Bundesverband Digitale Wirtschaft :
Wie es mit dem BVDW weitergeht: Das Interview mit Matthias Wahl

20 Jahre hat der Branchenverband BVDW jetzt auf dem Buckel. Manche zweifeln an seiner Positionierung. Seit einigen Tagen gibt es mit Matthias Wahl einen neuen Präsidenten und mit Marco Zingler einen neue Vize. Wie geht es weiter? Ein erstes Interview.

Text: Mike Schnoor

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Der Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) hat am vergangenem Dienstag sein Präsidium nahezu vollständig neu besetzt. Diese Frischzellenkur ist auch bitter nötig, um den Digitalverband durch ungewisse Zeiten zu lenken. W&V-Autor Mike Schnoor sprach mit BVDW-Präsident Matthias Wahl (OMS) und Vizepräsident Marco Zingler (Denkwerk), welchen Kurs die Interessensvertretung der Digitalbranche in Zukunft einschlagen wird.

Herzlichen Glückwunsch zur Wahl in das BVDW-Präsidium. Was werden Ihre ersten konkreten Schritte sein?

Matthias Wahl: Wir werden uns sehr schnell Gedanken um die Positionierung des BVDW im Markt und Verbandsumfeld machen und daran die prioritären Projekte und Arbeitsschritte festmachen. Leitlinie wird die Frage sein, was die Mitglieder von ihrem Verband erwarten und was sie an Unterstützung seitens des Verbandes für ihre Unternehmen brauchen. Die großen, grundsätzlichen Themen stehen ja fest, gegebenenfalls wird es aber eine Verschiebung der strategischen Schwerpunkte geben.

Marco Zingler: Wir werden uns in den kommenden Tagen treffen und die Themenbetreuung innerhalb des Präsidiums festlegen. Dann werden wir uns zeitnah mit dem Team in der Geschäftsstelle austauschen. Auch das neue Präsidium besteht ja überwiegend aus langjährigen Sprechern verschiedener Gremien im BVDW, so dass wir ohne großen Vorlauf aktiv werden können. Das ist uns wichtig, denn wir wollen gerne ein reaktionsschneller Verband bleiben und sein.

Einige Brancheninsider sehnten sich hinter vorgehaltener Hand einen Führungswechsel herbei. Warum war dies in der Intensität durch die fast vollständige Neubesetzung des Präsidiums überhaupt notwendig geworden?

Matthias Wahl: Das Revirement war in diesem Umfang allein deswegen notwendig, weil zahlreiche langjährige Präsidiumsmitglieder nicht mehr für eine weitere Amtszeit zur Verfügung standen.

Marco Zingler: Sich ehrenamtlich im BVDW für die Branche zu engagieren, ist mit einem großen persönlichen Einsatz verbunden, den man immer erst einmal auch mit seinen hauptberuflichen Verpflichtungen vereinbaren können muss. Mit dem neuen Präsidium haben wir eine gute Mischung aus Vertretern, die sich in den vergangenen Jahren innerhalb und außerhalb des BVDW mit den Themen E-Commerce, Medienpolitik, Mobile, Start-ups, Agenturen und Vermarktern beschäftigt haben und damit die Breite des Verbandes abbilden. Bereits seit über einem Jahr ist überdies auch das Thema Internet of Things fest im Präsidium verankert. Der BVDW ist für die Breite der digitalen Transformation zuständig und wird – wie in den letzten 20 Jahren – auf neue Themen reagieren. Das bedeutet, dass wir auch in Zukunft innovative Themen aufgreifen und im BVDW abbilden werden.

Nun ist das neue BVDW-Präsidium sehr deutlich durch Vermarkter und Agenturen besetzt. Wie möchte der Verband neben seinen Kernthemen die gesamte Breite und Tiefe der Digitalen Wirtschaft künftig abbilden? Wird es dabei Abstriche geben?

Marco Zingler: Das neue Präsidium besteht aus Vertretern der Fokusgruppen Digital Commerce und Mobile, sowie der Fachkreise Full-Service-Digitalagenturen und OVK. Damit bilden wir einen guten Teil unser Mitgliedsunternehmen direkt ab. Aber wir wollen uns allen Mitgliedern und potenziellen neuen Mitgliedern widmen. Denn die Digitalisierung ist ein Querschnittsthema das alle Industrien betrifft. Das Internet of Things ist ein hervorragendes Beispiel dafür. Das werden zukünftige Wachstumsfelder des BVDW sein.

Matthias Wahl: Die digitale Wirtschaft ist im BVDW über das Präsidium hinaus vor allem in den Gremien abgebildet. Dies ist eine sehr flexible und erweiterungsfähige Organisationsform, die die Breite und Tiefe recht gut abdeckt. Wichtig wird sein, den gremienübergreifenden Austausch zu fördern und diesem ein entsprechendes Forum zu geben. Die strukturelle Basis dafür ist mit den Initiativen, Fachkreisen, Fokusgruppen und Ressorts angelegt – das gilt es jetzt noch stärker zu leben.

Derzeit vereint der BVDW insgesamt 580 Mitglieder mit den unterschiedlichsten Schwerpunkten. In den letzten zwei Jahren fanden einige Gremien kaum Gehör in den Medien. Welche direkten Reformen werden helfen, um den BVDW wieder als ersten Ansprechpartner zu allen Digitalthemen in den Medien zu positionieren?

Matthias Wahl: Erster Ansprechpartner wird und ist man vor allem mit relevanten und substanziellen Inhalten – und das in der gesamten Breite. Das haben wir in der Vergangenheit, denke ich, hinlänglich gezeigt und das müssen wir jetzt, in der Kombination angestammter und neuer Themenfelder konsequent weiterführen und ausbauen. Dazu müssen die Gremien und Mitglieder möglichst effektiv und effizient vernetzt sein, um optimal auf den Themen arbeiten zu können. Was dann meldenswert ist, wird natürlich auch wie gehabt kommuniziert werden.

Marco Zingler: Wir wollen die gesamte thematische Breite des BVDW in die Öffentlichkeit tragen und zusätzlich strategische Schwerpunkte setzen. Und vor allem wollen wir noch schneller aktuelle Themen besetzen und auf die Straße bringen. Dazu werden wir unsere Prozesse so optimieren, dass wir die Geschwindigkeit weiter steigern können.

Welche netzpolitischen Ziele setzen Sie für den BVDW und werden Sie dem bisherigen Kurs ihrer Vorgänger treu bleiben? Welche netzpolitische Position nehmen die Agenturen dabei eigentlich ein?

Matthias Wahl: Bezüglich der Netzpolitik werden die Ziele von den Gefahren unnötiger Regulierung diktiert. Hier gibt es im BVDW keine voneinander abweichenden Meinungen: Wir werden uns weiterhin geschlossen und mit Nachdruck für einen freien, selbstregulierten Markt einsetzen, der unseren Unternehmen keine Nachteile im globalen Wettbewerb aufzwingt. Das gilt nach wie vor für die Reform des europäischen Datenschutzrechts, denn hier haben die entscheidenden Verhandlungen gerade begonnen. Und es gilt auch für den Verbraucherschutz, bei dem wir mit dem geplanten "Marktwächter für die Digitale Welt" eine Entwicklung sehen, die deutlich über das Ziel hinausschießt. Wir wollen und werden uns wie bisher maßgeblich bei der Rahmengestaltung für eine erfolgreiche digitale Transformation der Wirtschaft einbringen – der BVDW hat mit seinen Mitgliedsunternehmen die dafür notwendige Kompetenz.

Marco Zingler: Auch aus Sicht der Agenturen ist das Thema Datenschutz – Datennutzung extrem wichtig. Denn die intelligente und vernetzte Nutzung von Daten ist die Grundlage für erfolgreiche Online-Angebote und -Services, -Kampagnen etc. Wenn dies durch eine zu strenge Regulierung beim Datenschutz verhindert wird, betrifft das unmittelbar das Geschäftsmodell der (Media-)Agenturen. Ähnliches gilt auch für Agenturen im Bereich Performance Marketing – wenn die pseudonymisierte Datenauswertung und -nutzung unterbunden wird, dann bedeutet das bei der Technik einen Rückschlag von zehn Jahren. Gleichzeitig würden geschlossene digitale Ökosysteme, die weitreichendere Möglichkeiten der Datengenerierung und -nutzung haben und deren Wertschöpfung und damit Arbeitsplätze außerhalb Deutschlands liegen, privilegiert. Das können wir unter keinen Umständen hinnehmen, und es ist auch nicht im Interesse unserer Kunden.

Warum sind aus Ihrer beider Sicht die kommenden zwei Jahre für die Digitale Wirtschaft entscheidend?

Marco Zingler: Wir befinden uns inmitten der digitalen Revolution. Das bedeutet, dass sich der Markt ständig in Bewegung befindet und kein Akteur sicher sein kann, dass sein Geschäftsmodell und seine Marktanteile davon unberührt bleiben werden. Wir wollen unseren Mitgliedern in den entscheidenden kommenden Jahren dabei helfen, die Chancen, die diese Veränderungen mit sich bringen, zu nutzen. Unser Verband wird wie in der Vergangenheit die neuen Themen- und Geschäftsfelder definieren und durch die Gremienarbeit strukturieren. Das ist ein zentraler Mehrwert des BVDW, denn wir sind für unsere Mitglieder ein sehr aktiver "Mitmachverband". Damit wollen wir die Lösungskompetenz unserer Mitgliedsfirmen für diese entscheidenden Themen in die Öffentlichkeit tragen und den Claim „Wir sind das Netz“ einlösen.

Matthias Wahl: Zwei Jahre sind für die digitale Wirtschaft eine lange Zeitspanne, in der sich mehr bewegen wird als früher in anderen Wirtschaftszweigen in zwei Dekaden. Im Rahmen der rasanten Digitalisierung der Wirtschaft wird sich auch das Mitgliederpotenzial für den BVDW sprunghaft erhöhen, da immer mehr klassische Unternehmen Begleitung auf diesem Weg benötigen. Wir müssen und werden weiter an den Grundlagen arbeiten, dieses Potenzial für den BVDW zu erschließen und allen Unternehmen mit einer digitalen Wertschöpfung eine Verbandsheimat bieten!

Was kann der BVDW für Gesellschaft, Wirtschaft und Politik leisten, wo andere Branchenverbände das Nachsehen haben?

Matthias Wahl: Mit dem vielfältigen und vielseitigen Know-how seiner Mitglieder ist der BVDW das native Kompetenzzentrum in Sachen Digitalisierung – das macht uns zur ersten Adresse für die Politik, Gesellschaft und andere Wirtschaftsbranchen, wenn es um rechtliche, soziale und ökonomische Fragen der digitalen Transformation geht. Und letztendlich beinhaltet die Tätigkeit unseres Verbandes immer auch eine gesamtgesellschaftliche Komponente. Denken Sie beispielsweise nur an die den Verbraucher in seiner medialen Selbstbestimmung und Nutzungsautonomie stärkende Selbstregulierung der digitalen Wirtschaft bei der nutzungsbasierten Online-Werbung oder Projekte, um die sich der BVDW im Bereich Beschäftigung mit seinen Initiativen zur Nachwuchsförderung und Aus- und Weiterbildung im digitalen Bereich kümmert. Hier wurden mit Stipendien, der inhaltlichen Gestaltung von Studiengängen etc. viele Aktivitäten gestartet, die dem BVDW eine über den rein wirtschaftlichen Bereich hinaus herausgehobene Position zuweisen. Grundsätzlich liegt die Stärke des BVDW in der Konzentration auf die digitale Wirtschaft, und dies seit nun 20 Jahren. Niemand hat sich in der Vergangenheit gegenüber der Politik national und in Europa so vehement für die Interessen seiner Mitglieder eingesetzt, wie der BVDW. Wir werden dieses Engagement auch in Zukunft deutlich machen und diese Themenfelder nicht anderen überlassen.

Ich danke Ihnen beiden für das aufschlussreiche Gespräch.


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