Die Digitalisierung und alle Entscheidungen, die von der Politik meist durch tatkräftige Unterstützung von Lobby-Verbänden getroffen werden, haben doch einen immensen Einfluss auf unsere Branche und letztlich auch auf die kreativen Möglichkeiten. Hätte nicht ein Aufschrei durch die Branche gehen müssen, als Günther Oettinger in Kooperation mit der Deutschen Telekom die Netzneutralität beerdigt hat? Allein die Tatsache, dass Oettinger die Position des EU-Digitalkommissars bekleidet, ist absurd. Genauso gut könnte man Joseph Blatter zum Vorsitzenden von Transparency International machen.

Schäubles Reform zur Besteuerung von Business Angels hätte uns ebenfalls zumindest einen Kommentar abnötigen sollen. Denn weniger Investoren bedeutet weniger Startups. Und weniger Startups heißt weniger Kanäle, die bespielt und genutzt werden können. Unternehmen wie Spotify können in Deutschland gar nicht entstehen, weil Interessenverbände wie die Gema noch immer staatlich geförderte Wegelagerei betreiben und jeglichen Fortschritt verhindern.

Lange bevor Vodafone seine Pläne zur Drosselung des Datenvolumens durch den Protest der Kunden wieder ad acta gelegt hat, hätte man ihnen doch als Kommunikations-Profi sagen können, dass dieses Vorgehen im Jahre 2015 indiskutabel ist. Ebenso wie die Pläne der Deutschen Telekom anstelle eines flächendeckenden Glasfaserausbaus die ollen Kupferkabel zu pimpen; und diese "Innovation" dann auch noch mit einer Datenrate von 100 M/bit zu bewerben. Ein Witz, wenn man bedenkt, dass künftige Technologien schnelle Geschwindigkeiten benötigen werden, um sich in der Masse durchzusetzen.

Deutschland steht jetzt schon im internationalen Vergleich nicht besonders gut da. Als Gründer-Land sind wir unbeliebt. Selbst in Rumänien ist das Internet schneller als hier. Und die Innovationskraft, die wir uns so selbstbewusst auf die Fahne schreiben, bringt uns weltweit betrachtet nicht mal mehr ins Mittelfeld.

All das hat auch Auswirkungen auf die Kreativbranche. Mehr als Kreativität braucht es eine Haltung zur Digitalisierung. Auch wenn das bedeutet, dass man mal die Hand beißen muss, die einen füttert. Man kann nicht immer mit einem verklärten Blick über den großen Teich schielen, die großen Internetkonzerne für ihre Marktmacht verfluchen und auf das nächste große Ding aus dem Silicon Valley warten. Stattdessen sollte der deutsche Mittelstand dafür sorgen, dass die Digitalisierung im eigenen Land nicht von einigen wenigen gesteuert wird.

Wenn wir einen Nährboden für Innovationen und Kreativität schaffen wollen, dann müssen wir auch zu den Teilbereichen der Digitalisierung Stellung beziehen und versuchen, sie mit zu lenken. Denn es ist nicht so, dass wir nicht das Potenzial dazu hätten, jedenfalls mangelt es uns nicht an der nötigen Kreativität.

* Der Autor: Mathias Keswani ist Mitgründer und Geschäftsführer der Hamburger Innovationsagentur Nerdindustries. Zur Kundschaft gehören Edeka, Villeroy & Boch, Red Bull, Audi, Tchibo, Otto und Philips. Die Agentur war u.a. an der Entwicklung des preisgekrönten "Audi Test Drive Cube" beteiligt. 


Autor: W&V Gastautor:in

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