Gastbeitrag von Michael Meyer:
"Sixt, Apple, Hornbach: Ich kann es nicht mehr hören!"

Der größte Feind der Kreativität sind Sätze mit "... müsste man". Denn sie sind nichts als Ausreden. Und Ausreden will unser Gastautor Michael Meyer nicht mehr gelten lassen. Die furiose Wutrede eines Agenturchefs.

Text: W&V Leserautor

Der größte Feind der Kreativität sind Sätze mit "... müsste man". Denn sie sind nichts als Ausreden. Und Ausreden will unser Gastautor Michael Meyer* nicht mehr gelten lassen. W&V Online dokumentiert die furiose Wutrede eines Agenturchefs.

Ich bin seit 20 Jahren in der Werbung. Seit zehn Jahren höre ich in Meetings drei Namen: Sixt, Hornbach, Apple. Mit den folgenden Sätzen kann man im deutschen Marketing, egal wo, ganz prima überleben.

"Wir müssten so witzig werben wie Sixt." Klar.

"Man müsste sich mal so was trauen wie Hornbach."

"Wir müssten es so pur und clean machen wie Apple."

Ganz ehrlich? Ich kann das nicht mehr hören. Denn "müsste man" ist der größte Killer unserer Zunft. Es ist das Gegenteil von "wir machen". "Müsste man" heißt nämlich nur: "Ich würde ja gern, kann aber nicht." In jedem "müsste man" sind mindestens 300 Ausreden versteckt. Und Ausreden lasse ich nicht mehr gelten. Sie sind tot. Gestorben. Könnte im Übrigen eine gute Beerdigung werden. Ich zieh was Buntes an.

Frage: Lassen die Besten unserer Branche sich auch nur eine Sekunde Sätze mit "müsste man" gefallen? Nie! Kein Erich Sixt, kein Hornbach, und wie Steve Jobs Ausflüchte geliebt hat, war schon vor der Biografie von Walter Isaacson bekannt. Folgende Ausreden werden also ab heute feierlich zu Grabe getragen.

Von uns gegangen ist: "Der Kunde ist doof."

Sorry! Es gibt diesen Kunden nicht, der kaum etwas kapiert und unsere Genialität partout nicht erkennen will. Es gibt nur zwei Situationen: Agentur-Kunde-Konstellationen, die passen, und die, die nicht passen. Im Fall, dass es passt, kann man im Übrigen richtig was bewegen. Man vertraut einander und gewinnt die Schlachten auf dem Markt gemeinsam.

Die Gründung von Kempis und Tonios Agentur Antoni ist doch nichts anderes als die überbordende Sehnsucht nach diesem Urvertrauen, wie es zu Zeiten von Mercedes-Benz und Springer & Jacoby vorhanden war. Und hören wir auf, auf das Budget des Pitchgewinns zu schielen. Zuerst muss ich doch schauen, ob ich mich in die Braut wirklich verlieben kann. Sonst bleibt es beim Fummeln auf der Rücksitzbank.

Wir trauern um: "mangelnde Innovationsbereitschaft".

Tut mir leid, aber die gibt es nicht – schon gar nicht bei motivierten Mitarbeitern. Die Wahrheit lautet doch: Wir fördern und fordern viel zu wenig. Eben nicht mit der nötigen Konsequenz, die sehr anstrengend sein kann und auch mal richtig Geld kostet. Da ist ein Innovationstag mit Scampi-Grill schneller auf die Beine gestellt.

Wir verabschieden uns von: "mangelnder Risikobereitschaft".

Nie im Leben ist der englische, schwedische oder amerikanische Kunde im Umgang mit seiner Marke entspannter oder risikobereiter. Auch diese CEOs und Marketingleiter haben Vorgaben, Zwänge und Ziele. Erst recht in Zeiten begrenzter Budgets. Da stelle ich mir doch die Frage: Schaffen es die US-Kreativen und -Berater besser, Kunden davon zu überzeugen, dass kreative Werbung aus einem Dollar gern mal zwei machen kann? Oder können sie besser dem Kunden zuhören, zurückgehen, das eigene kreative Produkt maßfertigen, anstatt beleidigt zu sein, wenn nicht alle beim ersten Wurf vor Ehrfurcht auf dem Boden liegen.

Wir lachen am Grab von: "Die Budgets sind zu klein."

Wem mit dem vorhandenen Geld nichts einfällt, der ist möglicherweise auch nicht richtig gut. Ich rede hier nicht von unverschämten Budgets, sondern von Restriktionen, die es im Jahr 2015 nun mal gibt. Es bringt nichts, den 90er-Jahren nachzuhängen.

Wir winken ein letztes Mal der: "Award-Diskussion".

Es ist ganz einfach. Es gibt gute Agenturen, die machen jeden Tag richtig geiles Zeug und bezahlen damit Miete und Gehälter. Und dann gibt es nicht so dolle Agenturen, die leben in einer Matrix aus Brot-und-Butter-Werbung und ergattern Preise mit jährlich wiederkehrenden Geschäftsberichten. Nur einer dieser beiden Läden heißt dann im übrigen Kreativagentur.

Und nun? Nach der Trauerfeier? Jetzt gehen bitte alle nach Hause. Garagentor auf, Licht an, alles Gerümpel raus, durchfegen und Garagentor zu. Denken, dengeln, kämpfen, und erst, wenn was Gescheites zu zeigen ist, geht das Tor wieder auf – am besten überall in diesem Land.

Der Autor: Michael Meyer ist Gründer und Geschäftsführer der Münchner Agentur 19:13

Der vorliegender Text erschien zuerst in der Print-Rubrik "200 Zeilen Zorn" von W&V. Abo?



Autor: W&V Leserautor

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