European Newspaper Congress :
Verlage, Politik und Facebook

In Wien beschäftigen sich die Tageszeitungen eigentlich mit sich selbst. Der Elefant im Raum aber ist Mark Zuckerberg.

Text: Susanne Herrmann

Jährlich trifft sich Europas Verlagsbranche im Festsaal des Wiener Rathauses.
Jährlich trifft sich Europas Verlagsbranche im Festsaal des Wiener Rathauses.

Ganz direkt oder zwischen den Zeilen dreht sich alles ums Social Web - und das Synonym gewordene Facebook, mit dem Mark Zuckerberg seit Jahren den klassischen Medienmachern walnussgroße Schweißperlen auf die Stirn treibt.

Keine Verlegerzusammenkunft, ohne dass es mindestens um Digitalisierung, deren Gefahren und Vorzüge geht. So auch auf dem European Newspaper Congress, der gestern in Wien begonnen hat. Am Montagvormittag sprachen zunächst Österreichs Kanzler Christian Kern, G+J-Chefin Julia Jäkel und Gerrit Klein vom Ebner-Verlag zu den versammelten Medienprofis.

Die Themen: Im selben Boot? – Politik und Medien im Zeitalter von Fake News und Populismus (Kern), Meine Thesen für einen modernen Verlag (Jäkel), Die digitale Transformation eines Medienhauses (Klein).

Österreichs Bundeskanzler warnte vor einer Spriale des Populismus, die Medien und Politik gemeinsam bedienten. Kritischer Journalismus sei das Immunsystem der Demokratie, sagte Kern. Und der SPÖ-Politiker forderte von Facebook, Google und Youtube, ihre Algorithmen offenzulegen. Auch dass sie wie nationale Medienhäuser etwa in Österreich Steuern zahlen müssten, sähe Kern gern.

Julia Jäkel von Gruner+Jahr erzählte, dass G+J digital gut aufgestellt sei, berichtet der Standard. Dennoch gebe es "einen US-Player", der dem Traditionsverlag "die Butter vom Brot" nehme - dem aber die Bereitschaft fehle, Verantwortung zu übernehmen, sagte Jäkel mit Blick auf Fake News und Hasskommentare. Man brauche, sagte die Verlagschefin, sehr viel guten Willen, um zu glauben, dass Zuckerberg seine Verantwortung erkannt habe.

Gerrit Klein schließlich wies auf den Nutzen neuer für alte Medien hin. Zum Beispiel, indem er sagte, der Job ende nicht mit Veröffentlichung eines Inhalt, sondern beginne hier erst. Auch produziere Ebner keine Magazine, sondern Content, stellt Klein klar: "Magazine sind nur ein Channel".

Auch der Nachmittag dreht sich viel ums Digitale und die völlig neue Medienwelt. Etwa mit den Diskussionen zu "Fake News, Trump, Facebook und wir Journalisten", dem Vortrag zur "Macht der Daten" von Peter Wälty, die Videoabteilung im Newsroom bis hin zu "Content Marketing – Fluch oder Segen?".

Um eigene Vorzüge wird es aber auch gehen: Praktiker skizzieren ihre Erfolgsstrategien: Die "FAZ" präsentierte zum Beispiel ihr Hochglanz-Quarterly nach dem Grundsatz: "Feiere Dein Produkt und statte es üppig aus". "Umfeldsicherheit bringt Werbung", sagte Thomas Lindner, der für das Produkt auf die 250-Journalisten der FAZ-Redaktion zurückgreifen kann.

Getwittert vom European Newspaper Congress wird unter #ENC17.


Autor:

Susanne Herrmann
Susanne Herrmann

schreibt als freie Autorin für W&V. Und setzt sich als ehemalige Textchefin und Gelegenheitslektorin für Sprachpräzision ein. Ihre Lieblingsthemen reichen von abenteuerlustigen Gründern über Super Bowl bis Video on Demand – dazwischen bleibt Raum für Medien- und Marketinggeschichten.