Event-Krise :
Wie ein Messestand zum interaktiven TV-Studio wird

Virtuellen Veranstaltungen fehlt die Interaktion. Ein Messebauer aus Leverkusen will das mit einem zum TV-Studio umgebauten Stand kompensieren. Nach Corona soll das Konzept Messeauftritte ergänzen.

Text: Maximilian Flaig

Messestand live on air in der Lagerhalle
Messestand live on air in der Lagerhalle

Als Anfang März die ersten Veranstalter ihre Messen absagten, haderte die Firma Ackermann nicht lange mit ihrem Schicksal. Stattdessen tüftelte der Standbauer aus Leverkusen bereits an einer Alternative zum physischen Messeauftritt.

Und die sollte besser sein als die virtuellen Messen der Konkurrenz, die Benedikt Wiemer an Computerspiele erinnerten: "Hier fehlte der interaktive und menschliche Live-Charakter einer Messeveranstaltung", sagt der Vertriebs- und Marketingleiter von Ackermann. All das, was einen Messebesuch ausmacht, blieb bislang auf der Strecke.  

Eine neue Lösung musste her. Ackermann glaubt, sie zusammen mit der Video- und Medienplattform Meet Live gefunden zu haben: Das "Meet Live Messestudio" muss man sich als interaktives TV-Studio vorstellen – inklusive Moderator vor Ort, Regie und Besuchern, die sich per Videocall dazu schalten und Fragen stellen. Der Moderator kann so individuell auf die Interessen der eingeladen Gäste eingehen.

Leverkusener Lagerhalle statt München

Wiemer schwärmt: "Wir bieten ausdrücklich kein 'virtuelles', sondern ein echtes Live-Erlebnis mit persönlichem Kontakt, Gesprächen, Vorträgen und weltweiter Teilnahmemöglichkeit über Videostream." Abseits des Hauptkanals sei auch ein individuelles Beratungsgespräch via Zoom möglich. Diese Flexibilität kommt an beim Kunden.

Der Messestand von Edwards Vacuum, einem Spezialisten für Vakuumtechnik, steht nun in einer Lagerhalle in Leverkusen statt auf der Münchner Analytica. Die Labortechnikmesse musste coronabedingt in den Herbst verschoben werden. So lange konnte Edwards Vacuum nicht warten und ließ sich auf das Projekt zusammen mit dem Messebauer ein.

Seit ein paar Tagen präsentiert das englische Unternehmen seine Produkte im Ackermannschen Studio dem Fachpublikum. Wie in einer klassischen Fernsehsendung kann die Regie nach Bedarf vorgefertigtes Material wie zum Beispiel technische Darstellungen oder Animationen einspielen. Bezahlen müssen Besucher für die moderierten Gesprächsrunden nichts.

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Aussteller sparen Standmiete

Auch für Ackermann rechnet sich das Studio. Die Firma mit ihren zehn Mitarbeitern spart sich neben den Transportausgaben für das Equipment auch die Reise- und Übernachtungskosten ihrer Monteure. "Die direkte Einsparung gegenüber den Standbaukosten bewegt sich je nach Messeort zwischen 15 – 35 Prozent", sagt Wiemer.

Die Aussteller profitieren ebenfalls. Laut Wiemer gleichen sich allein die wegfallenden Kosten für eine Standflächenmiete von 50 Quadratmetern mit den Ausgaben für Kamera-, Moderations- und Übertragungstechnik aus.

Klar, das Studio ist ein Produkt der Krise. Wiemer beziffert den bisherigen Umsatzverlust des Messebauers auf bis zu 900.000 Euro. Der Kernvorteil der Idee bleibe aber auch nach der Pandemie bestehen, glaubt er. So könnten Aussteller losgelöst von Messeterminen in angemessenem Rahmen Produktneuheiten vorstellen, Markenwissen aktualisieren, oder ein weltweites Austauschforum bieten.

"Das Medium ist nicht die Attraktion"

"Auch als fokussierte Kick-Off- oder Follow-Up-Veranstaltung zum eigentlichen Messebesuch ist der Einsatz des Meet Live Messestudios sehr gut denkbar." Sprich: Das Studio soll künftig den eigentlichen Messeauftritt der Kunden ergänzen.

Ein weiterer Vorteil liegt laut Wiemer in der Erschließung neuer Zielgruppen. Geografische Distanz oder enge Terminpläne spielen keine Rolle mehr. Die Teilnahmeschwelle ist geringer als bei einem physischen Messebesuch.

Die Resonanz auf das Studio sei bisher hervorragend, berichtet Wiemer. Doch letztlich müsse die Relevanz der präsentierten Produkte und die Qualität der Veranstaltung im Mittelpunkt stehen. Er sagt: "Nicht das Medium sollte die Attraktion sein - wie in der Vergangenheit bei vielen 'innovativen' Vorstößen so gewesen - sondern der Content."



Autor: Maximilian Flaig

ist seit 2018 W&V-Redakteur und verbringt in dieser Funktion die meiste Zeit des Tages im Agenturressort. Dort versorgt ihn die kreativste Branche der Welt zuverlässig mit guten Geschichten - oder mit Zahlen für diverse Rankings. Sport- und Online-Marketing interessieren den gebürtigen Kölner besonders. 


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