Frau Professor Linnhoff-Popien, Sie haben eine ganze Reihe von namhaften Partnern im Verein versammelt. Inwiefern verbindet diese unterschiedlichen Unternehmen das Thema Digitale Transformation?

Die Partner kommen aus den verschiedensten Branchen: Versicherung, Medien, Infrastruktur, Wissenschaft, Dienstleister, Marketing und andere. Es sind Anbieter und Anwender dabei. Doch alle beschäftigt die gleiche Frage: wie kann ich den Veränderungen des Digitalzeitalters begegnen? Wie schaffe ich es, neue Geschäftsmodelle umzusetzen? Dabei haben die Anwender Fragen und die Anbieter eventuell die richtigen Bausteine für Lösungen.

Sie setzen auf der Ebene Digitale Stadt auf. München ist nun eine Stadt, in der sich auch die Politik gern die Digitalisierung auf die Fahnen schreibt und gleichzeitig die Stadtverwaltung mit einer der krudesten IT-Systeme arbeitet, das ich je erlebt habe. Was sprach für den Fokus München?
Ich lebe und arbeite in München. Ich habe mit der Aloqa GmbH ein Startup in München mit gegründet, das wir in einem sehr erfolgreichen Exit ins Silicon Valley verkauft haben. München ist DIE Digital-Metropole! Wir haben mit großen, mittelständischen und kleinen Firmen die Anwender- und Anbieterindustrie hier vor Ort - das heisst, die potentiellen Kunden für neue Geschäftsmodelle. Auf kurzen Wegen kann ich neue Technologien quasi vor der Haustür erproben. Und mit dem besten und innovativsten Flughafen Europas bestehen kurze Wege in die ganze Welt. Daher freue ich mich sehr, dass Stadtrat der Stadt München in einem einstimmigen Beschluss seine Mitgliedschaft im Verein "Digitale Stadt München" beschlossen hat und Herr Bürgermeister Josef Schmid am 1. Dezember 2016 persönlich zu unserem kleinen Digitalisierungskongress kommt. Eine tolle Unterstützung!

Was können Sie als Verein besser machen und besser anschieben als andere Alternativen?
Es gibt eine Reihe von Netzwerken in München und Umgebung. Die meisten Netzwerke haben eigene Räumlichkeiten oder mieten sich eine Tagungslocation. Wir haben ein völlig anderes Konzept: wir treffen uns in den Firmen. Dennoch sind wir völlig unabhängig. Hinter dem Treffen steht nicht das Ziel, Umsatz oder Gewinn zu machen. Der Verein will für seine Vereinsmitglieder da sein und Wissen aus unterschiedlichsten Perspektiven vermitteln.

Sie beschäftigen sich auch in Ihrem Innovationszentrum mit Digitalisierungsthemen. Was sind die größten Baustellen in Deutschland?
In unserem Innovationszentrum beschäftigen wir uns mit echten Innovationen: Mit BMW gehen wir das Thema Intelligente Ampelsteuerung für Smart Citys an, mit Rimowa, Airbus und T-Systems haben wir den ersten intelligenten Koffer der Welt entwickelt. Die erste und einzige vom Sicherheitsbeauftragten des Bayerischen Freistaats geprüfte SchulApp ist dort entstanden, und für Siemens bearbeiten wir das Thema Industrie 4.0. Neben dem Bandbreitenausbau als generelles Thema in Deutschland ist die größte Baustelle für eine Firma, zu erkennen, was sie selbst tun kann und muss, um den Anschluss an das Zeitalter der Digitalisierung nicht zu verlieren. Hierfür braucht es intelligente, kreative Menschen, die sich auf Neues einlassen. Anregungen dafür soll unser Netzwerk Digitale Stadt München geben, in dem jeder vom anderen lernen kann.

Sie sprechen davon, eine Plattform zu schaffen. Können Sie mehr zu den Plänen zu DigiTalks und Netwerk-Events sagen?
Den Auftakt unserer DigiTalks macht die Firma Unify. Zum Thema Smart Enterprise Collaboration treffen wir uns bei Unify und schauen uns dort nach Impulsvorträgen und einem Get Together das Format "Please touch!" über den Dächern Münchens mit Unify on tour an. Das ist viel spannender als ein Ausstellungsstand am Rande einer Messe. Wir werden Digitalisierung erleben! Weitere Firmen haben angeboten, Folgeevents zu organisieren und am 1.12.2016 wird unser Kleiner Digitalisierungskongress mit namhaften Rednern von Firmen aus ganz Deutschland am Flughafen München stattfinden.

Gleichzeitig möchten Sie das Ganze auch mit einem eigenen Magazin und einer Online-Plattform begleiten. Was soll hier entstehen?

Digitalisierung ist eine globale Aufgabe. Nach der Bündelung der Interessierten in und um die Stadt München herum wollen wir einen Schritt weiter gehen und andere Städten und andere Netzwerke in unsere Aktivitäten einbeziehen. Das Interesse und Potential ist immens. Auch wir können von anderen lernen - von der Digitalen Stadt Düsseldorf zum Beispiel, die bereits 350 Firmen in ihrem Verein als Mitglieder gewonnen haben oder von Bonn.Digital, die in Zusammenarbeit mit der Stadt Bonn Projekte identifizieren, um die Digitalisierung vor Ort voran zu treiben. Auch Köln, Berlin, Stuttgart und viele andere Städte haben sehr interessante Ansätze. Daher wollen wir nicht nur lokal, sondern global agieren. Doch mehr wird noch nicht verraten - diese globale Initiative bereiten wir derzeit vor.

Worauf liegt der Fokus? Der Austausch von Information zwischen Wirtschaftsakteuren oder die Aufklärung über Digitalisierungsthemen bei noch fremdelnden Firmen?
Der Fokus liegt auf Authentizität. Am besten macht man das, was man gut kann. So wollen wir Stärken der Mitglieder unseres Netzwerkes bündeln und die Möglichkeit bieten, vom anderen zu lernen - von dessen Erfolgen und auch von dessen Fehlern. Im Zeitalter der Digitalisierung braucht es Mut: neue Dinge auszuprobieren und im direkten Kontakt mit den Kunden zu testen und zu bewerten.

Sie wollen auch den Nachwuchs fördern – unter anderem mit Abos der Zeitschrift für Schulen. Interessiert sich der Nachwuchs zu wenig für Digitalthemen oder geht es darum, Interesse für die Berufsfelder zu wecken? Gerade hier ist der War for Talents ja sehr ausgeprägt.
Unser Nachwuchs in den Schulen ist sehr aufgeschlossen für neueste Innovationen. Unser Zeitalter ist schnelllebig. Daher brauchen wir kurze Wege, wie Wissen an die Schulen kommt, um vermittelt zu werden. Daher wollen wir unser Magazin über ein Schulsponsoring auch Schulen zur Verfügung stellen. So kommen die Aufbereitung von Grundlagen der Digitalisierung und die Erkenntnisse der DigiTalks auf direktem Weg an die Lehrer und diese können aktuelle Themen in den Unterricht einfließen lassen. Im Verein Digitale Stadt München haben wir ein Schulsponsoring beschlossen. Jedes Firmenmitglied finanziert ein Kleines Bildungspaket. Das sind 3 Ausgaben des Magazins für Schulleitung und Lehrer einer Schule. Die Firma Consol hat direkt die Initiative ergriffen. Das Fördern einer Schule ist ihr zu wenig, also hat sie Bildungspakete für 40 zusätzliche Schulen finanziert. Eine Aktion, die Schule machen sollte!



Ralph Pfister
Autor: Ralph-Bernhard Pfister

Ralph Pfister ist Koordinator am Desk der W&V. Wenn er nicht gerade koordiniert, schreibt er hauptsächlich über digitales Marketing, digitale Themen und Branchen wie Telekommunikation und Unterhaltungselektronik. Sein Kaffeekonsum lässt sich nur in industriellen Mengen fassen. Für seine Bücher- und Comicbestände gilt das noch nicht ganz – aber er arbeitet dran.