftigt. Das wäre ein Fehler. Wir müssen aus dem Brexit und von US-Präsident Donald Trump lernen, dass ein bestimmter Teil der Bevölkerung ein Problem hat, sich nicht wahrgenommen fühlt. Wir haben oft ein Wahrnehmungsproblem, weil wir erst dann die Werte begreifen, die wir haben, wenn sie weg oder in Gefahr sind. Wir müssen besser unsere Werteordnung vermitteln und Haltung zeigen. Nur dann überlebt Journalismus, wenn wir die Kraft haben, die Dinge selbst zu reinigen. Und die Anfrage von Facebook an Medien, bei der Überprüfung von Inhalten zu helfen, ist eigentlich das beste Versetzungszeugnis für die Presse. In dem Moment, in dem wir es jemanden anderen überlassen, würden wir ja auch selbst daran zweifeln."

Was können die Medien besser machen?

"Es geht darum, dass alle verstehen, dass Pressefreiheit mühevoll und auch nicht wertlos ist im Hinblick auf den Beitrag zur Demokratie. Wir müssen viel mehr erklären - auch die EU. Vor allem müssen die Zeitungen aber nah am Menschen sein. Egal, welchen Hintergrund ein Journalist hat, er muss in die verschiedenen Milieus eintauchen. Er muss stärker rausgehen - auch mental aus dem eigenen Umfeld, nicht nur körperlich. Ganz schwierig sind für mich etwa diese Talkrunden bei ARD und ZDF, wo immer dieselben Leute auftreten."

Auf EU- und Bundesebene beklagen Sie seit langem jede Menge Hindernisse für die Zeitungsverlage. Sind Erleichterungen in Sicht?

"Wir kämpfen noch immer darum, dass für über das Internet vertriebene Zeitungsinhalte derselbe reduzierte Mehrwertsteuersatz zu zahlen ist wie für das gedruckte Exemplar - und zwar sieben statt 19 Prozent. Der Gesetzgeber ist auf dem Weg, aber noch nicht am Ziel. Es ist unverändert eine Blockade in der digitalen Entwicklung der Verlagsunternehmen. Es wird wohl aber immer noch zwei Jahre dauern. Es gibt aber Hoffnungen, dass uns das hilft, Produkte leichter auf den Markt zu bringen. Wir verlieren nur wahnsinnig viel Zeit. Die Märkte und die Digitalisierung nehmen auf uns keine Rücksicht."

Welche Hoffnungen setzen Sie noch auf das Kartellverfahren der EU gegen den Internetkonzern Google und auf ein mögliches Leistungsschutzrecht für die Verlage?

"In dem Verfahren scheint momentan etwas Ruhe eingekehrt zu sein. Hinter den Kulissen betreibt Google eine intensive Lobbyarbeit. Dabei wird auch versucht, die Verlage zu spalten. Wir erwarten von der EU-Kommission, das Kartellverfahren stärker voranzutreiben. Die Verlage brauchen ein eigenes Urheberrecht an den Inhalten ihrer digitalen Ausgaben, um sich gegen die Marktmacht von Google wehren zu können. Für die kommerzielle Nutzung von Musik und Filmen gibt es diese Rechte schon, aber noch nicht für uns Verleger. Für die kommerzielle Nutzung von Zeitungsinhalten im Internet haben wir von dem Suchmaschinen-Monopolisten Google noch keinen einzigen Cent erhalten. Das darf kein Zukunftsmodell sein."

Interview: Ulf Mauder, dpa


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