2. Übertreibungen

Sie ahnen es: Ein Fachtitel wie W&V bekommt fast ausschließlich Pressemitteilungen von Marktführern, Branchenprimi, Rekordhaltern sowie Unternehmen, die mit irgendetwas Weltpremiere feiern. Sofern wir unsere Arbeit sorgfältig machen, übernehmen wir Ihre Fantasietitel nur dann, wenn wir deren Gültigkeit überprüft haben, oder unter Erwähnung der Disziplin, sofern der Führungsanspruch in einer wirklich erworben wurde.

Warum? Unglaubwürdig, klar. Und nicht selten dämlich.

Zu den Übertreibungen gehören auch gern verwendete Begriffe wie die von uns bereits gescholtenen „Offensive“ und „Innovation“ sowie der Gebrauch von Superlativen (siehe: Adjektive). Letztere wirken dann auch gern mal unfreiwillig komisch: Es soll ja Adjektive geben, die sich halt partout nicht steigern lassen, auch wenn Sie und Ihr Kunde sich das noch so sehr wünschen. Zum Beispiel die so genannten „Absolutadjektive“, die Eigenschaften benennen, die es nur ganz gibt – oder gar nicht: absolut, optimal, gleich, verschieden, entscheidend, maximal, leer - oder tot.

3. Anglizismen

Echte und falsche: Wer zu faul ist, um die präzise Bezeichnung zu ringen, greift zum vermeintlich lässigen englischen Ausdruck. Und der, dem Präzision und Verständlichkeit unangenehm sind. Englisches Wortgeklingel lässt der Fantasie enormen Spielraum, ohne dass sich das Gemeinte konkret fassen lässt. Falsch übersetzte englische Wendungen täuschen Weltläufigkeit vor, die in Pressemitteilungen gar keinen Zweck erfüllen. Also versuchen wir, diese Formulierungen zu übersetzen, zu klären, zu entzaubern – wenn wir können.

Warum? Weil das absichtliche Im-Vagen-bleiben nicht viel zu tun hat mit Information. Um die geht es aber der Presse und scheinbar auch der „Presse-Information“. Außerdem: Werden Anglizismen importiert und dann noch konjugiert, passieren Fehler. Die am Ende wieder den Verfasser dumm dastehen lassen. Wenn sie also merken, dass es unlesbar wird oder sie selbst nicht sicher sind, wie das schicke englische Verb denn nun enden müsste: Lassen Sie’s!

(Exkurs: Der Duden schlägt für Fremdwortimporte vor, sie auf „-et“ enden zu lassen. Die von Ihnen geschätzten „promotet“, „postet“ und „faket“ sehen dann gar nicht mehr so hübsch aus.)

Und schließlich: Wer aus gutem Englisch schlechtes Deutsch macht – Beispiele gefällig? „in 2001“, „Sinn machen“, „geschuldet sein“, „ich erinnere das“, „Mund-zu-Mund-Propaganda“ – offenbart nur, dass er weniger gut Englisch kann, als er seinen Leser glauben machen will. Weltläufig? Fehlanzeige.

4.  Wortblähungen

Eine der ältesten Sprachluftpumpen ist es, viele Vor- und Nachsilben willkürlich über den Text zu verteilen. Da wird aus „melden“ dann „vermelden“,  aus „Technik“ die „Technologie“, aus  „erweitern“ die „Erweiterung“. Aber eins nach dem anderen.

Warum vermelden wir nicht? In der Vorsilbe ver- sind mehrere Partikel zusammengefallen, die „vorbei“, „weg“, „heraus“ bedeuten. Melden wir vorbei? – Genau. Der Duden, der mittlerweile überwiegend deskriptive, hat aufgegeben: „vermelden“, steht da, bedeute „(nachdrücklich) in Kenntnis setzen“. Das verbitten wir uns – nachdrücklich.

Warum sind wir technologiefeindlich?  Man liest es überall, weil es den Konzernen besser gefällt (Marketingsprache): Nicht die Technik haben sie verbessert, sondern gleich die Technologie. Allerdings: Technologie ist  die „Wissenschaft von der Umwandlung von Roh- und Werkstoffen in fertige Produkte und Gebrauchsartikel, indem naturwissenschaftliche und technische Erkenntnisse angewendet werden“. Nur heißt „Technik“ dummerweise in den USA „technology“. So herrlich griffig! Dennoch ist der wissenschaftliche Ansatz selten gemeint, wenn uns Presseinfos zu neuen Technologien erreichen.

Warum keine Substantivierungen (wie diese)? Weil ein aktiver Satzbau sich schöner liest  und Verben klarer ausdrücken, was wirklich geschieht. Das haben alle Presseprofis und Redakteure schon einmal gehört.

Nicht immer gelingt es, die gewünschte Botschaft in schlichte, klare Worte zu packen. Auch uns nicht. Aber den Versuch ist es stets aufs Neue wert.


Autor: Susanne Herrmann

schreibt als freie Autorin für W&V. Die Lieblingsthemen von @DieRedakteurin reichen von abenteuerlustigen Gründern über Medien und Super Bowl bis Streaming. Marketinggeschichten und außergewöhnliche Werbekampagnen dürfen aber nicht zu kurz kommen.