Erdogan vs. ZDFneo :
Welke zur Böhmermann-Affäre: Fehler liegt bei der Kanzlerin

In der Causa Böhmermann, in der jetzt Erdogan selbst Strafantrag gegen den Satiriker gestellt hat, sieht ZDF-Kollege Oliver Welke die Schuld bei Angela Merkel.

Text: Petra Schwegler

In der Affäre um das Erdogan-Gedicht von Jan Böhmermann hat "heute-show"-Moderator Oliver Welke die Bundeskanzlerin scharf attackiert. Zu einem "Fall Böhmermann" sei die Sache erst geworden, als sich Angela Merkel (CDU) dazu habe zitieren lassen, sagte der ZDF-Mann Welke der "Bild"-Zeitung (Dienstag). "Ein großer Fehler, der ihr hoffentlich leid tut."

Bundeskanzlerin Merkel hatte über ihren Regierungssprecher Steffen Seibert Anfang vergangener Woche mitteilen lassen, dass sie Böhmermanns Schmähgedicht "bewusst verletzend" finde. Jan Böhmermann hatte beleidigende Formulierungen benutzt, um - wie er selbst erläuterte - die Unterschiede zwischen in Deutschland erlaubter Satire und verbotener Schmähkritik deutlich zu machen. Die Kanzlerin hat diese Haltung auch gegenüber Erdogan vertreten.

Im Fall Böhmermann ist nun ohnehin die Bundesregierung am Zug: Sagt sie Ja zur Strafverfolgung des Satirikers oder nicht? Inzwischen hat Staatschef Recep Tayyip Erdogan selbst Strafantrag wegen Beleidigung gegen den Satiriker gestellt, wie die zuständige Staatsanwaltschaft in Mainz am Montagabend mitteilte. Die Bundesregierung prüft nun den förmlichen Wunsch der Türkei nach Strafverfolgung des 35-Jährigen. Dies werde ein paar Tage, aber nicht Wochen dauern, sagte Regierungssprecher Seibert am Montag.

Das Team des "Neo Magazin Royale" scheint Abstand zu brauchen - die Truppe pausiert diese Woche. 

Zurück zu Welke. "In dem Fall hat sich ausschließlich die Kanzlerin schlecht verhalten", betonte der ZDF-Kollege von Böhmermann. "Man kann nicht zuerst nichts sagen zum Einbestellen des deutschen Botschafters in Ankara nach dem Fall 'Extra 3'. Und sich dann quasi als oberste deutsche Fernsehkritikerin zu Böhmermann äußern - das geht gar nicht!"

Erdogans scharfer Protest gegen einen Satire-Beitrag des NDR-Fernsehmagazins "Extra 3" war der Anlass für Böhmermanns Aktion. In Deutschland solidarisieren sich immer mehr mit dem ZDFneo-Mann und definieren seine Satire als "Kunst", die von der Kunstfreiheit geschützt sei. Eine Online-Petition sammelt zügig Unterstützer für #freeboehmi ein:

Indes erzürnt ZDF-Unternehmenssprecher Alexander Stock die Türken - weil er lächelnd und mit Händen in den Hosentaschen (!) gegenüber türkischen Reportern die Erfordernis einer Drehgenehmigung auf dem Sendergelände verdeutlichte ... Beim Sender A Haber wurde das kurze Gespräch gezeigt und offenbar als große Unhöflichkeit gegenüber dem türkischen Volk ausgelegt. 

Der Fall Jan Böhmermann hat nach Einschätzung des Hamburger Medienrechtlers Stefan Engels übrigens das Zeug, durch alle Instanzen bis vors Bundesverfassungsgericht zu gehen. Am Ende müsse das höchste deutsche Gericht womöglich Grenzen völlig neu definieren, sagte Engels der "dpa". "Ich habe einen Fall in dieser Zuspitzung noch nicht erlebt."

ZDF-Intendant Thomas Bellut hat am Dienstag eine Videobotschaft veröffentlicht mit dem Tenor, dass die betroffene "Schmähkritik" aus dem "Neo Magazin Royale" zwar nicht den Qualitätskriterien des Senders entspreche, die Meinungsfreiheit - auch jene von Böhmermann - allerdings nicht zur Diskussion stehe. Der Rechtsstaat werde seinen Weg gehen, so Bellut.

Inzwischen steht Böhmermann unter Polizeischutz. Und einen neuen Dreh findet einmal mehr das Satire-Team vom "Postillon":

 dpa/ps


Autor:

Petra Schwegler, Redakteurin
Petra Schwegler

Die @Schweglerin der W&V. Schreibt seit mehr als 20 Jahren in Print und Online über Medien - inzwischen auch jede Menge über Digitales. Lebt im Mangfalltal, arbeitet in München.