Marketing Convention 2015 :
Andrew Keen: "Das digitale Business-Modell geht in die falsche Richtung"

Die Entwicklung des Internet geht in eine völlig falsche Richtung. Eine These, die Silicon Valley-Unternehmer Andrew Keen in seinem aktuellen Buch "Das digitale Debakel" propagiert. W&V-Korrespondentin Irmela Schwab hat mit ihm gesprochen.

Text: Irmela Schwab

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Andrew Keen beim DLD: Im Juni kommt der Digital-Rebell wieder nach Deutschland.
Andrew Keen beim DLD: Im Juni kommt der Digital-Rebell wieder nach Deutschland.

Wenn deutsche Unternehmen digital weiterwachsen wollen, gucken sie meist über den großen Teich in die USA. Falsch, ruft ihnen Silicon Valley-Unternehmer Andrew Keen entgegen. Anstatt alles von den Amerikanern zu übernehmen, müssten die Deutschen ihren Widerstand gegen die Datensammler von Google, Facebook & Co. noch viel stärker manifestieren, sagt Keen, der zugleich als größter Netzkritiker auftritt. Zum Thema "Digitaler Darwinismus: Macht das Internet unsere Gesellschaft kaputt?" spricht er auf der W&V Marketing Convention 2015. Im Interview mit W&V Online sagt er: "Ich bin enttäuscht, dass es keine deutschen Denker mehr gibt." 

Herr Keen, in Ihrem neuen Buch "Das digitale Debakel" stellen Sie das Internet an den Pranger. Sie sagen zum Beispiel, dass die Entwicklung des Internets in eine völlig falsche Richtung läuft. Wie das?

Das Versprechen, die Gesellschaft zu demokratisieren, Freiheit zu ermöglichen und Jobs zu kreieren, wurde nicht gehalten. Das Gegenteil ist der Fall: Immer weniger Unternehmen dominieren immer größere Bereiche der Industrie. In den USA ist es schon soweit gekommen, dass sich die Mittelschicht auflöst in wenige Reiche und immer mehr Arme als die Verlierer der Digitalisierung. Anstatt dass das Internet die Bevölkerung also insgesamt reicher und mächtiger macht, sorgt immer ungerechter verteiltes Kapital dafür, dass die meisten von uns verarmen und verstummen. Die digitale Transformation ist bisher keine Grundlage für Zufriedenheit und Wohlstand. 

Haben Sie ein Beispiel für das ungerecht verteilte Kapital?

Nehmen wir das Beispiel Kodak. In Spitzenzeiten hatte das Unternehmen 140.000 Mitarbeiter weltweit beschäftigt. Instagram, die digitale Antwort auf Kodak, beschäftigt dagegen weit weniger als 50 Mitarbeiter und wird aktuell mit 35 Milliarden Dollar bewertet. Das ist absurd. Noch dazu versuchen Internet-Firmen durch Tricks weniger Steuern zu bezahlen, um höhere Margen einzustreichen.

Liegt es nicht in der Natur einer Transformation, dass zunächst einmal alte Arbeitsplätze wegfallen, damit neue entstehen können? Sowie alte Gewohnheiten verlernt und neue erlernt werden? 

Das Problem dabei ist, dass es das Internet nun schon seit gut 50 Jahren gibt. Das Internet ist kein Kind mehr und wir befinden uns nicht mehr auf einem Spielplatz, sondern sind für all die Dinge, die im Zug der Veränderungen passieren, verantwortlich. Auch wenn Google sich gerne als Startup darstellt, ist es in Wirklichkeit ein globales Unternehmen. Sein Anliegen ist auch kein gemeinnütziges: Google nutzt seine Macht ganz allein zum eigenen Wohl. Die industrielle Revolution hat auch fünfzig bis hundert Jahre gebraucht, um die Konsequenzen der Kinderarbeit in vollem Ausmaß zu erkennen. Geschichte ist dazu da, um aus ihr zu lernen - das hießt: Besser ist, wir handeln schnell und stellen die Weichen neu, bevor wir mit 30 Prozent Arbeitslosigkeit zu kämpfen haben. Besser wir handeln jetzt, bevor Jugendliche auf die Straße gehen und ihr iPhone verbrennen.

Warum die Jugendlichen: Sind das nicht diejenigen, die als digital Natives Technologie selbstverständlich nutzen? Steht nicht nur vor allem die ältere Generation der Transformation skeptisch gegenüber?

Das ist ein gravierendes Missverständnis. Viele Jugendliche sind viel aufgeweckter und kritischer, als meine Generation zuweilen annimmt. Irgendwann werden sie erkennen, wie teuer sie für den mutmaßlichen Fortschritt bezahlen. Andersherum gibt es viele Ältere, die den technologischen Fortschritt beklatschen - so wie etwa Jeff Jarvis, der nicht gerade ein Youngster ist. Ich finde, es muss möglich sein, den Status Quo zu kritisieren ohne gleich als Reaktionär verteufelt zu werden. Gerade in den USA ist es so, als ob man eine Religion in Frage stellt, wenn man den angeblichen Fortschritt kritisiert.

In Europa wird die Entwicklung schon kritisiert - denken Sie an die Antitrust-Bewegung gegen Google.

Die Deutschen spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie stehen der Entwicklung das Internets noch am distanziertesten gegenüber, und sollten ihre Meinung dazu auch viel stärker kundtun. Im Gegenteil: Hierzulande wird viel zu viel einfach von den Amerikanern übernommen und kopiert. Deutsche Tradition ist es doch aber zu analysieren, kritisieren und Antworten zu liefern. Ich bin enttäuscht, dass es keine relevanten Bücher zum Thema und auch keine deutschen Denker mehr gibt. Dabei möchte ich betonen, dass ich das Internet an sich nicht für falsch halte. Viele Services, die daraus hervorgegangen sind, schätze ich sehr - wie die E-Mail, ohne die wir beide heute nicht über das Thema diskutieren würden. Es ist vor allem das Business-Modell des Internets, das in eine falsche Richtung geht. 

Was meinen Sie damit?

Nehmen wir zum Beispiel die Gratiskultur: Dass viele Services unentgeltlich angeboten wird, kommt uns am Ende teuer zu stehen. Denn statt Geld zu verlangen, werden persönliche Daten gesammelt - ob wir damit einverstanden sind oder nicht. Das macht aus den Nutzern ausgebeutete Objekte: Eine gefährliche Entwicklung, die mit Demokratie wenig zu tun hat. Besser wäre es meiner Ansicht nach wir würden für die Services bezahlen. Doch das muss nicht das einzige Modell bleiben. Wenn die Internet-Firmen wirklich so innovativ und radikal sind wie sie von sich behaupten, erwarte ich auch, dass sie ihr eigenes Business-Modell neu erfinden.

Wie könnte die Lösung aussehen?

Wir müssen zunächst darüber nachdenken, was uns menschlich macht und vom Computer oder einem Netzwerk unterscheidet. Wir müssen die Historie im Auge haben und daraus lernen, und wir brauchen mehr öffentliche Aufsicht, die im Ernstfall eingreift. Zudem müssen die Unternehmen zusammen an Lösungen arbeiten. Auch jeder einzelne ist in die Pflicht genommen, sich quasi selbst zu regulieren, um sich von der Tyrannei des gegenwärtigen Moments zu befreien. Heute denken viele ja nurmehr über das letzte Facebook-Update nach oder den letzten Tweet anstatt unsere Gesamtsituation zu überdenken. Hier müssen wir beginnen.

Andrew Keen gehört zu den Speakern der Marketing Convention 2015. Die neue W&V-Konferenz für Marketingentscheider findet am 16. Juni in München statt. Hier gibt es weitere Informationen und die Möglichkeit zur Online-Buchung.


Autor:

Irmela Schwab
Irmela Schwab

ist Autorin bei W&V und LEAD digital. Die studierte Germanistin interessiert sich besonders dafür, wie digitale Technologien Marketing und Medien verändern. Dazu reist sie regelmäßig in die USA und ist auf Events wie South by Southwest oder der CES anzutreffen. Zur Entspannung macht sie Yoga und geht an der Isar und in den Bergen spazieren.



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