Interview mit Albert Speer:
"Städte sind sehr langfristige Produkte"

Der Architekt als Brand Manager: Albert Speer beschäftigt sich seit über fünfzig Jahren mit internationalen Stadtentwicklungsprojekten und hat u. a. mehrere Masterpläne für chinesische Metropolen realisiert. W&V hat mit ihm über gutes Stadtmarketing gesprochen. 

Text: Christian Gehl

Albert Speer, geb. 1934, beschäftigt sich seit über fünfzig Jahren mit Stadtentwicklungsprojekten. Er hat mehrere Masterpläne für chinesische Städte realisiert, die Expo 2000 in Hannover architektonisch geplant und Katar zum Erfolg bei der Bewerbung für die Fußball-WM 2022 geführt. Speer, emeritierter Professor an der TU Kaiserslautern, ist der Sohn des NS-Baumeisters und -Rüstungsministers Albert Speer. 

Herr Professor Speer, können Städte Marken sein?

Städte sind sehr vielschichtige, auch sehr unterschiedliche "Produkte". Um als eine Art Marke wahrgenommen zu werden, benötigen sie wohl einen besonderen Charakter, erlebbare, starke Eigenschaften. In einzelnen Fällen scheint auch ein einzelnes, beeindruckendes Alleinstellungsmerkmal auszureichen wie im Fall von Bilbao das dortige Guggenheim Museum. Klassische "Stadtmarken" sind sicher Paris, New York oder Istanbul. Sie sind über lange Jahre gewachsen und verstärken sich selber als häufig genutzte Bühnen für Filme oder Romane.

Schätzen die Menschen der westlichen Welt heute andere Dinge als noch vor 20, 30 Jahren, wenn es um die Lebensqualität ihrer Städte geht?

Verändert hat sich jedenfalls das Umweltbewusstsein der Menschen. Kopenhagen oder in Deutschland auch Freiburg stehen für zukunftsorientierte, dem Ressourcenschutz verpflichtete Konzepte. Sie ziehen immer breitere Bevölkerungsgruppen an, im Urlaub und auch um dort zu leben. 

Welche Städtekampagnen überzeugen Sie derzeit am meisten?

Als Stadtplaner interessieren mich die Produkte, also die Stadtorganismen mehr als daraus abgeleitete Marketingkampagnen. Aus dieser Sicht sind gelungene Masterpläne und Gutachten, wenn sie gut publiziert werden, auch hilfreiche Marketingkampagnen, die beispielsweise in Form von gut moderierten Bürgerbeteiligungsverfahren das Produkt optimieren. Ein gutes Beispiel hierfür ist der 2007 entstandene Masterplan für die Innenstadt von Köln, der bis heute maßgeblich die Stadtentwicklungspolitik beeinflusst.

Verlassen sich weltberühmte Städte wie Rom, Florenz oder auch Paris nicht ein bisschen zu sehr auf ihre glorreiche Vergangenheit? Müssten sie nicht dringend ihre Marketing-Strategie ändern, um nicht zurückzufallen?  

"Ändern" würde ich bei so erfolgreichen Beispielen nicht vorschlagen, sicher aber "aktualisieren". Zu dem geliebten Lebensstil von Paris oder Rom passt jedenfalls auch ein modernes, auf den öffentlichen Verkehr setzendes Mobilitätskonzept viel besser, als Dauerstau und schlechte Luft. Problematisch ist eher eine nachlassende Lebensqualität, die man in einigen der "alten" Metropolen leider konstatieren muss. Versuchen Sie mal, in Paris eine passable Wohnung zu mieten...

Was sollten Städte zuvorderst tun, wenn sie sich als Marke etablieren wollen? 

Die Entwicklung einer Stadtmarke fängt nie bei Null an. Unsere Städte sind Jahrhunderte alt und haben unterschiedliche Fähigkeiten und Begabungen. Genau so gehen wir auch als Stadtplaner an diese Aufgaben: Jede Stadt ist ein Unikat und jedes Stadtentwicklungskonzept folglich auch. Die zentralen gesellschaftlichen Entwicklungen sind dabei natürlich oft allgemeingültig und führen zu ähnlichen Ansätzen. Städte sind - anders als viele Gebrauchsgegenstände - sehr langfristige Produkte. Mit entsprechend großem Weitblick müssen wir deren Weiterentwicklung – und anschließend das dazu passende Marketing – betreiben.

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