Am Mittwoch dann vor allem eines: Spannung auf die Gewinner aller Kategorien und die Preisverleihung. Neben den Siegern hatte ich natürlich einige persönliche Favoriten, die es leider nicht aufs Treppchen geschafft haben. Das Redesign des Dutch National Opera & Ballet ist bei mir zum Beispiel aus der Vorjurierung in Erinnerung geblieben – meine Jury-Kollegen hingegen konnte es nicht überzeugen. Auf jeden Fall nehme ich eine Menge an Eindrücken mit nach Hause: Ich habe viele Arbeiten gesehen, die einen zweiten Blick verdient haben und die ich meinen Kollegen in der Agentur noch einmal präsentieren werde. Die Inspirationsphase für das kommende Jahr beginnt – Danke, Helsinki!

Ein Interview direkt aus der Jury-Sitzung - Gregor Ade im Gespräch mit Achtung-Chef Mirko Kaminski:

Dienstag, 2.12. - Tag zwei in Helsinki:

Vier Thesen zu Design – und viele uneitle Kollegen                  

Das Wichtigste gleich zum Auftakt: Mittlerweile weiß ich, dass in der gestrigen „Eurobest-Sauna“ wohl ganze zwei männliche Kollegen saßen. Offensichtlich haben sich also die meisten anderen wie ich für eine der zahlreichen Essenseinladungen entschieden. Ich war ja beim Abendessen der deutschen Juroren, das von Werbe-Weischer ausgerichtet wurde. An dieser Stelle schon mal vielen Dank – es war phantastisch! Nicht nur, weil das Restaurant Toscanini sehr stylish und das Essen ausgezeichnet war, ich hatte auch eine ausgesprochen angenehme Tischnachbarin: Viviane Blumenscheid, freie Filmemacherin aus Berlin und Mitglied der Jury „Film Craft“. Der Abend wurde auch dank ihr sehr spannend und tiefgründig.

Nach kurzer Nacht ging es heute weiter mit den Jurierungen und der Frage, welche Einreichungen mit Gold, Silber oder Bronze prämiert werden. Die deutschen Beiträge in meiner Jury waren in der Regel sehr konsequent gestaltet und durchdacht. So viel zum Klischee. Und doch gab es Ausnahmen, die sich ganz auf eine emotionale Idee verließen und dadurch eine enorme Kraft entfalten konnten. Ich darf natürlich noch nichts verraten, aber die deutschen Agenturen werden auch in diesem Jahr wieder gut abschneiden. Inhaltlich belegte der Eurobest für mich eindrucksvoll vier Thesen. Erstens: Design kann tolle Geschichten erzählen und dadurch tief und nachhaltig berühren. Zweitens: Design kann einen wirklichen Change, eine Transformation von Markenerlebnissen, herbeiführen. Drittens: Gutem Design gelingt es, komplexe Inhalte einfach und menschlich nahbar zu vermitteln. Und schließlich: Es kann großartiges Handwerk in allen Disziplinen sein.

Ein weiterer positiver Eindruck, den ich mit nach Hause nehmen werde, betrifft meine Jury-Kollegen: Diese waren erfrischend uneitel und aufgeschlossen. Ein Stil, der so gar nicht zu allen Mad-Men-Phantasien passt, die man sich zuhause vielleicht ausmalt. Hat sich unsere Branche also tatsächlich verändert? Sind die Werber von heute plötzlich alle Teamplayer? Inhaltlich hart gerungen wurde zum Glück trotzdem und heute musste unser Juryvorsitzender Bruno Stucchi mehrmals einschreiten. So muss das sein!

Montag, 1.12. - Tag eins in Helsinki:
Über Alvar Aalto und deutsche Hochzeits-Bräuche

Der erste Tag des Eurobest Festivals ist rum – und es ist Zeit für mein erstes Fazit. Nämlich: Wenn man von halb neun bis kurz vor sieben Uhr in einem Tagungsraum sitzt, ist es völlig egal, dass es in Finnland noch früher dunkel wird als in Deutschland. Man hat schließlich den ganzen Tag gut zu tun und bekommt vom Leben „dort draußen“ wenig mit. Immerhin hatte ich die Gelegenheit, für eine halbe Stunde den Tagungsräumen zu entfliehen: Mein Kopf brummte und ich habe die Zeit für einen kleinen Spaziergang durch die Stadt genutzt. Bei minus fünf Grad trieb es mich dann aber doch schnell wieder zurück in die Finlandia-Halle. Diese ist übrigens ein Werk der finnischen Architektur-Ikone Alvar Aalto und damit praktischerweise Teil meines Sightseeing-Pflichtprogramms.

Zum Aufwärmen traf ich an der Kaffeetheke meinen deutschen Kollegen Jan Harbeck von BBDO Berlin. Sein erster Eindruck von der Arbeit in seiner Jury bestätigt meine Erfahrung: Die Dichte der Arbeiten ist unglaublich hoch, das Niveau ebenso und es fällt verdammt schwer, aus der Vielzahl der phantastischen Einreichungen eine Shortlist zu erstellen. Wie mag das wohl erst morgen bei der Diskussion über die Gold-, Silber- und Bronzeränge werden?

Für heute ist die Arbeit jedoch getan: Ich freue mich auf das Abendessen für die deutschen Juroren und Organisatoren der Weischer Group. Damit steht jedoch auch fest: Ich verpasse den großen Sauna-Abend für die Gesamtjury. Ich bin ja mal gespannt, morgen zu erfahren, wer wirklich nackt in der Sauna saß und anschließend in den angefrohrenen See gesprungen ist.

Und eine Kleinigkeit habe ich noch: Ich wurde heute in Anbetracht einer Einsendung gefragt, ob es in Deutschland wirklich Tradition ist, dass man zum Polterabend Porzellan zerschlägt. Das Ganze ist in anderen europäischen Ländern völlig unbekannt! Mehr verrate ich dazu aber noch nicht…

Freitag, 28.11.; Vorbericht                        

Einen Tag dauert es noch, bis ich in Helsinki landen werde und zum ersten Mal beim Eurobest Festival als Juror dabei sein darf. Am Sonntagmorgen – genau gesagt um neun Uhr – erwartet mich das Briefing; gleich danach werden wir entscheiden, welche Arbeiten es auf die Shortlist schaffen. Weil in dieser kurzen Zeit natürlich kein fundiertes Urteil erfolgen kann, hat das Festival für jeden Juror bereits vor dem offiziellen Startschuss längst begonnen: Schon zu Hause haben wir uns fernab jeglicher Festival-Romantik einen Überblick über die Arbeiten verschafft und uns durch unzählige Einreichungen geklickt.

Eine simple Mechanik der Voting-Platform stellte dabei sicher, dass man sich auch tatsächlich ausreichend Zeit für die Beiträge nahm: Erst nachdem alle erläuternden Medien tatsächlich angesehen wurden, ließ sich der Button zum nächsten Projekt klicken. Gute Cases haben es jedoch geschafft, schon innerhalb der ersten 30 Sekunden die wesentliche Story zu erzählen.

Somit habe ich mich mit den Einreichungen in meiner Kategorie bereits beschäftigt – und die "zehn Stunden Zeit", die ich mir hierfür nehmen sollte, waren keinesfalls übertrieben. Natürlich sind mir einige Arbeiten besonders im Gedächtnis geblieben und ich bin gespannt, ob dies auch die Favoriten meiner Jury-Kollegen sind. Gerade bei einem europäischem Wettbewerb wie dem Eurobest frage ich mich: Kommt das, was mich mit meinem deutschen Background begeistert, auch bei Kreativen aus Bulgarien oder Irland gut an? Oder wird es so sein wie beim „Eurovision Song Contest“, dass sich halb Europa einig ist und ich mir nicht erklären kann, warum? Ich bin gespannt und hoffe, dass einzig Qualität siegt.

Darüber hinaus ist der Wettbewerb ja nur ein Teil des Festivalprogramms: Nach den Jury-Tagen warten Vorträge, Diskussionen und Workshops. Ich muss gestehen, dass ich noch gar nicht entschieden habe, welche davon ich besuchen werde. Das überlege ich mir im Flugzeug oder vor Ort. Zunächst gibt es schließlich noch ganz andere Fragen, die geklärt werden wollen. Die wichtigste: Was packe ich eigentlich in meinen Koffer?

Ich hatte Ehrfurcht vor dem schneidend kalten, dunklen Winter in Helsinki – aber nach aktueller Vorhersage erwarten mich am Samstag schlappe null Grad und ein Sonnenuntergang gegen 15:30 Uhr. Das ist gerade mal eine Stunde früher als in Frankfurt und erscheint mir daher erträglich. Völlig irrelevant dürfte meine Kleidungsauswahl für die "Eurobest Sauna" sein, zu der ich eingeladen wurde. Man lockt mich mit traditioneller finnischer Lachssuppe und Wodka – aber ganz ehrlich: Ich bin noch unschlüssig, ob ich mich am Uunisaari-See schwitzend unter meine geschätzten Kollegen mischen möchte.

* Gregor Ade ist Diplom-Designer und arbeitete bei Metadesign, eher er sich mit Ade Hauser Lacour selbständig machte. 2008 holte ihn die Peter Schmidt Group als Kreativdirektor, ein Jahr später war er dort bereits Geschäftsführer. Zusammen mit seinem Team gewann Ade in den vergangenen vier Jahren rund 40 Awards. Er ist Mitglied des ADC und gehört dem Vorstand des Deutschen Designer Club (DDC) an.

Video-Interview: Wie wird man eigentlich Juror in Cannes oder beim Eurobest? Das erklärt Katja Garff vom deutschen Festival-Partner Werbeweischer im Gespräch mit W&V-Videoblogger Mirko Kaminski, dem Gründer der Hamburger Agentur Achtung und Cannes-Juror 2013.


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