Oft sei es so, dass sich in einem kollektiven Empörungssturm große gesellschaftliche Fragen zeigen würden. Als Beispiele nennt der Medienwissenschaftler die so genannte Aufschrei-Debatte rund um den alltäglichen Sexismus gegenüber Frauen oder die Proteste gegen Markus Lanz und damit verbunden die Frage: Wie viel Privatfernsehen vertragen die öffentlich-rechtlichen Medien? Pörksen rät: "Wir brauchen heute kulturell die Fähigkeit, diese Formen des ungefilterten Protests gleichmütiger zu interpretieren. Wir müssen lernen, den Shitstorm zu lesen, ihn zu dechiffrieren."

Er empfiehlt im Gespräch mit "dpa", bei einem Shitstorm die Beleidigungen gleichsam in Gedanken wegzustreichen und zu ergründen, welches gesellschaftliche Thema dahintersteht. Beispiel der Protest gegen ein Unternehmen im Social Web: "Hier zeigen sich oft brisante, manchmal einfach berechtigte, in jedem Fall ökonomisch hochrelevante Wertkonzepte von Konsumenten und Kunden. Man will kein Greenwashing, man möchte keine Heuchelei, man ist gegen ungerechte Arbeitsbedingungen", so Pörksen.

Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen promovierte 1999 mit einer Arbeit über die Medien und die Sprache neonazistischer Gruppen. Der 46-Jährige lehrte in Hamburg und Münster, bevor er 2008 nach Tübingen berufen wurde. Zu seinen bekanntesten Büchern zählen "Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter" und "Skandal! Die Macht öffentlicher Empörung".

ps/dpa


Autor:

Petra Schwegler, Redakteurin
Petra Schwegler

Die @Schweglerin der W&V. Schreibt seit mehr als 20 Jahren in Print und Online über Medien - inzwischen auch jede Menge über Digitales. Lebt im Mangfalltal, arbeitet in München.