Matthias Schrader: "Bei neuen WLAN-Routern gehört die Unterdrückung von Tracern und Werbung zum Funktionsumfang."
Matthias Schrader: "Bei neuen WLAN-Routern gehört die Unterdrückung von Tracern und Werbung zum Funktionsumfang." © Foto:Sinner Schrader

Gastbeitrag von Matthias Schrader | | von einem W&V Leserautor

"Content Marketing hat nichts mit Storytelling zu tun"

Matthias Schrader, Gründer und CEO der Hamburger Digitalagentur Sinner Schrader, räumt in seiner Strerath-Replik mit mehreren (angeblichen) Missverständnissen auf: Content Marketing hat demnach nichts mit Storytelling oder Viral-Hits, und auch nichts mit Corporate Publishing oder PR im klassischen Sinn zu tun. Vielmehr gehe es dabei um die Produktion von Inhalten, um "in relevanten Momenten" die Brücke zwischen Marke und Nutzer aufzuspannen. Dabei gilt seiner Meinung nach die Devise: Viel hilft viel.

Von Matthias Schrader

In der vergangenen Woche schrieb Thomas Strerath an dieser Stelle über Content-Marketing (W&V 6/2016). In gewohnt pointierten Sätzen, wenngleich mit einem matten Sound: Der Heilige Gral der Marketingzunft sei mitnichten gefunden, zu viel werde versprochen, noch weniger gehalten. Unterm Strich: Entwarnung für alle, die weder Haus noch Hof auf das Hypethema verwettet hät­ten. Jenen, die es doch taten, war man nach Lektüre des Artikels geneigt, viel Glück zu wünschen, da die Aufmerksamkeit für das Thema nun gewiss abstürzen werde wie die Börsenkurse in den ersten Wochen des Jahres.

Es fällt leicht, Streraths Befund zu teilen. Und das ist das Problem.

Doch der Reihe nach. Warum beschäftigen sich so viele – auch wir – so intensiv mit Content-Marketing? Die Antwort: Unsere Kunden erwarten von uns tragfähige Lösungen für eine Welt, in der sich die Tektonik von Reichweite/Audience, Nutzerakzeptanz und Mediennutzung derzeit massiv verschiebt. Die treibende Kraft ist – man kann es kaum noch hören – die Digitalisierung, die Digitalisierung und abermals die Digitalisierung. Im Einzelnen.

Das System für digitale Werbung ist ganz grundsätzlich kaputt. Die digitalen Champions Google, Amazon, Facebook und Apple – die sogenannten GAFAs – steuern und besteuern heute zu einem ganz erheblichen Teil die Aufmerksamkeitsströme zwischen Marken und Nutzern. Die Preisbildung für diese Zugangsleistung wird in hocheffizienten Auktionsmodellen abgebildet. Im Ergebnis verfrühstücken die Werbungtreibenden hierbei, etwas übertrieben dargestellt, ihre Marge direkt in Marketingkosten, um keine Marktanteile an den Wettbewerb zu verlieren. Anders als bei tradi­tionellen Auktionen bekommt allerdings nicht die Gegenseite (hier: der Nutzer) die Gebotssumme, sondern der Auktionator. Dieses Auktionsmodell kennt man ansonsten nur von staatlichen Frequenz­auktionen – daher auch die Etablierung des Begriffs „Google-Steuer“. Durch die faktische Wandlung von Marge in Marketingkosten bleibt immer weniger Budget für Forschung, Entwicklung und Innovation. Überspitzt: Die Teilnehmer in der Auktionsarena haben Innovationen – und damit ein Stück ihrer Zukunft – an die GAFAs ausgelagert, die dieses Feld aufgrund ihrer Monopolrenditen umso intensiver beackern und das ganze Alphabet der Innovationsfelder von AI bis Space X durchbuchstabieren.

Die Bewun­derung für diese Leistung war über viele Jahre bei den regelmäßigen Silicon-Valley-Touren hiesiger Marketing­verantwortlicher fast körperlich spürbar. Gleichzeitig for­derte diese „Show of Force“-Geste der ­GAFAs schon immer eine gehörige Portion Demut beim Publikum ein. Dies war so lange tolerierbar, wie die digitalen Kanäle nur eine Randbedeutung für die Marken hatten. Heute stellen die digitalen Touchpoints allerdings für so gut wie alle Nicht-FMCGs den mit Abstand wichtigsten Kanal dar. Durch den kontinuierlichen Budgetshift von traditionellen in digitale Kanäle werden im Auktionsspiel die Marketingkosten weiter steigen. Die brutale Effizienz des Modells durchdringt, als Programmatic Advertising getarnt, mittlerweile ebenso die letzten Inventarflächen selbst der eher traditionellen Vermarkter. Geschenkt, dass die Mediaagenturen sich gleichzeitig ihrer Funktion als Agent und Mittler im Markenauftrag zunehmend entziehen und den Verlust ihrer Einkaufsbündelungsfunktion durch Daten­aggregation und die damit verbundenen eigen- und unanständigen Verwertungs­modelle überkompensieren. Seit Jahren gilt die Formel: Je mehr Events wie Dmexco und Online Marketing Rockstars boomen, desto schlechter geht es den Werbungtreibenden.

Die Nutzerakzeptanz für digitale Werbung schwindet rapide. Zugegeben, das Phänomen Banner-Blindness kennen wir, seit es Displaywerbung gibt. Neu ist, dass sich immer mehr Nutzer aktiv gegen Werbung wehren und Teile der Industrie dieses nicht nur immer stärker tolerieren, sondern zunehmend unterstützen. Plug-ins wie Adblock Plus gehören mit Abstand zu den beliebtesten Downloads, die neue Browsergeneration wie der Firefox 42 blocken ohne mentale Belastung schon beim Installieren Out-of-the-box-Werbung, Apples ­Betriebssystem iOS 9 unterstützt zudem erstmals Werbestopper, und bei neuen WLAN-Routern gehört die Unterdrückung von Tracern und Werbung zum Funktionsumfang.

Die Rezeption von Content verändert sich dramatisch. Content wird heute vorwiegend auf dem Small Screen konsumiert – und damit seines Umfelds beraubt und in Milliarden algorithmisch kuratierter, personalisierter Streams ständig neu kon­fektioniert. Die Magnetkraft von Medienmarken als bewusst angesteuerter Destination schwindet in der mobilen Welt. Mit dem Verlust des Umfelds verliert der Publisher die Berechtigung eines Premiumpreises für seinen aufwendig erstellten Content. Denn dieser rechtfertigt sich ja aus einem Imagetransfer des Werbeträgers (und der heißt nun mal immer öfter Facebook) und weitgehend abgeschlossener Zielgruppen, die aber ohne Umfeld auch durch die beste Werbewirkungsforschung nicht mehr modelliert werden können. Dass ohne tragfähiges Monetarisierungsmodell ehemaliger Qualitäts-Content zu reiner Klickware herabgestuft wird, erleben wir täglich im Netz. Bedeutender ist für den Werbekunden, dass in seinen Media­plänen die Zeilen mit den Medienmarken zunehmend ausgeblendet werden und er seine Zielgruppen nur noch durch automatisiertes Targeting zuverlässig erreichen kann.

Programmatic Advertising unterliegt am Ende wieder dem Preismodell der Auktionswelt, und so schnappt die Falle auch hier zu. Zudem ist der Pixel-Real-Estate des Smartphones fest in den Händen der GAFAs. 20 Jahre nach dem Siegeszug des Internets erleben wir einen Flashback: Die Walled Gardens waren seit den Zeiten von AOL und Compuserve nicht mehr so abgeschottet.

Wo bleibt nun für die Marken zwischen den digitalen Gatekeepern einerseits und den Kontaktvermeidungstaktiken der Nutzer andererseits die Lösung? Darauf gibt es keine schnellen Antworten. Ich glaube aber keine Sekunde an „Business as usual“. Wo­ran ich glaube: Jedes Unternehmen braucht eine tragfähige und individuelle Strategie, um in der heutigen GAFA-Welt zu überleben. Um diese Strategie zu entwickeln und sie auszurollen, bedarf es vielen Muts, auch zum Ausprobieren. Content-Marketing kann hier für viele Marken ein sinnvoller Baustein sein – vor allem, um sich als unglaublich guter Trojaner in die Aufmerksamkeitsstreams der Nutzer zu hacken. Hierfür gilt es jedoch, ein paar wichtige Voraussetzungen zu beachten und Missverständnisse über Content-Marketing auszuräumen.

Content-Marketing braucht signifikante Investitionen. Der Production-Value von Texten, Fotos und Filmen muss mindestens das Niveau vergleichbarer Verlagsobjekte haben – sie aber gleichzeitig nicht signifikant übersteigen oder überproduziert wirken. Wenn’s nach Werbung riecht, ist es Werbung. Kostentreiber ist die Quantität! Um in der Relevanz-Logik des Netzes Aufmerksamkeit zu finden, braucht es große Content-Mengen. Nur so besteht überhaupt eine Chance, in die Alltagsstreams der Nutzer zu gelangen. Es geht also nicht um Content-Reduktion, sondern im Gegenteil um Content-Expansion. Im Google-/Facebook-Internet kann es gar kein Zuviel an Content geben, weil die unglaublich guten Algorithmen immer nur genau den Content zum User spülen, der Relevanz verspricht. Es ist also vollkommen aussichtslos, erfolgreiches Content-Marketing aus den Budgettöpfen bestehender PR-, Corporate-Publishing- oder Kommunikationsetats bestreiten zu wollen. Im Kern geht es um partielle Substitution von Paid Media. Ein grober Richtwert sind zehn Prozent vom Media­volumen; und Jahresbudgets im sechsstelligen Bereich sind ein knappes Höschen.

Content-Marketing hat nichts mit Storytelling, viralen Hits und "Bigger than Life"-Inszenierungen zu tun. Dafür gibt es die andere Schublade – Werbung. Der grandiose #Heimkommen-Clip hat so viel mit Content-Marketing zu tun wie ­Donald Trump mit Bernie Sanders. Es macht immer wieder perplex, wie die für Impulsprodukte üblichen Marketingtaktiken nun auch auf Produktkategorien von Finanzen, Telekommunikation, Elektronik, Touristik bis hin zu Mobility angewendet werden. Es geht im Content-Marketing um die Ent­wicklung von nutzenstiftenden Inhalten. Und ja, diese können auch unterhaltend sein, müssen aber vor allem in relevanten Momenten die Brücke zwischen Marke und Nutzer aufspannen – ohne sie jeweils immer wieder teuer neu aufbauen zu ­müssen.

Content-Marketing besitzt eine durch und durch digitale DNA. Alle Versuche, klassische Corporate-Pub­lishing- und PR-Mechaniken eins zu eins ins Digitale zu übertragen, scheitern und sind Content-Friedhöfe. Der ganze Prozess der Themenfindung, Produktion und ­Optimierung der Formate muss streng analytisch und datenbasiert erfolgen, um die hohe Investition mit einer guten Aussicht auf Erreichung der Ziele zu rechtfertigen. Hierzu bedarf es eines kulturellen Wechsels auf beiden Seiten des Tisches: Journalisten müssen Redaktionsplan und Morgenkonferenz zum guten Teil gegen Google Analytics tauschen und Marken ihren Content-Teams die nötige Beinfreiheit gewähren, den Job in Realtime ohne Abstimmungsprozesse zu erledigen.

Die Distribution von Content spielt eine zentrale Rolle. Content muss für die unterschiedlichen digitalen Kanäle aufbereitet, konfektioniert und mit Media-Rückenwind vermarktet werden. Automatisiert und mit laufender Optimierung. In diesem Zusammenhang ist wichtig, dass die Unterscheidung von (objektiv) gutem, schlechtem oder mittelmäßigem Content müßig ist. In der Volumenproduktion von Content ist sehr schnell sichtbar, was funktioniert und was nicht. Hier arbeiten die Rückkopplungsschleifen aus der digitalen Welt sehr robust. Der Einsatz von Mediageld für die Distribution ist kein Widerspruch zum übergeordneten Ziel, mit Content die Investition in Paid Media teilweise zu substituieren. Denn mit Media-Support lassen sich Content-gestützte Reichweiten dauerhaft effizienter und zielgenauer aufbauen als durch klassisches Paid Media.

Content-Marketing darf sich dem harten Druck gelernter digitaler KPIs nicht entziehen und muss ­hieran gemessen und gesteuert werden. Es geht um Visits, Verweilzeiten, CPLs und CPAs. Hierfür muss das Content-Marketing nahtlos in das Audience-Management und die digitalen Plattformen der Werbungtreibenden integriert sein.

Wer heute ernsthaft versucht, aus der Falle der GAFA-dominierten Marketinglogik auszubrechen, hat mit Content-Marketing nicht automatisch alle Themen gelöst. Aber viele Marken haben mit Sicherheit ein spannendes Instrument mehr im Koffer, ­ihr Marketingsystem zu überprüfen und erfolgreich weiterzuentwickeln.

"Content Marketing hat nichts mit Storytelling zu tun"

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