Thomas Knüwer zur Causa Schramm | | von Katharina Hannen

"Axel Springer hätte seine Nachfolger längst vom Hof gejagt"

"Der Spiegel" watscht "Klick mich. Bekenntnisse einer Internet-Exhibitionistin", den ersten Roman von Piraten-Bundesvorstand Julia Schramm als "Desaster" ab, es gebe keinerlei Erkenntnisgewinn für den Leser. Im Vordergrund der Debatte steht allerdings nicht der Inhalt, sondern die Tatsache, dass Schramm den kostenlosen Download des Buches untersagt. Dabei fordert das Parteiprogramm der Piraten, das "nichtkommerzielle Kopieren, Zugänglichmachen, Speichern und Nutzen" von Werken, um "die allgemeine Verfügbarkeit von Information und Wissen" zu verbessern. Auf den ersten Blick liefert Schramm eine Steilvorlage für die Verfechter des Leistungsschutzrechts. W&V Online sprach darüber mit dem Berater und Publizisten Thomas Knüwer.

Herr Knüwer, wie stufen Sie die Haltung von Julia Schramm ein - besonders im Hinblick auf die Einstellung der Piraten zum freien Datenaustausch im Internet?

Thomas Knüwer: Ich verstehe gar nicht, wo hier die Verwunderung herkommt. Frau Schramm und die Piratenpartei lehnen nicht das Urheberrecht ab, sondern den Begriff des Geistigen Eigentums. Dies tue ich übrigens auch und ganz nebenbei sehr, sehr viele deutsche Gerichte. Dass dieser Unterschied nicht in die Köpfe der Journalisten und Politiker zu bekommen ist, zeugt nur davon, wie sehr in Deutschland gesellschaftliche Debatten ausschließlich auf Talkshow-Niveau geführt werden. 

Das, was gemeinhin von den geistig Kurzspringenden als Geistiges Eigentum tituliert wird, unterscheidet sich erheblich von materiellem Eigentum. Stehle ich zum Beispiel eine Uhr, so habe ich sie - und ihr Vorbesitzer nicht mehr. Immatierielle Rechtsgüter - und dies ist der akzeptierte Begriff - bleiben dagegen beim ursprünglichen Inhaber erhalten. Deshalb muss die Rechtsprechung entsprechend anders reagieren. 

Die gleichen Institutionen, die diesen Unterschied nicht begreifen (oder nicht begreifen wollen), faseln übrigens gern vom Internet als "rechtsfreiem Raum". Merkwürdig: Wieso kann Schramms Verlag dann gegen Raubkopien vorgehen?

Was halten Sie von der Anfrage der Bild-Zeitung, das Buch trotz Springers Positionierung zum Leistungsschutzgesetzt kostenlos auf bild.de anzubieten?

Nimmt noch irgendjemand den Springer-Verlag ernst? Raubkopien gehören für dieses Unternehmen zum Geschäftsalltag. Munter stahl die "Bild" ja zum Beispiel ein Sarrazin-Interview aus "Lettre", dann ein Kachelmann-Gespräch aus der "Zeit" und ein Satire-Motiv eines "Taz"-Redakteurs. Bei Springer wird Wasser gepredigt und Champagner kübelweise gesoffen. Axel Springer hätte seine Nachfolger längst vom Hof gejagt.

Ist von Verlags- und Medienseite aus eine Kampagne gegen diese Einstellung der Piraten zu erwarten?

Die Kampagne gegen die Piratenpartei läuft doch längst. Deutschlands Hauptstadtjournalisten hassen die Piraten, weil diese ihnen nicht so bequeme Zugänge liefern wie die anderen Parteien. Die Art und Weise, wie die Haltung der Partei entstellt und bewusst falsch dargestellt wird, hat mit Journalismus oft nichts zu tun - es ist purer Hass. Erinnern wir uns nur, wie die versammelte Journaille sich erhitzte, als die Piraten während ihres niedersächsischen Landesparteitags ein Drittel (!) des Saals zur privaten Zone erklärten, in der Kameras nicht zugelassen waren - unter anderem aus der berechtigten Angst, es könnten Bildschirme abgefilmt werden. Prompt bildete sich ein wütender Medienmob.

"Axel Springer hätte seine Nachfolger längst vom Hof gejagt"

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Julia Schramm: Wir kapieren es nicht mehr. Und Ihr?

Ekelhaft, doch nicht ekelhaft, geistiges Eigentum, materielles Eigentum, immaterielles Eigentum: Die Debatte um Julia Schramm und den Irgendwie-dann-doch-nicht-gemeinfreien Roman "Klick mich" begreift kein Mensch mehr. Wir auch nicht. Darum wollen wir einfach nur wissen:

1. Ist es für Piraten legitim, ein gerade veröffentlichtes Buch zu kopieren und kostenlos zum Download anzubieten?

2. Wenn es aus Sicht der Piraten legitim ist, warum geht Julia Schramm dagegen vor?

3. Wenn es aus Sicht der Piraten nicht legitim ist, wo ist dann das Problem?

4. Und wo wir schon bei Thema sind, liebe Piraten. Wenn nichtkommerzielles Kopieren in Zukunft erlaubt ist: Wie nichtkommerziell kann eine digitale Kopie sein, die weltweit verbreitet werden kann und dadurch unweigerlich mit dem ursprünglichen Werk konkurriert?

Mehrfach haben wir bei den Piraten nachgefragt - klare Antworten gab es leider nicht. Dafür jede Menge Hinweise auf Parteiprogramme und natürlich sehr viele Links. Selbst ansonsten sehr meinungsstarke Branchenköpfe, die mit den Piraten sympathisieren, erklärten wortreich und sehr ausführlich, warum sie gerade keine Zeit für so ein "äußerst komplexes Thema" haben.

Konstruktive Hinweise, die Licht ins Dunkel dieser Debatte bringen können, nehmen wir gerne entgegen. Sehr gerne über die untenstehende Kommentarfunktion. Vielen Dank. (fz/kh).

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Das nächste Piratenbuch - allerdings ohne Kopierschutz

von Katharina Hannen

Seit einer Woche läuft die Diskussion um Julia Schramms Roman-Veröffentlichung auf Hochtouren. Nun schaltet sich mit Marina Weisband eine weitere Piratin in die Debatte ein - unfreiwillig und von den Medien hineingezogen, wie sie auf ihrem Blog schreibt.

Weisband arbeitet derzeit ebenfalls an einem Buch. Es soll im nächsten Frühjahr auf den Markt kommen und im Gegensatz zu "Klick mich" auch als E-Book ohne technischen Kopierschutz erhältlich sein. Parteikollegin Schramm ließ im Netz zugängliche Kopien wieder sperren und löste damit eine Mediendebatte aus, die ihr Profitgier und Doppelmoral untertsellte. Weisband, die bis April noch politische Geschäftsführerin der Piratenpartei war, fürchtet nun, dass die Medien das unterschiedliche Vorgehen der beiden jungen Frauen nutzen, um sie gegeneinander auszuspielen. "Jetzt kann man natürlich total gut die Kontrastnummer zwischen Julia und mir fahren", heißt es auf ihrem Blog.

Kein Kopierschutz bedeutet allerdings nicht, dass das Buch jedem kostenlos zur Verfügung steht, sondern lediglich, dass es auf beliebig viele Geräte kopiert und dort gelesen werden kann - die private Weitergabe ist davon nicht ausgeschlossen. "Der Verbraucher soll entkriminalisiert werden", so Weisband.

Den verantwortlichen Tropen Verlag von diesem Konzept zu überzeugen, sei sehr hart gewesen. Sie habe vielen Verlagen sogar angeboten, auf einen Teil ihres Vorschusses zu verzichten. 

Beide Frauen sprechen sich prinzipiell für das Urheberrecht aus. Auch wenn sie selbst ein anderes Konzept für ihr Buch gewählt hat, findet Weisband an Schramms Vorgehen nichts "Verwerfliches" und hält die entbrannte "Diskussion für sehr unnötig".

von Katharina Hannen - Kommentare Kommentar schreiben