INterview mit dem ARD-Programmdirektor :
Volker Herres: "Lineares TV bleibt unverzichtbar"

Volker Herres ist Programmdirektor des Ersten Deutschen Fernsehens. Wie sieht er die Zukunft der TV-Branche in den Zeiten von Streaming und Digitalisierung? W&V-Autor Martin Bell hat mit ihm kurz vor dem Screenforce Day darüber gesprochen.

Text: W&V Redaktion

Volker Herres ist seit 2008 ARD-Programmdirektor.
Volker Herres ist seit 2008 ARD-Programmdirektor.

Volker Herres ist Programmdirektor des Ersten Deutschen Fernsehens. Wie sieht er die Zukunft der TV-Branche in den Zeiten von Streaming und Digitalisierung? W&V-Autor Martin Bell hat mit ihm kurz vor dem Screenforce Day darüber gesprochen.

Herr Herres, lassen Sie uns in Ihre Jugendzeit zurückgehen: Welche TV-Sendung musste man damals gesehen haben, um auf dem Schulhof mitreden zu können? Erinnern Sie sich, was Sie damals an dieser Sendung fasziniert hat?

Natürlich waren es die "Sportschau"  und die Sportgroßereignisse, die man gesehen haben musste. Das "Tor von Wembley" gehört zu meinen unvergesslichen, ersten medialen Kindheitserlebnissen. Meine Jugend-Generation war eine sehr politische. Wir haben uns hitzige Diskussionen über den Vietnam-Krieg und den Prager Frühling geliefert. Dazu musste man natürlich verschiedene Zeitungen gelesen und den "Weltspiegel" und die "Tagesschau" gesehen haben. Und weil wir als junge Menschen auch cool, früher sagte man "lässig" dazu, sein wollten, waren Serien wie "Die 2", "Immer wenn er Pillen nahm" und "Mit Schirm, Charme und Melone" ein absolutes Muss. Sie befeuerten uns mit Sprüchen und guter Laune.

Die Zeiten haben sich geändert. Eine vielfältige Medienlandschaft und zersplitterte Mediennutzung bestimmen heute das Bild. Heißt das für Fernsehmacher. Abschied nehmen von der Idee des TV-Lagerfeuers, um das sich jung und alt versammeln? 

Nein, das glaube ich nicht. Trotz des allgemeinen Trends zur Diversifizierung und Fragmentierung ist nämlich ebenso festzustellen, dass die Zuschauer gerade im Fernsehen große gemeinschaftsbildende Events suchen und nutzen. Das beste Beispiel dafür ist sicher der "Tatort", der in den letzten Jahren eine rasante Aufwärtsentwicklung genommen hat und auch als gemeinschaftliches Seh-Erlebnis beim ,"Public Viewing" geradezu Kultstatus erworben hat. Was ist die Kultgemeinde aber anderes als eine metaphorische Lagerfeuer-Gruppe? Und wer anders als ein nationales Vollprogramm wie Das Erste kann eine solche allsonntägliche Lagerfeuerrunde von fast zehn Millionen Zuschauern vor dem Bildschirm versammeln?

Wie stehen Sie zu der These: Es gibt heute nicht mehr DAS TV-Lagerfeuer, sondern viele kleine - für verschiedene Zielgruppen? Wenn das zutrifft: Was bedeutet das für das gesellschaftliche Miteinander?

Sicherlich gibt es einen Trend zur Diversifizierung im Markt. Die Zahlen zumindest untermauern diese These. Denn obwohl sich der durchschnittliche Fernsehkonsum seit den 80er Jahren um über anderthalb Stunden erhöht hat und weiter leicht ansteigend ist, ist der Marktanteil sämtlicher großer Anbieter – öffentlich-rechtlicher wie kommerzieller – von 78 Prozent im Jahr 1992 auf 65 Prozent im Jahr 2015 gesunken. Mit anderen Worten: Die Zuschauer machen fleißig Gebrauch von den im Augenblick etwa 78 frei empfangbaren Programmen und wärmen sich offenbar an vielen kleinen Feuerstellen.

Gefährdet das nun das gesellschaftliche Miteinander? Ich denke nicht. Denn nach wie vor gilt: Wenn irgendwo auf der Welt etwas Relevantes passiert, wenn es etwa um verlässliche Information geht, um Orientierung in einer zunehmend unübersichtlichen Welt oder einfach um große Sportevents, bei denen man seine Begeisterung gern mit vielen teilen will, dann wird aus den vielen kleinen Feuerstellen schnell wieder eine große. Mindestens ebenso stark wie der Drang zur Individualisierung ist in meinen Augen auf lange Sicht der nach gesellschaftlicher Integration und Konsens. Denn der Mensch ist nicht nur ein konsumierender ,"User"; er ist in erster Linie ein soziales Wesen. Er sucht nicht nur Abgrenzung, sondern auch den wärmenden Anschluss an die Gemeinschaft – besonders dann, wenn die Weltlage unübersichtlicher und das Miteinander deshalb wieder wichtiger wird als das "Jeder-für-sich". Warten wir also ab, ob nicht die großen Fernseh-Lagerfeuer in Zukunft erneut viel häufiger auflodern werden.

Der ARD-"Tatort" darf sich wohl mit Fug und Recht weiterhin als ein, wenn nicht das konstante Lagerfeuer am Sonntagabend bezeichnen. Welchen Stellenwert hat das für die Marke Das Erste?

Natürlich einen großen. Denn der "Tatort" ist ja nicht einfach nur eine spannende Krimireihe, die die Marke des Ersten trägt. Der "Tatort" bringt den Zuschauern in Kriminalfälle gekleidete, gesellschaftlich relevante Themen und Geschichten näher. Es geht aber auch um die Vermittlung unterschiedlicher, regional geprägter Lebenswelten, die sich in den Folgen von Kiel bis München spiegeln, um Gesellschaftsbilder, Mentalitäten, Ermittlertypen, die in ihren unterschiedlichen Facetten und Charakteren etwas von bundesdeutschen Befindlichkeiten transportieren. Aber auch um Erzählformen und filmische Handschriften, in denen diese Erlebniswelten eingefangen sind – vom sozialkritischen über den selbstironisch-komischen oder actionbetonten bis hin zum experimentellen Tatort. Da ist die Bandbreite heute viel größer, ohne dass die Identifizierbarkeit der Reihe verloren ginge.

Mit Blick auf den "Tatort" begegnet einem immer wieder die Aussage: "Ich schaue keinen 'Tatort' mehr - außer…" Der eine bevorzugt dann die Münster-Krimis, der andere Til Schweiger, ein dritter die Murot-Filme. Heißt das nicht: Der "Tatort" ist gar nicht ein TV-Lagerfeuer, er ist viele TV-Lagerfeuer?

Ich will es einmal so ausdrücken: Es ist ein Lagerfeuer mit vielen unterschiedlichen Brennwerten und verschiedenen Brandherden, aber dennoch eines, dessen Flammen als aus einem Glutkern hervorgehend von allen wahrgenommen werden.

Netflix, Amazon Prime & Co. verändern das Sehverhalten. Als schlagendes Argument für nicht-lineares Fernsehen führen viele an, dass Zuschauer nun endlich selbst bestimmen, wann sie was sehen. Ließe sich nicht die These aufstellen: Genau dieser Trend erhöht die Attraktivität des linearen Fernsehens: weil dem Zuschauer die Mühsal erspart bleibt, sich als sein eigener Programmmacher zu betätigen - und weil das lineare TV-Programm eben nicht ständig verfügbar ist, weil es jetzt und hier stattfindet?

Jedes Streben nach Selbstbestimmung braucht den Hintergrund des gesellschaftlich Konsensualen, vor dem es sich abheben kann, um sich zu profilieren. Nicht allein aus Vermeidung von Mühlsal, sprich Faulheit, schaltet der Zuschauer die Vollprogramme ein, sondern weil er nicht allein sein möchte mit seinen Gedanken und Gefühlen, weil er einen Abgleich sucht. Und da ist der letzte Teil Ihrer Frage das wohl entscheidende Argument für Ihre These der Unverzichtbarkeit des linearen Programms: Dass es nämlich im Hier und Jetzt, in der "Echtzeit" stattfindet; etwas philosophisch gesprochen: dass es Da-Sein im Sinne von Präsenz, Evidenz, Gegenwärtig-Sein bedeutet. Eine Gegenwart, die sich dadurch definiert, dass sie von vielen gleichzeitig geteilt, definiert und erfahren wird. Das überbordende Bewegtbildangebot mit seiner Zersplitterung in die Nischen des Special Interest zerstreut diesen Sinn von Dasein.

Das Interview führte Martin Bell.


Autor:

W&V Redaktion
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