Sie sagen, dass die Personen oder die Gruppe emotional stabil sein müssen, um das Scheitern zu ertragen. Aber wie kann man diese positive Einstellung zum Scheitern überhaupt bekommen?

Man kann eine positive Einstellung und einen spielerischen Umgang mit Kreativität bekommen, indem man mit seiner eigenen "mentalen und physischen Box" spielt und das Unbekannte "reinlässt". Verzweiflung sollte als etwas ganz Normales oder Notwendiges angesehen werden, um mit seiner Box an ihren Grenzen zu spielen.

Aber gibt es nicht auch umgekehrt Brainstormings und Kreativsitzungen, die endlos gedehnt werden, obwohl man auf keinen zündenden kreativen Gedanken mehr kommt?
 
Natürlich heißt Qual nicht Krampf und keiner sollte nach einer Kreativitätssitzung krank werden. Man darf Mitarbeiter in ihrer Verzweiflung nicht alleine lassen, man muss ihnen helfen, sie zu handhaben. Meine Erfahrung zeigt aber, dass viele Teams eher zu früh mit den ersten entwickelten Ideen zufrieden sind. Jetzt heißt es aber nicht, zu stoppen. Denn in der Regel sind eher bekannte Ideen entwickelt worden. Die Gruppe befindet sich mental immer noch in der Komfortzone. Die Herausforderung besteht nun darin, diesen Punkt zu überwinden und in Grenzbereiche vorzustoßen. Nun ist der Perspektivwechsel entscheidend. Hier kann man  beispielsweise eine neue Kreativitätstechnik einsetzen, einen anderen Raum aufsuchen, Teams neu mischen oder neue Mitglieder ins Team holen. Hilfreich sind auch körperliche Aktivitäten, eine längere Pause oder die Sinne wachrütteln.
 
Woran merkt man, dass es noch eine Hürde zu überspringen gibt, und woran, dass man vor einer undurchdringlichen Wand steht, die man doch nicht geknackt bekommt? Oder anders gefragt: Ab wann darf man aufhören?
 
Zündende Ideen haben eine ungeheure emotionale Wirkung auf die Beteiligten: Jeder von uns kennt doch das Urschreien, überall am Arm die Gänsehaut, körperliches Kribbeln, unfassbares Glückskopfkino. Dies sind Anzeichen, dass eine wirklich gute Idee gefunden ist. Natürlich muss sie einer kritischen Reflektion standhalten, und nicht aus jeder großartigen Idee entsteht eine Innovation oder ein Markterfolg.
 
Die Angst vor Versagen ist in Deutschland viel zu sehr verbreitet. In Amerika beispielsweise sei der Umgang damit weitaus freier. Inwieweit gehört eine offene Fehlerkultur zu den Grundvoraussetzungen für kreatives Arbeiten?
 
Organisationen, die keine offene Fehlerkultur pflegen, ermöglichen es ihren Mitarbeitern eben nicht, ins Unbekannte vorzustoßen. Sie fördern die Stagnation in der Komfortzone. Welcher Mitarbeiter wagt sich schon in Grenzbereiche, wenn er/sie weiß, dass beim ersten Fehler mit negativen Konsequenzen zu rechnen ist. In Deutschland ist die Etablierung einer offenen Fehlerkultur schwieriger, da Scheitern oft Häme auslöst, gerade bei erfolgreichen Menschen, die einmal scheitern. Hinzu kommt, dass sich auf Grund unserer Industrie- und Produktionsstärke über Jahrzehnte eine Kultur der Fehlervermeidung etabliert hat.
 
Wie kann man eine Fehlerkultur im Unternehmen befördern?
 
Die Fehlerkultur sollte Teil der Organisationskultur, der Werte und Normen einer Firma sein. Daneben bedarf es organisationaler Fehlerkompetenz, um Fehler zu "managen". In Bezug auf Fehler und Scheitern beim kreativen Arbeiten sollten Mitarbeiter emotional und mental unterstützt werden, aber auch methodisch trainiert sein. Natürlich muss diese Kompetenz nicht bei allen Mitarbeitern tief ausgeprägt sein, aber zumindest die Teamleiter sollten darin geschult sein. Dies nützt aber alles nichts, wenn die Geschäftsleitung nicht mit gutem Beispiel vorangeht. Des Weiteren bietet sich eine offene Kommunikation an, also das Sprechen über Fehler und Scheitern. Warum nicht einen Organisationspreis ausrufen für das kreativste Scheitern und die Learnings daraus?
 
Im Brainstorming-Prozess ist Kritik unerwünscht. Wie befördere ich eine angemessene Fehlerkultur im kreativen Prozess? Was sind die Dos und was die Don’ts?
 
Kritik oder kritische Reflektion ist eine ganz wichtige Phase im kreativen Prozess. Vereinfachend gesagt, alternieren immer wieder im kreativen Prozess die Ideenentwicklung und die Ideenbewertung. Entscheidend ist, dass diese beiden Phasen nicht gleichzeitig stattfinden. Kritik während der Ideenentwicklung hemmt. Die kritische Ideenbewertung wird aber häufig unterschätzt. Die Auseinandersetzung mit den Ideen ist zu oberflächlich. Ich rate dann dazu, weiter zu hinterfragen, was die Idee auszeichnet, was an ihr gut ist, was eben noch nicht, wo die Möglichkeiten der Weiterentwicklung liegen. Dies ist entscheidend für das Vorankommen.
 
Bewertungen und Likes und Dislikes gehören zu unserer heutigen digitalen Kultur. Aber aus Angst vor Kritik halten sich viele gern zurück oder äußern nur noch Banales. Ein solches Klima sorgt nicht eben für mehr kreative Ausreißer. Wie kann man zurückhaltende Leute dennoch zu mehr kreativem Mut animieren?

Viel ist schon gewonnen, durch einen wertschätzenden und offenen Umgang miteinander. Gerade beim kreativen Arbeiten ist es wichtig, dass sich die Teilnehmer auf Augenhöhe begegnen und Hierarchie- und Machtstrukturen zumindest beim gemeinsamen kreativen Arbeiten "invisibilisiert" werden. Dies ist nicht einfach und gerade für die Führungskräfte die wichtigste Herausforderung im kreativen Prozess.

Hier geht's zum ersten Teil der Serie: "So werden Brainstormings endlich produktiv".


Autor:

Anja Janotta, Redakteurin
Anja Janotta

seit 1998 bei der W&V - ist die wohl dienstälteste Onlinerin des Hauses. Am liebsten führt sie Interviews – quer durch die ganze Branche. Neben Kreativ- und Karrierethemen schreibt sie ab und zu was völlig anderes - Kinderbücher. Eines davon dreht sich um ein paar nerdige Möchtegern-Influencer.