"Keine Quersubventionierung": Mirko Kaminski ist Chef der Agentur Achtung.
"Keine Quersubventionierung": Mirko Kaminski ist Chef der Agentur Achtung. © Foto:

| | von Frank Zimmer

"Wissen Sie was, das mache ich nicht mit": Achtung-Agenturchef steigt via YouTube-Video aus Pitch aus

Mirko Kaminski platzt der Kragen: Der Chef der Agentur Achtung hat eine Einladung zum Gratis-Pitch öffentlich ausgeschlagen. Auf YouTube nimmt er sich das "liebe Unternehmen X" und dessen krude Auswahl-Praktiken vor. Der potenzielle Kunde wollte ein kostenloses Konzept, ohne dafür auch nur ein detailliertes Briefung zu liefern und ohne ein Budget für den Erfolgsfall anzugeben. Offenbar kam die Anfrage von einem größeren Unternehmen. Kaminski selbst schweigt sich über den Namen aus, spricht aber im Video von einem "Vorstand" auf Kundenseite. Gegenüber W&V Online erklärt der Hamburger Werber die Hintergründe.

Herr Kaminski, mit Ihrer öffentlichen Pitch-Absage sind Sie jetzt wahrscheinlich der Held der Agenturbranche. Wieviel Überwindung hat Sie das gekostet?

Ich empfinde mich da nicht als Held. Im Gegenteil: Ich komme da meiner Verantwortung gegenüber Mitarbeitern und bestehenden Kunden nach. Wir haben intern abgewogen, wie ein solcher Gang an die Öffentlichkeit auf die Mitarbeiter und die Kunden wirkt. Das Feedback war und ist sehr positiv. Uns haben auch schon einige Kunden darauf angesprochen, die das gut finden.

Ich muss Sie gar nicht erst fragen, welches Unternehmen Sie da zum Pitch einladen wollte, oder?

Um den Einzelfall geht es eigentlich gar nicht. Wir haben derzeit zwei, drei Pitchanfragen die Woche. Und statistisch ist ein Fall darunter, der es unternehmensseitig an Aufwand vermissen lässt. Auch allein um das Pitch-Honorar geht es nicht. Wir haben auch schon kostenlos präsentiert. Dann stimmte aber stets das restliche Setting. Fehlendes Pitch-Honorar ist nicht das Kernproblem.

Sondern?

Mich stört, wenn mit unternehmensseitigem Minimalaufwand eine maximale Agenturleistung abgefordert wird. Da kommt zum Beispiel ein zweiseitiges Worddokument mit einem Briefing, das diesen Namen nicht verdient. Es werden kein Rebriefing und kein Schulterblick ermöglicht. Und überdies gibt es kein Pitch-Honorar. Richtig Gutes kann aber nur entstehen, wenn beide Seiten engagiert daran mitarbeiten. Ich habe auch schon erlebt, dass 60 Agenturen per E-Mail um ein zehnseitiges Gratis-Konzept gebeten wurden. Das funktioniert nicht. Letzten Endes finanzieren das Ihre Bestandskunden. Und eigentlich kann kein Unternehmen wollen, dass es die Pitches anderer quersubventioniert.


Im aktuellen Fall findet Unternehmen X sicher eine andere Agentur.

Wahrscheinlich. Aber jede Agentur, die sich auf so etwas einlässt, muss sich vor Augen führen, was generell für Marken gilt: Wer sich freiwillig auf den Wühltisch legt, kommt da nur mit immensem Aufwand wieder runter. Heute hat mir ein Kunde gesagt: Richtig so. Marken werden für ihren Charakter respektiert, nicht fürs Kuschen oder Discountpreise.

Das Unternehmen X, das Sie in Ihrem Video ansprechen, scheint kein ganz kleines zu sein. Hätten Sie da ein bißchen mehr Professionalität auf Kundenseite erwartet?

Die betreffenden Unternehmen handeln da doch kaum mit Vorsatz. Es gibt viele Gründe dafür, dass es von diesen Pitch-Einladungen mehr und mehr gibt. Der Medienmarkt atomisiert sich, der Konsumentenmarkt ist von immer mehr Wettbewerb geprägt, Zielgruppen werden heterogener. Die Entwicklung beschleunigt sich. Vor zwei Jahren haben nur Nerds über Facebook gesprochen. Google Plus war vor drei Wochen kein Thema. Es wird immer anspruchsvoller, am Ball zu bleiben und gut zu briefen. Das ist in Unternehmen wie auch in Agenturen so. Mich wundert eher etwas anderes.

Was?

Dass meine kleine Video-Botschaft für so viel Aufmerksamkeit sorgt. Denn im Grunde genommen habe ich doch nur das adressiert, was seit vielen Jahren auf Kongressen und Podien gefordert wird.

"Wissen Sie was, das mache ich nicht mit": Achtung-Agenturchef steigt via YouTube-Video aus Pitch aus

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